Wenn dies Sex-Spielzeug surrt und klopft

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Echos aus welcher Kreuzberger Ungezwungenheit: Die Berliner Ballen Avantgarde-Schmöker Die Tödliche Doris hat die Songs ihrer allerersten Tonbandkassette noch einmal neu interpretiert – mit summenden Dildos und Vibratoren.


Im November 1981 soll im Berliner Ballen Klub SO36 ein Musikaufführung mit dem Titel “Berliner Krankheit” stattfinden. Eingeladen sind unter anderem die Einstürzenden Neubauten – und Die Tödliche Doris. Durchaus hat welcher Veranstalter die Schmöker vor dem Musikaufführung keiner gefragt. Man hätte erst via Plakate sachkundig, dass man an dem Abend spielen sollte, schreibt Tödliche-Doris-Sänger Wolfgang Müller in seinem Erinnerungsbuch “Subkultur Westberlin 1979-1989”. Eine Streichung wird vom Veranstalter sehr wohl nicht akzeptiert, und mindestens gibt es 300 Mark Gage. Aufwärts die Szene stellen wollen sich Müller, Dagmar Dimitroff (Schlagzeug) und Nikolaus Utermöhlen (Klampfe) an diesem Abend dessen ungeachtet trotzdem nicht.

Stattdessen wird dies Versuch “Die Tödliche Doris in Fremdverkörperung” durchgeführt: Drei Menschen, die sich nicht Kontakt haben und mit welcher Schmöker bislang nichts zu tun hatten, bekommen dies Geld, proben eine Woche vor dem Musikaufführung eigene Musik zu Texten welcher Tödlichen Doris und spielen dann live.

Dasjenige Musikaufführung im SO36 findet mithin statt, die Bandmitglieder stillstehen jedoch im Publikum und sehen sich quasi selbst zu. “Es ist ein wunderbares Erlebnis”, erinnert sich Wolfgang Müller, “den eigenen Körper mit großer Distanz sehen zu können und dabei zu entdecken, dass er nicht nur Körper ist, sondern auch seinen eigenen Geist hat.” Die Tödliche Doris soll, so die Idee, Neben… jenseits von Müller, Dimitroff und Utermöhlen leben.

In welcher Posse wird dies ästhetische Kurs welcher Tödlichen Doris visuell, die jetzt, via 30 Jahre nachdem ihrer Granularität 1987, ein neues Album veröffentlicht hat: “Das typische Ding – Reenactment (I)”. Die rigorose Verweigerung des Gängigen ist dies Erste, welches einem an dieser Musik auffällt – 1981 wie 2019. Verweigerung sehr wohl nicht wie heroische Zeichen, sondern wie spielerische, jede klare Zuschreibung unterlaufende Strategie.

Andere Bands im Westberlin welcher Achtzigerjahre waren in all ihrem gezwungen abseitigen Gelärme immer klar zu verorten. Die Einstürzenden Neubauten zum Denkweise waren fürderhin nachdem ihrer Gründung wie “die mit den Baustellengeräten und den Pathos-Texten” identifizierbar. Die Tödliche Doris hingegen operiert zwischen Performance Klasse und Popmusik und will ungreifbar bleiben, weiland wie heute. “Alles Flüssige, Offene und Lebendige kann durch Gewöhnung und Wiederholung fest, starr und tot werden”, schreibt Müller.

Womanizer 2Go im Lippenstift-Look

Die ideenreichen Versuche, undefinierbar zu bleiben, ergaben ein vielgestaltiges Werk, dies in den Neunzigern vorübergehend vergessen war, inzwischen dessen ungeachtet in sechs Bänden, vier im Martin Schmitz Verlagshaus, zwei unter Hybriden, umfassend aufgearbeitet worden ist. Die Tödliche Doris veröffentlichte zwischen 1980 und 1987 Kassetten und LPs, darunter zwei platter Reifen, die, wenn man sie zur selben Zeit abspielt, eine unsichtbare dritte getreu, sowie Miniphonschallplatten im 4-Non…Format. Die zuerst drei, später dann vier Bandmitglieder fabrizierten in ihrer Hochzeit außerdem eine schier unüberschaubare Zahl an Performances, Superbenzin-8-Filmen, Texten, Fotografien und Zeichnungen.

Dagmar Dimitroff ist 1990 verstorben, Nikolaus Utermöhlen 1996. Die Tödliche Doris ist heute vor allem ein Projekt von Wolfgang Müller. Dasjenige nun erschienene, angebliche Reenactment welcher allerersten Doris-Tonbandkassette “Das typische Ding” von 1981 wirft zunächst einmal Rätsel aufwärts.

Die Packung enthält eine Platte mit 31 etwa einminütigen Aufnahmen von verschiedenen Künstlicher Penis- und Vibratoren-Modellen. Beigefügt sind wirklich hübsche gezeichnete Geräteporträts von Tabea Blumenschein, dem vierten Mitglied welcher Tödlichen Doris, die seither 1990 weitgehend aus welcher Öffentlichkeit verschwunden ist. Texte gibt es Neben…: Die Selbst… Katrin Kämpf hat die einzelnen Geräte rezensiert, dies liest sich dann so: “Womanizer 2Go wird als Lippenstift-Look-a-Like-Reisevariante des beliebten Klitorispustefixes vermarktet, ist in Wirklichkeit aber fast so groß wie die Standardvariante.”

Man kann versuchen, sich diesem seltsamen Objekt via den Sound zu nähern. Dasjenige Normal “Feder” etwa gibt vereinigen eilfertigen Loop von sich, während die “Vortex Vibrations” weißen Noise und welcher “Motörhead Overkill” perkussive Geräusche fabrizieren. “Little Paul” klingt wie ein beharrliches Kerbtier. Qua Ambient-Musik funktioniert dies Gesurre und Geklopfe jedenfalls schon mal nicht. (Album-Trailer hier ansehen)

Zweitrangig nachdem geläufigen Kriterien dessen, welches gute Musik ist, bleibt dies, welches die Tödliche Doris tut, weitgehend unhörbar. Trotzdem macht sie Spaß und Mut. Sie verbindet die konzeptuelle Ungezwungenheit welcher Avantgarde, die in welcher Realität übermäßig oft eingeschnürt durch heilige Strenge ist, mit einer keiner albernen Heiterkeit. Verstehen muss man all dies nicht. Nur es ist schön, einer Platte mit Künstlicher Penis- und Vibratorengeräuschen zuhören zu können, Neben… wenn sich nicht genau sagen lässt, warum. Man muss ja dessen ungeachtet nicht die Gesamtheit immer aufwärts den Fachbegriff herbringen, dies ist eine zentrale Erkenntnis. Solange es liquid, ungeschützt und lebendig bleibt, ist es gut.

Es geht im Fallgrube dieser Musik mithin nicht zuallererst drum, wie sie klingt. Es geht um Ideen, die Möglichkeiten eröffnen, statt Mögliches durch Definition und Zuordnung zu zupfropfen. Dasjenige Leben im Kreuzberg welcher Achtzigerjahre war, unter aller hervorgekehrten Kaputtheit, charakteristisch von einer Form von Leichtigkeit, die heute unmöglich scheint.

Ein Ort, welcher weitgehend befreit war vom Zwang zur Lohnarbeit und zur Selbstoptimierung, befreit Neben… von Wehrpflicht und schwer verständlich hohen Mieten. Selbige Leichtigkeit ist in den Geräuschen aufwärts “Das typische Ding – Reenactment (I)” noch spürbar. Die Beschäftigung mit welcher Platte nimmt welcher Welt irgendwas von ihrer Schwere.



Die Tödliche Doris: “Das typische Ding – Reenactment (I)” ist am 8. März unter Majorlabel erschienen.

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