Das zeigt die virtuelle Seuchenschau Covid-19 in Ingolstadt – Top Meldungen

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“Das ist nichts, was die Menschheit erstmals erlebt”: Das medizinhistorische Museum in Ingolstadt gibt mit Pest, Cholera und anderen Seuchen der Vergangenheit eine andere Perspektive auf den Ausnahmezustand von heute.

Erster Tag im Homeoffice. Keine Sendung, keine Sitzung. Stattdessen Sonne, Stille und muffiger Kaffee. Zeit für ein bisschen Eskapismus, könnte man meinen. Gäbe es nicht die geschätzte Redaktion. Ein Telefonat reicht und schon ist es wieder präsent, das derzeitige Dauerthema. Und zwar in Form eines Auftrags.

Eine Ausstellung will besprochen werden. Eine Ausstellung, die, wie momentan fast alles, im Netz stattfindet – und die, wie momentan fast alles, nur ein Thema kennt: Krankheit. Das medizinhistorische Museum in Ingolstadt lädt ein zur, kein Scherz, virtuellen Seuchenschau. These derselben: Der Ausnahmezustand, oder das, was wir momentan als solchen erleben, ist historisch gesehen alles andere als eine Ausnahme. Pest, Cholera, Tuberkulose: Seuche war immer. Oder zumindest immer wieder.

Der Leiterin des medizinhistorischen Museums Ingolstadt, Marion Ruisinger wenigstens erwächst Gelassenheit aus der historischen Perspektive: “Vielleicht macht es auch ein bisschen gelassen, wenn man merkt: Das ist nichts, was die Menschheit erstmals erlebt. Eine solch massive Auswirkung eines Seuchengeschehens auf unseren Alltag, das ist natürlich für uns etwas Neues. In unserer, vergleichsweise kurzen, Lebensspanne hat das noch niemand miterlebt. Aber wenn man ein bisschen zurückblickt, sieht man: Für die Menschheit, auch in unserer Region, ist das überhaupt nichts Neues.”

Marion Ruisinger verabreicht ihre Therapie nach dem Motto Gelassenheit durch historische Reflexion, ergo “intellectual distancing” in homöopathischen Dosen: Pro Tag ein Objekt; ein Gegenstand aus Medizin- und Alltagsgeschichte der letzten Jahrhunderte. Vom blau-gläsernen Spucknapf, einem Must-have für den stilbewussten Schwindsüchtigen der Gründerzeit, bis zur grünschimmlig-leuchtenden, gewachsten Kapuzenkutte. Standardausstattung des gemeinen Seuchenarztes zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Sah komisch aus – funktionierte aber. Und das obwohl nach damaligem Wissensstand nicht Bakterien und Viren grassierten, sondern: der Gifthauch.

Und trotzdem: Eine Pestarztmaske, die den Körper vor Ansteckung schützt, die erschließt sich uns auf den ersten Blick. Und das liegt, denke ich, vor allem daran, dass man zwar man immer auch Theorien braucht, um sich die Welt zu erklären, aber dass man natürlich auch beobachtet und auf Basis dieser Alltagserfahrungen handelt. Und bei Seuchen herrscht einfach ein sehr großer Pragmatismus, ist die Empirie handlungsleitend und die Objekte, die dann generiert werden sind für uns dann teilweise wirklich sehr nachvollziehbar.

Wo Seuche herrscht, herrscht also auch die Empirie, die Erfahrung. Wäre fein, stimmt so allerdings nicht ganz. Auch davon erzählt die Digitalschau: Wie mit Krankheit Politik gemacht wurde. Dass die Schnabelmaske heute als eine Art Ikone der spätmittelalterlichen Pestepidemien gilt, ist das Ergebnis bayerischen Kulturchauvinismus’. Verwendet wurde sie tatsächlich kaum. Trotzdem druckte man in Augsburg und Nürnberg Bilder von ihr, um sich über die medizinische Praxis südeuropäischer Länder zu mokieren, denen die eigene haushoch überlegen schien. “Das waren Karikaturen: Die haben sich lustig gemacht über die merkwürdige Verkleidung der Pestärzte in Rom oder Marseilles, die so einen Schnabel tragen und rumstolzieren wie Vögel. Das war ein Abgrenzungsdiskurs, und gleichzeitig wollte man dadurch indirekt einen politischen Zweck verfolgen, nämlich das Gesundheitswesen, der deutschen Reichsstädte besonders stark und erfolgreich präsentieren”, sagt Marion Ruisinger.

Weniger harmlos sind solche Abgrenzungsdiskurse freilich, wenn es um den Ursprung der Krankheit geht. Anscheinend gilt immer noch, was Susan Sontag in ihrem Essay über AIDS und seine Metaphern schreibt, nämlich: “dass eine Verbindung zwischen unserer Vorstellung von Krankheit und unserer Vorstellung von Fremdheit besteht.” Kurz gesagt: Krankheit ist immer die Krankheit der Anderen. Pest war im Mittelalter die Krankheit der Juden, Syphilis die der Franzosen, AIDS dann viel später die der Homosexuellen und Fixer. Und Covid-19? – Ist die Krankheit der Chinesen, wie Trump nicht müde wird zu twittern. In einer künftigen Geschichte der derzeitigen Pandemie darf auch das nicht fehlen. Wobei noch unklar ist, ob Covid-19 nicht eher als Seuche der westlichen Welt in dieselbe eingehen wird.

Die Seuchenschau Covid-19 & History ist auf der Webseite des Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt und auf Instagram: #covid19history.

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