“Nie habe ich mich so sehr als Teil der Menschheit empfunden” – Top Meldungen

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Diese Krise macht uns zu Nachrichten-Junkies, und das Interesse an der Katastrophe ist wohl sehr menschlich. Diesmal allerdings nicht nur als Angstlust oder Sensationsfreude, schreibt Thomas Klupp in seinem Beitrag zu unserem Corona-Tagebuch.

“Paradiso”, so lautete der Titel von Thomas Klupps Romandebüt, mit dem er 2009 auf sich aufmerksam machte. Es erzählt von einem, der auszieht, um in die Ferne zu fahren, aber dann doch in der Provinz der eigenen Vergangenheit landet. Und dort trifft er, der erwachsen gewordene Gewohnheitslügner und Zyniker, alte Freunde und eine große Liebe wieder. Paradies und Zynismus liegen in der Corona-Krise gleichermaßen fern, unser Weltverhältnis hängt in diesen Wochen atemlos an Meldungen und Zahlen. Doch es hat auch etwas von fast altmodischem Menschheitspathos.

Morgens, noch ehe ich aus dem Bett steige, entsperre ich mein iPhone und date up: den Corona-News-Blog des Guardian, die interaktive Infektionskarte der Johns-Hopkins-Universität, Süddeutsche, Spiegel, Dax; später auch New York Times, FAZ, die Zickzackkurve der Märkte, Guardian, Spiegel, manchmal sogar www.hildesheimer-allgemeine.de.

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Ich date up, während ich am Laptop sitze und arbeiten sollte, ich date up, während ich mit meinen Kindern Fußball spiele, während ich koche oder mich mit meiner Freundin unterhalte. Ich habe nicht nur die täglichen Neuinfektionsraten in den europäischen Staaten parat, kann nicht nur die irrsten Trump-Aussagen frei aus dem Kopf zitieren; ich kenne auch den Namen des südkoreanischen Gesundheitsministers, die Zahl der isolierten Single-Haushalte in der Steiermark – und was die Rednecks von der Schließung der Waffenläden in Kalifornien halten, weiß ich auch.

Ich verstehe nichts von Viren, aber ich entwickle mich zum Corona-Superexperten. Ob Homestory, Kurvenkrümmung, Sicherheitsdebatte: Spätestens seit die Pandemie in Europa wütet, sauge ich Informationen, als hinge mein Leben davon ab. Ich tue das bestimmt auch aus anthropologischen Gründen: Weil ich Mensch bin, und Menschen nun mal neugierig sind. Weil das Interesse an katastrophalen Ereignissen in uns haust wie der Wahnsinn in Colonel Kurtz. Weil es eine solche Situation zu meinen Lebzeiten noch nicht gab.

Aber da ist noch mehr als das. Etwas, das nichts mit Voyeurismus oder Krisen-Geilheit zu tun hat. Im Gegenteil. Da ist das Gefühl einer Art weltumspannenden Empathie. Nie zuvor habe ich mich so sehr als Teil der globalen Gemeinschaft, ja, als Teil der Menschheit empfunden wie in diesen Tagen. Obwohl ich – paradox – nie zuvor isolierter von der Menschheit war. Jeder Klick, jedes Updaten einer Nachrichten-Seite ist, glaube ich, motiviert auch von diesem Bewusstsein, von diesem Gefühl globaler Verbundenheit.

Andererseits ist das aus meiner Perspektive einfach gesagt. Ich wohne mit meiner Familie im Grünen. In einem freistehenden Herrenhaus, umgeben von einem weitläufigen Park. Hier draußen, ein paar Kilometer südlich von Hildesheim, aber noch im Bereich des Bioladen-Lieferservices, ist – bis jetzt – noch Corona light angesagt. An sonnigen Tagen, wenn die Kinder draußen im Park spielen, Corona Zero sogar. Aus diesem Setting heraus Empathie gegenüber der virengebeutelten Menschheit in der Lombardei, in New York oder Seoul zu entwickeln – nichts leichter als das. Jeder Klick und jedes Update spiegelt mir diese beinahe unverschämt privilegierte Lage. Und wie rasend schnell sie sich ändern kann.

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Ich sauge Informationen, als hinge mein Leben davon ab

Das Gefühl einer weltumspannenden Empathie

“Nie habe ich mich so sehr als Teil der Menschheit empfunden”

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