Immer die Welt retten: So kämpferisch war Barbara Rütting – Top Meldungen

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Sie spielte die “Geierwally”, war erfolgreiche Buch-Autorin, überzeugte Tierschützerin und saß für die Grünen im Bayerischen Landtag. Barbara Rütting hatte viele Talente und Interessen. Unerschrocken sagte sie ihre Meinung, auch bei brisanten Themen.

Sie ließ kaum ein “heißes Eisen” aus, auch nicht das Thema Sterbehilfe. Noch hoch betagt startete Barbara Rütting eine Online-Petition unter dem Titel “Gestorben wird zuhause – Ja zum begleiteten Sterbefasten”. Darüber, so die Schauspielerin und Politikerin, hätte sie sich auch gerne mit Gesundheitsminister Jens Spahn unterhalten. Zehntausende unterschrieben ihren Aufruf, ein entsprechendes Gesetz wünschte sie sich zu ihrem 90. Geburtstag. Auch parteipolitisch war Rütting noch bis zuletzt unterwegs, nicht mehr wie früher für die Grünen, sondern als Mitglied der “V-Partei³ für Veränderung, Vegetarier und Veganer”.

Stillstand kannte die viel beschäftigte und allseits interessierte Frau nicht. Sie hatte immer “viel um die Ohren” und war gern “viel in Bewegung”, wie sie in einem Zeitungsinterview verriet. Und auch ihre Lieblingsspeise nannte die “Mein Kochbuch”-Autorin Rütting freimütig: Pellkartoffeln, allerdings nicht mit Quark, sondern mit Leinöl, da sie bekennende Veganerin war.

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1927 in Berlin als Tochter eines Lehrers geboren, debütierte sie 1952 als Schauspielerin und räumte auch gleich den Bundesfilmpreis ab: “Mit fast 20 Jahren war ich zum ersten Mal im Theater und fasziniert von einer Schauspielerin, die in ihrer Rolle die Welt retten wollte. Das wollte ich auch! Dazu kam wohl der Wunsch, aus dem schwer zu ertragenden Nachkriegsalltag in eine schönere Scheinwelt zu entfliehen”, verriet sie 2016 einem Senioren-Ratgeber.

Schnell bekam sie Hauptrollen, drehte mit Hollywood-Stars wie Maria Schell (“Die letzte Brücke”), Sophia Loren (“Operation Crossbow”), John Gavin (“Zeit zu leben und Zeit zu sterben”, Regie Douglas Sirk) und Kirk Douglas (“Stadt ohne Mitleid”). Meist ging es in diesen düsteren, aber wichtigen Filmen um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, um Schuld und Verdrängung. Aber auch in seichteren Produktionen war die Rütting besetzt (“Heideschulmeister Uwe Karsten”). 1956 war sie die “Geierwally” in der Neuverfilmung des populären Alpen-Dramas.

Als die Kino-Konjunktur in den Siebziger-Jahren nachließ, wechselte sie ins Fernsehen, übernahm Episodenrollen in den ZDF-Krimis, etwa im “Kommissar”, im “Derrick” und dem “Alten”. 1985 schrieb sie das erwähnte Kochbuch, das sofort ein viel diskutierter Bestseller wurde. Fortan profilierte sich Rütting als Umwelt- und Tierschützerin und brachte mit ihren grünen Positionen nicht selten die damaligen etablierten bayerischen Politiker zur Weißglut, übrigens auch die Landwirte. Sie kämpfte gegen die Abholzung der Regenwälder, gegen Massentierhaltung, Pestizide und Aufrüstung. Weil sie einen Pharmakonzern im Verdacht hatte, Tierversuche durchzuführen, kettete sie sich an dessen Pforte an.

Als Gründungsmitglied der Grünen war sie idealistisch bis fundamentalistisch, auf jeden Fall kämpferisch und schaffte es 2003 sogar in den Bayerischen Landtag, ein Mandat, das sie allerdings nicht glücklich machte. Unter dem Titel “Wo bitte geht´s ins Paradies?” beschrieb sie im September 2010 ihre Erfahrungen im Parlament, Untertitel: “Burnout einer Abgeordneten und Neuanfang”. Kurz zuvor war sie bei den Grünen ausgetreten und hatte, obwohl 2008 wieder gewählt, ihr Landtagsmandat niedergelegt. Begründung: Die Abkehr der Grünen vom Pazifismus und angeblich mangelnder Tierschutz. Vor allem der deutsche Militäreinsatz im Kosovo, der vom damaligen grünen Außenminister Joschka Fischer unterstützt wurde, empörte sie.

Konsequent war Barbara Rütting auf jeden Fall: Schon 1958 hatte sie an einer Friedensdemo gegen die Wiederaufrüstung teilgenommen. Geboren im Sternzeichen des Skorpions, war sie der Meinung, dass ihr die “Gerechtigkeit in die Wiege gelegt” worden sei, dass sie die Welt “glücklicher” machen müsse: “Fährt der Zug in die falsche Richtung, springe ich ab, auch wenn ich mir dabei sämtliche Knochen breche. Leicht wird das Leben dadurch nicht – aber spannend.” Kinder hatte sie nicht, die “schönen Dinge des Lebens” seien auf der Strecke geblieben, für Freundschaften oft wenig Zeit gewesen.

Das offene Bekenntnis der Rütting zur Esoterik und zu so umstrittenen Gurus wie Osho (“Bhagwan”), aber auch zur bizarren Sekte “Universelles Leben” sorgte für jede Menge erregte Debatten. Das störte die starke und vor allem unerschrockene Frau nicht im Geringsten. Sie ging ihren Weg – gegen Widerstände und Bedenken.

Nach Angaben der V-Partei gegenüber dem BR, starb Barbara Rütting bereits letzte Woche im Alter von 92 in einer Klinik im Spessart.

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