China und der Corona-Kampf der Narrative – Top Meldungen

0

Bildträchtig schickt China Hilfe nach Europa im Kampf gegen das Coronavirus – hat das autoritäre System mehr Erfolg in der Krise? Absurd, sagt der China-Kenner Kai Strittmatter. Ein Gespräch über Propaganda und Viren.

Chinas Botschaft in diesen Tagen: Wir haben das Virus im Griff. Null Infektionen werden gemeldet, bildträchtig schickt das Land medizinische Hilfe nach Europa. Über die verführerische Effizienz der Diktatur hat Judith Heitkamp mit Kai Strittmatter gesprochen, der lange für die Süddeutsche Zeitung aus China berichtet und ein Buch über “Die Neuerfindung der Diktatur” geschrieben hat.

Judith Heitkamp : Wie bewerten Sie die Zahlen aus China?

Kai Strittmatter: Ich glaube schon, dass China in den letzten Wochen große Erfolge bei der Bekämpfung des Virus gehabt hat. Und trotzdem wächst das Misstrauen gegenüber diesen Zahlen, auch in China selbst. Diese „null Fälle“, die aus Wuhan gemeldet werden und von anderswo, an die glaubt wohl keiner. Es gibt Berichte, auch aus Wuhan, dass in Wirklichkeit Patienten von Krankenhäusern abgewiesen werden. Aber der Trend ist wahrscheinlich schon so, dass Erfolge da sind.

Jedenfalls signalisiert China nach außen wie nach innen: Unser System ist besser im Kampf gegen die Seuche. Von der politischen Bewertung mal abgesehen – stimmt das?

Das ist natürlich eine ziemlich absurde Behauptung, in Propaganda sind die Chinesen nicht schlecht. Jetzt versuchen sie der Welt gegenüber, was sie mit ihrem Volk immer wieder exerziert haben, nämlich uns zwangsweise eine kollektive Amnesie zu verpassen. Es handelt sich um ein Regime, das sich im Angesicht von Krisen anfangs reflexhaft aufs Vertuschen verlegt und das gerade im Dezember und Januar, in der kritischen Anfangsphase, die Ausbreitung der Seuche aufs Fahrlässigste befördert hat.

Der Arzt, der am anfangs über Corona informiert hatte, wurde zum Stillschweigen verurteilt.

Er ist das beste Beispiel. Li Wenliang hatte Ende Dezember in einem privaten Chat Kollegen berichtet, er habe das Gefühl, dass in seinem Krankenhaus eine Seuche auftrete, die ihn an SARS im Jahr 2003 erinnere. Er wurde daraufhin zur Polizei einbestellt, zusammen mit acht anderen Ärzten, alle acht wurden gezwungen, eine Selbstkritik abzulegen und sich zum Schweigen zu verpflichten. Er selbst ist ein paar Wochen später gestorben, was in China übrigens zu einem erstaunlichen Ausbruch des Volkszorns geführt hat, damals. Genauso erstaunlich ist aber, wie die chinesische Propaganda heute mit diesem Arzt umgeht. Er war Parteimitglied – jetzt ist er der kommunistische Held, gefallen für die Kommunistische Partei, im Kampf gegen die Seuche.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie China seine Wirtschaftsmacht nutzt, auch, um die liberalen Demokratien zu spalten. Die allgemeine Botschaft: Demokratie ist überholt, das neue Erfolgsmodell besteht aus Wohlstand, Smartphone und Diktatur. Wie wird sich die weltweite Corona Erfahrung da auswirken?

Die Absicht der chinesischen Propaganda ist klar. Man verbreitet die Botschaft: Der Westen befindet sich in einer tiefen Krise, kann sich kaum selbst helfen, jetzt müssen die Bomber mit dem Mundschutz und den Schutzanzügen aus China eintreffen. Im Wettbewerb der Systeme, der jetzt wieder da ist, ist das chinesische System das Bessere.

Wie nehmen Sie die Reaktionen wahr? Haben Sie das Gefühl, dass hierzulande zu leichtsinnig mit China geliebäugelt wird?

Ja, ich habe schon das Gefühl, dass die Leute hier sehr lange geschlafen haben, was das angeht, gerade auch die Europäische Union. Es geht ja wirklich darum, dass wir zu einigem Handeln finden, unabhängig von Corona, dass wir Solidarität zeigen, dass wir unsere Stärke zeigen. Da waren die Europäer nicht gut in den letzten Jahren und auch nicht gut in den letzten Wochen. Was China angeht, haben sie gerade zum ersten Mal richtig reagiert. Der Außenpolitik-Chef der EU, Josep Borrell, hat die chinesische “Großzügigkeitsoffensive” als Teil eines internationalen Kampfes um Einfluss bezeichnet. Wir befänden uns, sagte Borrell wörtlich, in einer globalen Schlacht der Narrative.

Wer gewinnt?

Ich glaube nicht, dass Chinas Propaganda am Ende wirklich Erfolg haben wird. Und trotzdem sind die Europäer ein bisschen zu schlafmützig. Wir sind nicht gut in Propaganda, überhaupt nicht. Bei Ländern wie Frankreich oder Deutschland sehe ich keine Gefahr, dass wir plötzlich der Attraktivität der Diktatur und des Totalitarismus verfallen. Wohl aber bei denjenigen, die sowieso in diese Richtung tendieren. Der ukrainische Präsident stellt sich hin und sagt, die Erfahrungen Chinas zeigten, dass Weichheit und Liberalität Verbündete des Virus seien. Auch wenn man nach Ungarn schaut, oder nach Polen, die die Situation nützen, weil sie sowieso gern eine Ausrede hätten. Diese Ausrede wird ihnen jetzt geliefert. Da müssten die liberalen Demokratien Europas viel, viel stärker dagegen auftreten.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer Neuerfindung der Diktatur in China mit digitalen Mitteln, nämlich über Social Media und die Zusammenführung aller Informationen. Jetzt wird relativ plötzlich auch in Deutschland die Handyüberwachung als Mittel gegen Corona diskutiert, sie stand zwischenzeitlich schon in einem Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministers. Was haben Sie gedacht, als Sie davon hörten?

Ja, das ist schon erstaunlich. Aber man muss kein Gegner von diesen Technologien sein, man kann sie demokratisch, transparent und unter Schutz der Privatsphäre nutzen, auch in der Krise. Nur – wie die Diktatur es macht, das zeigt China. Ein Beispiel: Je nachdem, was du machst, wo du dich aufhältst, entscheiden die Algorithmen, ob du ein gelber, ein grüner, also ein gefahrloser, oder aber ein roter Bürger bist, der in Quarantäne muss und deshalb etwa gar nicht in die U-Bahn darf. Und zwar, ohne dass irgendjemand weiß, wie diese Algorithmen zu ihrem Ergebnis kommen. Die Leute sagen: Ich bin doch gar nicht krank, wieso darf ich nicht mehr in die U-Bahn? Die New York Times hat diese App untersucht und herausgefunden, dass alle Informationen direkt weitergeleitet werden an die Sicherheitsbehörden. Das ist der Weg in den digitalen Totalitarismus.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen… In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt. Hier abonnieren!

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht’s zur Anmeldung!

China und der Corona-Kampf der Narrative

Share.

Leave A Reply