“Tasten wir uns behutsam durch den Tunnel … ins Freie” – Top Meldungen

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Applaus für die Helden der Krise von den Balkonen, Wut auf Leute, die in Gruppen unterwegs sind – und die zarte Fantasie eines heimlichen geselligen Paradieses in der Stadt: Der Münchner Autor Hans Pleschinski schreibt unser Corona-Tagebuch fort.

Der Schriftsteller und Übersetzer Hans Pleschinski ist kein literarischer Schwarzmaler, sondern ein schöngeistiger Aufklärer mit viel Bewusstsein für Kulturgeschichte. Er hat Briefe von Voltaire und Madame de Pompadour übersetzt, mit seinen Romanen “Königsallee” über Thomas Mann und “Wiesenstein” über Gerhart Hauptmann ist er einem breiten Publikum bekannt geworden. Gerade wurde Pleschinski der Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2020 zugesprochen. Wie erlebt jemand, dem die Kunst auch eine Gegenwelt zur Realität ist und der keine Angst vor Pathos hat, die Corona-Krise?

In diesem bösen Traum, der wahr ist, und der die Welt umfängt, habe ich als Schriftsteller verhältnismäßig gute Karten. Ich bin an Tage allein am Schreibtisch gewöhnt, und das Karussell meiner Gedanken unterhält mich gratis und vielfältig. Schon in meinen Kindertagen hieß es: Der Hans sitzt in der Ecke und schaut nur. Welch sinnvolle Schulung, um in diesen furchtbaren Zeiten durch äußerliche Passivität Leben zu retten, vielleicht auch das eigene.

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Allerdings habe ich mir jetzt durch distanzvolle Spaziergänge – ein anstrengender Slalom an anderen Menschen vorbei – auch schon die Hacken schief gelaufen. Das ist, egal wie und wann der Schrecken enden wird, gesund. Natürlich kommt es in diesen Wochen unter Verschluss – komplett unvorstellbar noch vor einiger Zeit, die Welt unter Hausarrest – auch zu belebenden, für das Gemüt lebensnotwendigen Begegnungen. In meinem Treppenhaus traf ich erstmals eine Mietmieterin, eine Bauingenieurin im Homeoffice. Nach einem solidarischen Wortwechsel schenkten wir uns gegenseitig eine Rolle Toiletten- und eine Rolle Haushaltspapier. Das war im Handumdrehen ein sehr privater und schöner Kontakt. Die Menschheit als Familie wird deutlich.

Anderes wiederum reizt mich aufs Blut: Zeitgenossen, die noch immer keinen körperlichen Abstand wahren, die in Grüppchen daher laufen, was vielleicht besonders mutig wirken soll. Ich werfe ihnen vernichtende Blicke zu und vertreibe den Gedanken, dass solche Leute Tätern ähneln. Abends klatsche ich vom Balkon aus Beifall für die wirklich Mutigen im medizinischen Dienst, in der öffentlichen Versorgung. Vor ihnen leistet mein Herz einen Kniefall, und ihre Einsatzkraft rührt mich wahrhaftig zu Tränen. Gott mit euch und mit uns allen.

Manchmal stelle ich mir vor, dass es irgendwo in München einen kleinen Platz gibt, den niemand auf dem Schirm hat, mit geöffnetem Café, einem Griechen und Italiener und sogar einem kleinen Biergarten. Und die Anwohner bewahren Stillschweigen über dies, allerdings gefährliche Paradies. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Dass kein erlösender Tag X genannt werden kann, macht derartig benommen, dass nur das umsichtige, hoffnungszarte Weiterwursteln hilft.

Ich bewundere die Familien, die es in Wohnungen miteinander auszuhalten versuchen – weiter so, für euer Heil! Ich selbst weiß, dass das Reinigen von Kachelrillen eine der meditativsten Beschäftigungen sein kann. Und eine achthundertseitige Geschichte Burgunds lehrt mich, dass nach Seuchen, Belagerungen, grausigerem Elend als bis jetzt dem unsrigen, die Sonne wieder scheinen wird.

Yes, we can! Nehmen wir uns mental an die Hand und tasten wir uns behutsam, unbeirrbar und so zivil, wie wir es gelernt haben, durch den Tunnel … ins Freie.

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“Tasten wir uns behutsam durch den Tunnel … ins Freie”

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