Ein Sammelband vereint Texte zur Absage als kulturelle Praktik – Top Meldungen

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Wer etwas absagen muss, zögert in der Regel und windet sich gehörig – normalerweise. Zur Zeit aber sind Absagen an der Tagesordnung. Gerade jetzt erscheint der Band “Leider nein! Die Absage als kulturelle Praktik”. Einer der Herausgeber im Interview.

Kein Wort dürfte in den vergangenen Tagen so allgegenwärtig bei Kulturveranstaltern gewesen sein wie das Wort Absage. Ob Lesungen, Ausstellungen, Filmvorführungen – alles ist abgesagt auf Grund der Corona-Krise. Die Ironie der Geschichte will es, dass just jetzt ein Buch erscheint, dessen Thema die Absage als kulturelle Praktik ist: “Leider nein! Die Absage als kulturelle Praktik” ist ein Sammelband, und einer seiner drei Herausgeber ist der Literaturwissenschaftler David Christopher Assmann von der Frankfurter Goethe-Universität. Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: Der Namensgeber Ihrer Uni, Goethe, hat mal an Charlotte von Stein geschrieben: “Welche Freude mir die abgesagte Gesellschaft macht, kann ich dir nicht sagen.” Die Freude über abgesagte Gesellschaften können wir derzeit so gar nicht teilen und nachvollziehen. Die krisenbedingten Vereinzelungsmaßnahmen lassen die Sehnsucht nach Gesellschaft sehr, sehr groß werden. Was sagen Sie über diese seltsame Koinzidenz, dass gerade in diesen Tagen, in denen von Film- bis Passionsfestspielen alles abgesagt wird, Ihr Sammelband über die Absage als kulturelle Praktik erschienen ist?

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David-Christopher Assmann: Ja, das konnten wir natürlich nicht vorhersehen, als wir diesen Band geplant – beziehungsweise eine Veranstaltung dazu, einen Workshop – veranstaltet haben. Das ist natürlich eine wunderbare Sache und zeigt eigentlich ganz gut jetzt auch noch einmal im Rahmen dieser Corona-Krise, dass wir mit unserer Idee zu diesem Band durchaus recht hatten. Es bestätigt uns darin, dass die Absage nicht nur etwas ist, was man für gewöhnlich eigentlich vermeiden möchte, sondern auch etwas, was durchaus produktiv sein kann und zu neuen Formen von Kommunikation führen kann.

Der Band basiert auf einem Workshop, der 2018 an der Frankfurter Goethe-Universität stattgefunden hat. “Poetik der Absage” war dieser Workshop überschrieben. Vielleicht können Sie noch mal kurz umreißen, worum es da genau ging?

Die Idee war zunächst einmal zu fragen: Was ist eigentlich eine Absage? Und wie kann man die Form der Absage als eine kulturelle Praktik beschreiben? Wir sind ausgegangen von der Idee, dass jeder oder jede, der oder die etwas absagt, bestimmten sozialen Routinen oder Regeln folgt oder auch ein bestimmtes kulturelles Wissen teilt, das er dann einbringen muss, wenn er etwas oder jemandem absagt. Das heißt, die Absage ist so etwas wie ein performativer Sprechakt, ein Performanzritual, das durch eine sprachliche Äußerung Realitäten schafft. So viel zur systematischen Ebene auf der einen Seite. Gleichzeitig kann man sagen, dass die Absage etwas Alltägliches ist. Ein alltägliches Phänomen ist auf der anderen Seite aber auch immer etwas, was es zu vermeiden gilt, nämlich insofern, als unsere moderne Gesellschaft uns wahnsinnig viele Möglichkeiten gibt. Wir können normalerweise zu wahnsinnig vielen Veranstaltungen gehen. Wir können uns mit diesem Menschen treffen und jenes Jobangebot annehmen und so weiter. Das heißt, wir müssen uns irgendwie entscheiden, und wir können gar nicht auf diese Vielfalt von Angeboten eingehen. Insofern ist die Absage eine alltägliche Erscheinung, aber zugleich auch immer etwas, was man vermeiden möchte. Denken Sie zum Beispiel daran: Sie haben eine Bewerbung auf eine Stellenausschreibung geschrieben und bekommen dann eine Absage. Dann finden Sie das nicht so gut, oder? Sie müssten sich eigentlich mit Ihrer Freundin treffen, müssen dann diesen Termin jedoch absagen. Absagen provozieren grundsätzlich im Gegensatz zur Zusage Anschlusskommunikation. Denn Absagen müssen legitimiert werden. Sie rufen mitunter Empörung, möglicherweise aber auch Unverständnis hervor. Oder wie im Fall von Corona tatsächlich auch Formen von Solidarität.

Die Rhetorik der Absage, um die es ja auch immer wieder geht, ist ja etwas sehr Interessantes, wie man in Ihrem Sammelband nachlesen kann. Da wird die negative Botschaft oft mit viel “Redeschmuck eingekleidet”, so heißt es bereits im Vorwort. Die Absagen dieser Tage, die höherer Gewalt gehorchen, kommen eher schnörkellos daher per Mail. Anders aber früher. Da kamen die Absagen aus eigener Entscheidung äußerst galant daher: Man “refüsierte”, wie das schöne Wort lautet. Vielleicht können Sie das mal anhand der Absage beschreiben, die Sie behandeln in Ihrem Beitrag: Hugo von Hofmannsthal mag in den 1920er-Jahren einer Einladung nicht folgen, vor der Weimarer Goethe-Gesellschaft zu sprechen.

Hugo von Hofmannsthal bekommt von seinem Verleger bzw. Lektor Anton Kippenberg vom S. Fischer-Verlag die Einladung, einen Festvortrag vor der Weimarer Goethe-Gesellschaft zu halten. Und man sollte eigentlich denken, das ist ja eine tolle Sache. Warum sollte Hofmannsthal das nicht annehmen? Denn das ist natürlich eine Instanz oder eine Institution, vor der man ganz gerne auftritt. Hofmannsthal reagiert aber interessanterweise auf dieses Angebot, indem er sich aus dieser Kommunikation so ein bisschen versucht herauszuwinden, indem er weder zusagt noch absagt und zunächst einmal überhaupt nicht auf diese Anfrage von Kippenberg reagiert. Kippenberg muss dann noch einmal zurückfragen, was denn nun los sei. Er habe doch eigentlich, unterstellt Kippenberg Hofmannsthal, schon zu diesem Vortrag zugesagt, und er könne ihn jetzt auch nicht so im Regen stehen lassen. So bringt Kippenberg eine Form von Freundschaftssemantik in diese Kommunikation hinein, der sich dann aber Hofmannsthal, der ihm nach mehreren Wochen erst ausführlich antwortet, auch wieder entzieht. Er sagt weder zu zur Veranstaltung, noch er sagt ab. Hofmannsthal wird diesen Vortrag nie halten, und daran kann man ganz gut sehen, dass sich Hofmannsthal überhaupt nicht auf diese Form von Kommunikation innerhalb dieses literarischen Feldes einlässt. Aber gerade diese Form der Kommunikation ist natürlich eine Form von Distinktionsgeste.

Man kann nicht nicht kommunizieren, könnte man auch sagen. Absagen in all ihrer Gewundenheit wie diese können ja auch etwas Hoch-Komisches haben. Zudem besteht die Komik im Falle Ihrer Geschichte auch darin, dass der Vorsitzende der Weimarer Goethe-Gesellschaft ein Geheimrat namens Roethe war Gustav Roethe. No jokes with names: Aber diese Namensähnlichkeit und die Tatsache, dass die Person auch noch Geheimrat war wie Goethe, hat ja auch ihre lustige Seite.

So kann man das natürlich auch sehen, ja.

Eine Absage kann man auf vielerlei Arten und Weisen erteilen. Welche Formen der Absage aus Ihrem Sammelband halten Sie für besonders außergewöhnlich?

Ein interessantes Beispiel, welches das Ganze dann letztendlich auch wieder in die Öffentlichkeit zieht, wäre Miriam Zehs Aufsatz über den Twitter-Account “Nein Quarterly” von Eric Jarosinski. Jarosinski bekam lauter Absageschreiben, als er sich auf Stellen im akademischen Betrieb bewarb. Diesem akademischen Betrieb hat er daraufhin seinerseits eine Absage erteilt, indem er aus diesem Nicht-Ankommen im akademischen Betrieb ein Projekt auf Twitter machte. Das war dann seine Form des Distinktionsgewinns. Er nannte seinen Twitter-Account ironischerweise “Nein Quarterly” im Jargon der germanistischen Fachzeitschriften und machte daraus dann eine ganz nette Form des Spiels mit den Intellektuellen.

“Leider nein! Die Absage als kulturelle Praktik” der von David Christopher Assmann; Kevin Kempke und Nicola Menzel herausgegebene Sammelband ist beim Transcript Verlag erschienen.

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