“Seit gestern ziehe ich nicht mal mehr die Vorhänge zu” – Top Meldungen

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Zahlen alphabetisch sortieren, Telefonate mit Verwandten in Beirut – und die beunruhigende Vorstellung, wie es sein wird, wenn das Virus die Flüchtlingslager und Slums rund um die Stadt erreicht: Pierre Jarawan schreibt unser Corona-Tagebuch fort.

Pierre Jarawan weiß, wie es ist, über räumliche Entfernung Kontakt zu nahen Menschen zu halten: Der Autor und Fotograf hat Wurzeln in unterschiedlichen Ländern und Kulturen. Geboren wurde er 1985 als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter im jordanischen Amman, nachdem seine Eltern den Libanon wegen des Bürgerkriegs verlassen hatten. Mit drei Jahren kam Jarawan nach Deutschland. Sein 2016 erschienener Debütroman “Am Ende bleiben die Zedern” erzählt von einem Leben zwischen Deutschland und Libanon, gerade hat Jarawan seinen neuen Roman “Ein Lied für die Vermissten” vorgelegt. Auch sein Kapitel in unserem Corona-Tagebuch spielt an unterschiedlichen Orten – trotz Ausgangsbeschränkung.

Seit gestern ziehe ich nicht mal mehr die Vorhänge zu. Die Nachbarn im Haus gegenüber können ruhig sehen, dass ich mich von den Ausgangsbeschränkungen nicht unterkriegen lasse. Da kriegt das Wort “Morgengruß” gleich eine neue Bedeutung. Auf die Yogamatte fällt ein Viereck aus Licht. Zwei Workouts schlägt das iPad mir vor: “Ultimate Body Burner” oder “Happy Hips”. Ein paar Minuten lang stehe ich unentschlossen da. Dann dehne ich ein bisschen den Nacken, und trotte in die Küche. Erstmal Kaffee, und dann die aufgeraute Haut zwischen den Fingern eincremen.

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Es ist nicht so, dass ich gar nicht produktiv wäre. Gestern habe ich auf dem iPad gelernt, wie ich in mein Powerhouse atme. Anschließend habe ich die Zahlen von 1 bis 10 alphabetisch geordnet: Acht, Drei, Eins, Fünf, Neun, Sechs, Sieben, Vier, Zehn, Zwei.

“How is your book going?”, fragt mein Cousin aus Beirut mich am Nachmittag. Wir schreiben uns auf Englisch, weil mein Arabisch nicht ausreicht. Und sofort bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Sollte ich die Zeit, die ich jetzt unverhofft habe, nicht vielleicht dafür nutzen, nach all den verschwundenen Vokabeln zu suchen, die mir über die Jahre entwischt sind?

Ich erzähle von den Absagen. Er schickt ein trauriges Emoji. Er erzählt, in Beirut habe ein Mann aus Verzweiflung sein Taxi angezündet, weil die Einnahmen fehlen, seit das Virus im Land ist. Der Staat ist bankrott. Er schreibt, im Rafik Hariri University Hospital, in dem ein Großteil der Corona-Patienten behandelt wird, drohe die Belegschaft mit Streik, weil sie seit Monaten kein Gehalt mehr erhält.

Mein Cousin schickt ein Foto. Aufgenommen vom Fenster aus. Ich kenne die Kreuzung vor seinem Haus, ich bin oft dort gewesen. Normalerweise staut sich der Verkehr hier so dicht, dass die Luft von den Abgasen gelb ist, aber heute: kein Auto. Ich frage mich, was passiert, wenn das Virus die Flüchtlingslager erreicht, und die Slums. Ich weiß, wie es dort aussieht. Stromkabel baumeln wie Vogelnester über den Zelten und Hütten, die so enge Gassen bilden, dass es unmöglich ist, einander auszuweichen. “Mehrmals täglich Hände waschen”: Schön und gut, aber dafür braucht man auch fließendes Wasser.

Dass die Lager rund um Beirut bisher vom Virus verschont sind – sagt mein Cousin, ist möglicherweise einer bitteren Ironie zu verdanken: Ihre soziale Isolierung erweist sich plötzlich als Vorteil. Weil die Flüchtlinge außerhalb der Camps immer häufiger angefeindet werden, verlassen sie sie nicht.

Dass mein Cousin sich am Abend noch einmal meldet, um mir zu versichern, dass er an mein Buch glaubt, und dass es seine Leser finden wird, ganz sicher, das rührt mich. Ich wünsche ihm Gesundheit, und bitte ihn, meine Grüße der Familie auszurichten. Dann, endlich, klappe ich den Laptop auf. Drei Absagen für Lesungen. Hätte schlimmer kommen können.

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