Immerfort lesen: Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin – Top Meldungen

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Sperrig, dunkel, kompliziert: Friedrich Hölderlins literarisches Werk gilt gemeinhin als schwierig. Trotzdem sind seine poetischen und sprachgewaltigen Texte auch an seinem 250. Geburtstag am 20. März weiter präsent. Und manches wird neu entdeckt.

Als Mensch – und damit auch als Künstler – ist Friedrich Hölderlin durchaus präsent. Zu verdanken ist das nicht zuletzt einer intensiven Beschäftigung mit seiner Biographie und seinem Werk in den 1970er-Jahren. Peter Härtlings große Prosa-Biographie wäre ein Beispiel, die Frankfurter Ausgabe der Werke Hölderlins, das riesige Editionsprojekt von D. E. Sattler, ein anderes. Dennoch ist die Lektüre von Hölderlins Dichtungen durchaus auch fordernd. Die Sprache ist feierlich, ernst, immer wieder voller Pathos. Manche Themen – darunter der so besondere Blick in eine vergangene griechische Welt – bedürfen einer intensiveren Vermittlung.

“Hölderlin könnte uns so nah sein wie damals”, sagt die Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. “Und damals – das muss man auch sehen – war er nicht jedem auf diese Weise nah, wie man es gehofft hätte. Man musste Hölderlin auch erst entdecken. Und das taten manche seiner Zeitgenossen. Vielleicht ist es heute an der Zeit, dass wieder Zeitgenossen aktiv werden und ihn entdecken.”

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In der Geschichte der deutschsprachigen Literatur gilt Hölderlin als Solitär, als Einzelgänger zwischen den großen Strömungen der Zeit wie der Weimarer Klassik und der Frühromantik. Diese Verortung mag auch eine Folge seiner Lebensumstände sein. Ein geregeltes Leben – was auch immer man darunter verstehen mag – war Hölderlin schwerlich möglich. Er konnte nur wenige Bücher veröffentlichen, darunter den Roman “Hyperion”. Zu den Schätzen des Marbacher Literaturarchivs gehört ein Exemplar mit der berühmten Widmung für Susette Gontard, Hölderlins große Liebe. “Wem sonst als dir”, hatte er in das Buch geschrieben.

Archiv-Direktorin Sandra Richter blickt kritisch auf die These vom Einzelgänger. “Das ist ein Konstrukt”, sagt die Germanistin im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk. “Wenn man so Literaturgeschichte wahrnimmt, dass nur noch Goethe und Schiller relevant sind, dann fallen viele aus dem Raster. Mit Hölderlin war es nicht so einfach, weil er ein geistiges Ziehkind von Schiller gewesen ist. Schiller hat ihn gefördert, es gab auch so etwas wie ein Zerwürfnis. So richtig hat es nicht geklappt, eine eigene Literaturzeitschrift nach dem Vorbild von Schiller und Goethe zu entwickeln. So vereinzelte sich das Dasein. Was ihn besonders machte, ist diese Position, nicht so sehr im Literaturbetrieb zu stehen.”

Sandra Richter schlägt vor diesem Hintergrund auch eine Neubewertung der späten Gedichte von Friedrich Hölderlin vor: der Texte, die nach 1806 in Tübingen entstanden sind, nach dem psychischen Zusammenbruch. “In den Scardanelli-Gedichten, da wimmelt es zum Beispiel plötzlich von Menschen, die vorher nicht auftauchten. Dann sagt die Forschung: ‘Das sind doch alles triviale Texte.’ Das ärgert mich, der Umstand, dass diese an sich schön schlichten, auch verblüffenden späten Kurztexte wie “Aussicht” so abgestraft wurden und erst später wieder entdeckt wurden als etwas, das den Menschen etwas zu sagen hat.”

Für das Hölderlin-Jahr – aus Anlass des 250. Geburtstages – wünscht sich die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs dann auch eine weitere Auseinandersetzung mit diesem Teil des Werkes von Hölderlin. “Diese späten Texte werden mich noch eine Weile beschäftigen, solche Verse wie ‘Der offene Tag ist Menschen hell mit Bildern’, unterzeichnet mit ‘Scardanelli’. Das ist ein eigentümlicher Vers. Was ist hell? Sind es die Menschen oder die Bilder? Das ist sehr eigentümlich. Die Mehrdeutigkeit solcher Texte ist etwas, was mich besonders beschäftigt.”

Zu den bekanntesten Texten von Friedrich Hölderlin gehört das Gedicht “Hälfte des Lebens”, eine bewegende poetische Reflexion über das Wesen menschlicher Existenz. Andere Dichtungen kommen hinzu, die große Elegie “Brod und Wein”, die Hymne “Patmos”. Im Werk finden sich allerdings auch Gedichte, die wir kritisch lesen müssen, darunter “Der Tod fürs Vaterland” aus dem Jahr 1799, eine Verherrlichung des Krieges. Unter anderem ist dort zu lesen: “Umsonst zu sterben, lieb‘ ich nicht, doch / Lieb‘ ich, zu fallen am Opferhügel.”

“Dieser Aspekt wird oft nicht richtig betrachtet”, sagt die Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter. “Was war eigentlich mit Hölderlin in Kriegszeiten? Das Gedicht ‘Der Tod fürs Vaterland’ war jedem Soldaten bekannt, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Es zählt zu den Texten, die einem Hölderlin in der Tat verleiden können. Er ist insofern auch ein Männer-Dichter und ein Soldaten-Dichter, ein Kriegs-Dichter und ein Kriegs-Verherrlicher. Das war zeittypisch und gehörte auch zu seinem gräzistisch anmutenden Schreiben. Texte wie diesen spart man in der internationalen Rezeption gerne aus.”

Im Nationalsozialismus wurde Hölderlin politisch vereinnahmt, ein Schicksal, das er mit vielen klassischen Autoren teilen musste – mit Goethe, Schiller oder Kleist. Der dem Regime ergebene Philosoph Martin Heidegger machte nach 1933 aus Hölderlin den deutschen Dichter schlechthin. Die Stuttgarter Ausgabe der Werke des Dichters wurde in ihren Anfängen vom NS-Staat gefördert. Der Schriftsteller Karl-Heinz Ott hat ein erhellendes Buch über diese und andere Vereinnahmungen geschrieben.

In den 60er- und 70er-Jahren, im Zuge der Studentenbewegung, wurde mit dieser Lesart gebrochen. Sandra Richter erinnert an die Frankfurter Ausgabe der Werke Hölderlins. “Sie ist unendlich wichtig. Und sie hat den gereinigten Hölderlin der NS-Zeit, der von dorther noch kommt, getilgt. Und sie hat einen anderen, brüchigen und fragmentarischen Hölderlin dagegen gestellt. Einen, der mit sich ringt und der um das Wort ringt. Und der so gar nichts hat von diesem sicheren, gräzisierenden Seins-Dichter à la Heidegger.”

Das Hölderlin-Jahr möchte zu einer intensiven Beschäftigung mit Leben und Werk anregen. In Folge der Corona-Pandemie können derzeit allerdings viele Veranstaltungen nicht stattfinden. Auch die Eröffnung der großen Ausstellung in Marbach – “Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie” – musste verschoben werden. Das Deutsche Literaturarchiv will allerdings auf seiner Internet-Seite die geplante Eröffnungsrede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in digitaler Form zugänglich machen.

Allerdings ist immer Zeit für den Blick in das Werk Friedrich Hölderlins. Sandra Richter, die Direktorin des Literaturarchivs, empfiehlt den einzigen Roman des Dichters: “Hyperion oder Der Eremit in Griechenland”. “Wenn ich jetzt Zeit hätte, würde ich ‘Hyperion’ anschauen. Dort geht es um einen jungen Revolutionär. Er verliebt sich in Diotima, die schöne Seele. Das kann man natürlich auch biografisch lesen. Aber auch unabhängig davon ist er einer, der hohen Idealen nachhängt und enttäuscht wird. Warum und wie genau, das lese man nach.”

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