Stream statt Bühne: Theater experimentieren im Netz – Top Meldungen

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Blogs, youtube-Kanäle, Podcasts und Videos aus dem digitalen Fundus: Die Theater in Deutschland wollen trotz Schließung mit ihrem Publikum in Kontakt bleiben. Mit Live-Formanten im Netz erforschen sie auch Chancen für ein postdigitales Theater.

Die Bühnen dieser Welt sind vielfältig. Wir spielen immer, sagt die Soziologie: im Alltag, im Beruf, im öffentlichen Raum. Oder im Video, auf dem Foto, im Netz. Eine der ältesten und gefräßigsten Bühnen allerdings ist das Theater. Ein Hypermedium, ohne Berührungsängste, das alle anderen Medien integrieren kann, ohne dabei verloren zu gehen. Das Theater, ein leidenschaftlicher Liebhaber, mit der Technik als Geliebten. Lustvolle Affären haben sich so schon ergeben – von den exzessiven Livevideoprojektionen eines Frank Castorf über die überwältigenden Digitalaufrüstungen eines Kay Voges bis hin zu den meditativen Installationen einer Susanne Kennedy. Selten steht dabei wirklich das Theater in Frage. Manchmal verschwimmen Grenzen, aber meist bleibt das Digitale im analogen Rahmen: Leibliche Kopräsenz von Darstellern und Publikum nennt sich der im Fachjargon. Was aber, wenn das Theater ohne seine Hyperbühne Theater machen will? Ja muss, weil von Aufführungen mit Publikum erst einmal dringlich abzuraten ist? Was, wenn sich die Konstellation von Theater und Digitalität umkehrt und Theater sich einnistet im Netz? Wie etwa an den Kammerspielen in München, wo Dramaturg Tarun Kade mit dem Ensemble gerade über neue Formate nachdenkt: “In Zeiten von Social Distancing sind wir eben in der Situation, dass wir eigentlich das, was Theater so ausmacht, was so die Hauptinstrumente sind, nicht zur Verfügung haben. Also wir können uns nicht treffen, wir können die Bühne nicht gemeinsam betreten, wir können auch nicht proben. Was wir aber machen, damit wir nicht die ganze Zeit nur allein Zuhause sitzen, ist, dass wir per Zoom oder verschiedenen Online-Konferenztools miteinander Gespräche führen. Und dadurch entstand die Idee, dass man vielleicht über Zoom auch eine Aufführung machen könnte. Auch wenn man sich nicht gemeinsam in einem Raum befindet.”

An den Münchner Kammerspielen wurden letzte Woche eine vierte Spielstätte eröffnet, die „Kammer 4“. Mitschnitte von Aufführungen aus dem Spielplan stehen hier jeweils für 24 Stunden online. Spannender, weil es die gestellten Fragen aufruft – danach was Theater ausmacht und welche Sehnsucht es stillt – ist aber ein anderes Experiment: Die Inszenierung “Yung Faust” von Leonie Böhm als Live-Webcam-Projekt im Netz. Inhaltlich passt “Yung Faust” ideal zur Idee, sagt Tarun Kade: “In Yung Faust geht es um das Begehren nach Nähe. Und Nähe ist eben genau das, was gerade so schwer ist herzustellen, wenn man immer in mindestens 2m Abstand voneinander ist oder am besten eigentlich die ganze Zeit in seiner Wohnung bleibt, um sich nicht anzustecken. Und wir fragen uns in dieser Online Livecam Performance, ist es möglich, Nähe herzustellen, Begegnung herzustellen, auch wenn wir räumlich so weit voneinander entfernt ist. Und diese Suche nach Intimität auch wenn sie vielleicht nicht erfüllt werden kann, um die wird es an dem Abend gehen.”

Annette Paulmann, Julia Riedler, Benjamin Radjaipour und der Musiker Johannes Rieder werden sich aus ihren Wohnungen über die Internetplattform Zoom zusammenschalten und “Yung Faust” spielen. Weitgehend unabgesprochen, spontant, risikofreudig. Das Publikum ist im Facebook-Livestream dabei, kann kommentieren und Reaktionen der Spielenden provozieren. So entsteht möglicherweise Nähe aus Distanz, Zusammenspiel in der Trennung, Theater ohne Bühne. Was wie die Aneinanderreihung von Paradoxa klingt, hat eine gewisse Logik gerade für eine Aufführung, die immer schon sehr stark auf die Live-Situation reagiert hat. Und deren Inspirationsquelle zugleich die netzaffine Cloud-Rap Szene ist. Goethes Text eingedampft und gesampelt in einer Internet-Aufführung über innere Leere und die Suche nach dem Gefühl. Live und flüchtig, simultan und miteinander.

Natürlich sind die Kammerspiele damit nicht Vorreiter. Räume zwischen Netz, Virtueller Realität und Theater erforschen bereits einige Theaterschaffende. Aber mit den jetzt aus der Not geborenen Netz-Aufführungen können vielleicht zwingender und kritischer denn je neue Ausdrucksformen ausprobiert werden, in denen sich Kernfragen unserer Gesellschaft spiegeln. Eine Hoffnung, die künstlerischen Gewinn genauso einschließt, wie die Möglichkeit des Scheiterns. Das weiß auch Tarun Kade: “Ich hoffe, dass daraus sich vielleicht etwas ergibt. Wir sind aber auch total offen dafür, dass wir dann feststellen, das war eigentlich die größte Quatschidee aller Zeiten. Und wir wünschen uns ja auch nicht, dass wir jetzt plötzlich nur noch im Internet spielen, aber wir versuchen eben irgendwie mit dieser neuen Situation umzugehen und zu schauen, was sich daraus ergeben könnte.” Egal was sich ergibt, Fragen, die ans Eingemachte gehen – über Theater und Gesellschaft – sind jetzt schon aufgeworfen. Wie bei so Vielem in dieser Zeit.

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Nähe aus der Distanz, Theater ohne Bühne

Perspektiven für ein postdigitales Theater

Stream statt Bühne: Theater experimentieren im Netz

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