Religion in der Popkultur: Die Serien “Ramy” und “Unorthodox” – Top Meldungen

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Religion spielt bei Netflix und anderen Streaming-Diensten zunehmend eine Rolle. Die Serie “Ramy” über den gleichnamigen muslimischen Mittzwanziger ist preisgekrönt. Ende März läuft die Serie “Unorthodox” an. Welches Bild wird da transportiert?

Im vergangenen Jahr startete in den USA die preisgekrönte Serie “Ramy” über den gleichnamigen Hauptdarsteller, einen Mittzwanziger, der versucht seinen Weg zu finden, zwischen Millenial-Dasein und muslimischem Glauben.

Ramy Hassans Leben ist nicht einfach: Er arbeitet bei einem erfolglosen Start-Up, seine Freundin hat Schluss gemacht und seine Eltern fragen sich, warum ihr Sohn immer noch nicht verheiratet ist. Ramy hat Sex vor der Ehe und möchte irgendwann mal Pilze ausprobieren, aber er bewundert seine Eltern auch für ihren unerschütterlichen Glauben an Gott. Ramy ist auf der Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Das ist nicht wirklich neu – ein klassischer “Coming-of-age-Plot”. Neu ist aber, dass Ramy dabei gläubiger Muslim ist. So gut es eben geht.

“Du wichst zu viel”, ist der trockene Kommentar eines älteren Bekannten, als Ramy sich mit seinen Zweifeln an ihn wendet: Nur weil er Sex vor der Ehe hat, soll er kein guter Muslim sein können? Ramy ist von derart engstirnigen Auslegungen des Islam befremdet. Und muss sich doch eingestehen, dass er selbst sich auch nicht immer davon freimachen kann.

Etwa, als er einmal eine junge Frau datet, die seine Eltern ihm vorgestellt haben. Sie will gleich beim ersten Mal mit ihm ins Bett, Ramy weicht zurück. Sex ja, aber mit einer Frau “wie ihr”, die doch als Jungfrau in die Ehe gehen sollte? Seine Zukünftige braust schließlich entnervt davon, weil Ramy in ihr nur die Muslima sieht.

Es sind Szenen wie diese, die “Ramy” für Esra Karakaya, selbst Muslimin und Host der Online-Talkshow “Karakaya Talks”, so überzeugend machen: “Ich konnte das so gut nachvollziehen.” Sie sieht sich sowohl in der Mehrheitsgesellschaft, als auch innerhalb der muslimschen Community mit Vorurteilen konfrontiert.

Ramy Youssef, der Mann, der sich in der Serie selbst spielt, sagt im Interview mit dem Komiker Jimmy Fallon, er habe die Serie geschrieben, weil er Muslime als ganz normale Menschen zeigen wollte – mit Zweifeln, Sorgen, Widersprüchen. Ihm war aber wichtig, dass der Glaube dabei nicht ausgeklammert wird: “Ich wollte eine Figur schaffen, die tatsächlich glaubt. Und wo man sieht: Das ist das, woran diese Person glaubt, und das ist das, was sie wirklich umsetzt, und da ist einfach ein Raum dazwischen.”

Es ist ein Bedürfnis, das Talkshow-Host Esra Karakaya gut nachvollziehen kann: Sie und ihre Freunde würden in einer sehr säkularen Umgebung leben, in der es gängig sei, ungläubig oder atheistisch zu sein. “In so einer Bubble, religiös zu sein und zu praktizieren aber trotzdem in dieser Welt zu funktionieren, in dieser gesellschaftlichen Norm, das ist manchmal schon eine Herausforderung.”

Eine Herausforderung, die in Ramy sehr lebensnah durchgespielt wird. Die Serie zeigt ihrem Publikum muslimische Identitäten in einer westlich geprägten Gesellschaft, jenseits gängiger Klischees. Esra Karakaya sagt, sie würde sich mehr solcher muslimischer Identifikationsfiguren in den Medien wünschen, auch im deutschen Fernsehen: “In Deutschland würde ich behaupten, funktioniert es sehr gut, muslimische markierte Menschen in Kriminalitäts-Stories reinzustecken – aber da ist dann keine Vielfalt mehr da.”

Religion hat Konjunktur in der Serienwelt, das gilt nicht nur für den Islam. Auch Shows über Juden und Jüdinnen finden sich viele. “Shtisel”, “One of Us” und “Unorthdox”, die Ende März startet, sind drei Produktionen, die allein auf Netflix laufen. Und sie alle haben eins gemein: Sie geben einen Einblick in das Leben streng orthodoxer Communities.

Oft geht es dabei um das, was Ramy Youssef in seiner Serie eben nicht zeigen wollte: Den Bruch mit der eigenen Gemeinschaft. Der Dokumentarfilm “One of us” etwa folgt Ari, Luzer und Etty, drei Juden aus Brooklyn, die ihre streng orthodoxe Community verlassen haben: Die Protagonisten kämpfen mit den Folgen ihrer Entscheidung: Ausgrenzung, Einsamkeit und manchmal sogar körperliche Bedrohungen. Und alle drei müssen sich plötzlich zurechtfinden in einer Moderne, mit deren Mechanismen sie nicht vertraut sind.

Mit ähnlichen Problemen hat auch Deborah Feldman zu kämpfen, die in “Unorthodox” aus den Zwängen einer arrangierten Ehe flieht. Sie studiert heimlich Literatur und wagt schließlich als Autorin in Deutschland den Neuanfang. Der Ausbruch aus einer strengreligiösen, unbekannten Welt – das ist ein Stoff, der offensichtlich viele interessiert. Deborah Antman, jüdisch-feministische Autorin aus Berlin, hält solche Formate dennoch für problematisch: “Das Absurde ist, wenn wir in Deutschland über Jüd*innen sprechen, ist das genau das Stereotyp, das die meisten Leute im Kopf haben, obwohl das ein Judentum ist, das wir ganz wenig in Deutschland überhaupt haben – das ist genau das große Paradox – und das die Lebensrealität von ganz, ganz wenigen von uns widerspiegelt.”

Etwas anders kommt da Shtisel daher, eine israelische Produktion, die aus dem Leben einer ultraorthodoxen Familie im Jerusalemer Stadtteil Mea Sharim erzählt. Auch hier verlangt Gott viel von den Charakteren: Akiva Shtisel, ein verträumter Mittzwanziger, will gerne Maler werden und ist immer noch unverheiratet – beides sehr zum Ärger seines Vaters Shulem, der ihn lieber als Lehrer an einer religiösen Tora-Schule sähe.

Doch anders als in “One of us” und “Unorthodox” ist die Hauptfigur Akiva nicht damit beschäftigt, sich von seinem religiösen Umfeld zu befreien – auch wenn er immer wieder mit ihm in Konflikt gerät. Stattdessen begleitet die Serie ihn und seine Familie dabei, wie sie die durch die Höhen und Tiefen ihres gemeinsamen Lebens navigieren.

Und diese Höhen und Tiefen sind – trotz der fremd wirkenden schwarzen Mäntel, der Schläfenlocken und großen Hüte – in Mea Sahrim dann eben doch nicht so anders als die von säkularen Israelis. Das sagt auch Dov Glickmann, der in Shtisel Vater Shulem spielt und selbst nicht orthodox lebt, in einem Interview mit dem Jewish Broadcasting Service: “In einer Hinsicht ist es eine ganz andere Welt und in einer anderen Hinsicht ist es eine ganz ähnliche Welt. Man sieht, dass die Leute sarkastisch sind, sie haben Humor, sie lachen über sich selbst. Wir haben einen sehr ähnlichen Humor, es ist ein jüdischer Humor.”

Doch so gekonnt Shtisel es schafft, eine Brücke in eine andere Welt zu bauen: Es wäre an der Zeit dafür, dass es mehr jüdische Charaktere gibt, die nicht nur weit weg in verschlossenen Gemeinschaften leben, sagt Deborah Antman: “Wenn wir nur so gated communities zeigen, ignorieren wir total, dass unsere Gesellschaft völlig durchwoben ist von jüdischen Lebensrealitäten ohne dass wir unter Umständen wissen, dass wir Jüd*innen in unserem Alltag um uns rum haben.”

Ramy hat Sex vor der Ehe und ist gläubiger Muslim

Muslime zwischen Vorurteilen von zwei Seiten

Muslimische Identifikationsfiguren in den Medien nötig

Religion hat Konjunktur

Klischees, durch Serien verbreitet?

Religion in der Popkultur: Die Serien “Ramy” und “Unorthodox”

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