“Ich bin Tribünengast auf dem Balkon” – Top Meldungen

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Die Isolation zuhause als Chance zur Erneuerung. Davon reden und träumen viele in den letzten Tagen. Eine schöne Vorstellung, findet auch Autor Benedikt Feiten. In unserer Reihe Corona-Tagebuch beschreibt er, warum das bei ihm nicht so gut klappt.

Seine Doktorarbeit hat der 1982 in Berlin geborene Autor Benedikt Feiten über die Musik in den Filmen von Jim Jarmusch geschrieben. Das ist aber längst nicht alles, denn Benedikt Feiten spielt in einer Band, die sich “my boys don’t cry” nennt, ist Journalist und schreibt Romane. “So oder so ist das Leben” lautet der Titel seines Debütromans, der vor einem Jahr erschienen ist. Benedikt Feiten lebt in München unweit eines berühmten Fußballstadions.

Am Wochenende fällt so richtig auf, dass auf den Tribünen des Grünwalder Stadions gegenüber nichts los ist. Keine Sprechchöre und blecherne Durchsagen, in denen irgendwelche Einwechslungen von Linster Edelstahl präsentiert werden. Fußball gibt es nur im Innenhof, dort spielt ein Vater mit seinem fünfjährigen Sohn. Ich bin Tribünengast auf dem Balkon. Der Vater steht im Gestänge des Wäschegerüsts. Perfide Taktik: Der Kleine kickt erst meterweit daneben und wenn der Vater den Ball holt und zurückpasst, schießt er auf das verlassene Tor.

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Die Nachbarin über mir spielt oder hört den Pachelbel-Kanon in ewiger Dauerschleife. Gestern hatte ich Trompetenunterricht per Facetime. Wenn mir eine Erklärung zu schnell ging, konnte ich sagen “Sorry, nochmal bitte, jetzt hat’s grad gehakt.”

Ich erledige den Wocheneinkauf für meine Eltern. Mache in den engen Gängen des Supermarktes kehrt, wenn mir jemand begegnet. Flüchte wie Pac-Man vor den Geistern im Pixellabyrinth. Meine Mutter ruft an, nennt mir den Treffpunkt, ich trage die Einkäufe raus, stelle sie in ihren Kofferraum, sie düst weiter. Wie ein Kokstaxi, nur umgekehrt.

Eigentlich wäre ich jetzt zur Recherche in Holland. Ich durchstreife den Ort stattdessen mit Google Street View und sehe dort, wie eine Gruppe Männer mir ihre Hintern entgegenreckt. Würde die virtuelle Stadtrundfahrt zum Dauerzustand, dann begrüßten sie alle zukünftigen Touristen bei ihren Rundgängen. Wie eine feste Installation. Männeken Po. Ich fände das tröstlich.

Ich suche nach Computerspielen, die mich bedarfsweise von der Arbeit an meinem Manuskript ablenken. Es gibt ein populäres Spiel, kein Witz, mit dem Namen Ski Sniper, in dem man als Scharfschütze auf Skispringer anlegt. Zur Jahrtausendwende wäre so etwas als antideutsch indiziert worden. Ich kapituliere.

Die Schlagzeile “Nach Corona-Erkrankung: Polizei greift Johannes B. Kerner bei Spaziergang auf” dringt zu mir heran. Sieh an. Von dem habe ich nichts mehr gehört, seit diesem Video, wo er nach dem Champions League Finale mit Campino und Jürgen Klopp rumgröhlt. Johannes B. Kerner, der deutsche Forrest Gump, immer im Sturmauge des Zeitgeschehens.

Das Flüchtlingslager an der türkisch-griechischen Grenze, erfahre ich, ist aufgelöst worden, Menschen seien mit Stöcken in die Busse getrieben worden. Bei uns können viele ihre Miete nicht mehr zahlen. Das alles ist gar nicht mehr in ein Verhältnis zu setzen und doch scheinen die Leute schnell zu festen Meinungen und harten Urteilen zu gelangen. Trotz allem besteht Hoffnung, alles könnte auf eine größere Solidarität hinführen. Zu den Fantasien, sich im Rückzug selbst zu erneuern, finde ich keinen Anschluss. Dabei wäre das doch was. In der Quarantäne verschwinden und dann kann man plötzlich Breakdance. Oder fließend Isländisch. Carpe diem, braver Spätkapitalist. Als wäre es nicht genug, nach alledem irgendwie keinen an der Klatsche zu haben.

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“Ich bin Tribünengast auf dem Balkon”

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