“Unorthodox”: Eine Serie, die beflügelt – Top Meldungen

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Die Netflix-Serie erzählt eine hoffnungsvolle Coming-of-Age-Geschichte über eine junge Frau, die ihre ultraorthodoxe Gemeinde verlässt – inspiriert vom Leben der Autorin Deborah Feldman und ihrem Bestseller “Unorthodox”.

Anders ist gut, findet Yanky Shapiro (Amit Rahav) als er seine zukünftige Frau Esther, genannt Esty, zum ersten Mal trifft. Die Ehe ist abgemachte Sache, sie wurde von einer Partnervermittlerin arrangiert, wie es in orthodoxen jüdischen Familien üblich ist. Aber die wissbegierige 17-jährige Esty (Shira Haas aus “Shtisel”) ist wirklich anders als die Mädchen und Frauen in ihrer Brooklyner Satmar-Gemeinde – deren Lebensinhalt darin besteht, möglichst viele Kinder großzuziehen. An diesem Nachmittag aber hat sie noch Hoffnung, dass sie ihr Glück und ihre Bestimmung in der Ehe und den starren Regeln ihrer Gemeinschaft finden wird.

Ein Jahr später sitzt Esty im Flieger nach Berlin. Und hier beginnt, so legt es der Netflix-Mehrteiler “Unorthodox” nahe, ihr neues Leben. Von Brooklyn nach Berlin – Die Geschichte von Esty gleicht bis zu diesem Moment der Lebensgeschichte der Autorin Deborah Feldman, die mit ihrem kleinen Sohn die strenggläubige Satmar-Gemeinschaft verließ. Feldman fand ausgerechnet in Berlin eine Heimat – dem Zentrum des Dritten Reiches, aus dem zehntausende Juden mit Zügen in KZs deportiert wurden. Kein Zufall, sagt Anna Winger, Serienschöpferin von “Unorthodox”: viel jüdische Kultur habe in diesem Teil der Erde schließlich ihren Ursprung, Berlin sei gleichzeitig vertraut und furchteinflößend. Dieses Spannungsfeld erlaubt es auch Esty ihre Identität auszuloten.

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Zusammen mit der deutschen Filmemacherin Alexa Karolinski (“Oma & Bella”) hat Anna Winger Feldmans Autobiografie “Unorthodox” adaptiert. Sie lebt seit 17 Jahren in Berlin und hat dort als jüdische Amerikanerin ähnlich-surreale Momente erlebt, wie Esty, erzählt sie im Interview: “Immer wenn mir früher ein alter Mensch begegnete, habe ich mich gefragt, was diese Person wohl im Krieg getan hat.” – Das tue sie heute nicht mehr, aber es sei ein Prozess gewesen, “bestimmte Dinge, zum Beispiel der Klang einer Eisenbahn auf dem Weg durch Deutschland, hören sich für Juden beim ersten Mal einfach anders an.”

Winger und Karolinski weichen mit Estys Ankunft in Berlin von Feldmans Biografie ab, um eine allgemeingültige Geschichte über das Erwachsenwerden zu erzählen. Esty findet schnell Freunde an einer Musikhochschule und träumt davon selbst dort zu studieren. Doch ihre Familie schickt den gutmütigen Ehemann Yanky und dessen abgebrühten Cousin Moishe (Jeff Wilbusch) hinterher, um sie zurückzuholen. Während sich Esty vorsichtig in Berlin einlebt, tauchen wir in Rückblicken in ihr altes Leben ein und erfahren die Gründe für ihren Ausbruch.

Diese Gegenüberstellung von Estys neuer Freiheit und der kleinen, abgeschotteten Gemeinde in Brooklyn hätte in anderen Händen schnell ins Wertende kippen können. Aber die Drehbuchautorinnen Anna Winger und Alexa Karolinski, sowie die Regisseurin Maria Schrader haben einen sanften, einfühlsamen Blick auf beide Welten. Sie nehmen die Perspektive von Esty ein, die ihre Wurzeln nicht kappen – sondern wachsen will.

Die Serie ist ein Produkt der jüdischen Diaspora, die Besetzung kommt aus allen Teilen der Welt, aus New York, Paris, Bukarest, Berlin und Israel. Viele der Darsteller, u.a. der deutsch-israelische Schauspieler Jeff Wilbusch, der den Cousin Moishe spielt, stammen selbst aus ultraorthodoxen Familien und haben wie Esty ein anderes Leben gewählt, so Winger: “sie sind ihrer Herkunft sehr verbunden und lieben ihre Kultur. Nur für sie war es schwierig darin, ihre Identität zu finden. In diesem Sinne unterscheiden sich ihre und Estys Geschichten nicht so sehr von jemandem, der aus einem konservativen Dorf in Bayern in die Großstadt zieht, um ein anderes Leben zu führen”.

“Unorthodox” ist die erste deutsche Serie in jiddischer Sprache, und es ist eine der wenigen deutschen Produktionen über vielfältige jüdische Realitäten und Perspektiven, die auch tatsächlich von jüdischen Filmemacher*innen umgesetzt wurde.

Es ist eine beflügelnde Erzählung über eine unbeirrbare, mutige junge Frau. Dass sie nachwirkt, ist vor allem der bewegenden Performance der Hauptdarstellerin Shira Haas zu verdanken: in ihrer zarten Statur und dem kindlichen Gesicht ist die Stärke und Willenskraft angelegt, die es braucht, um sich weit weg von Familie und Gemeinschaft selbst zu finden.

“Unorthodox” ist bei Netflix abrufbar. Dort finden sie auch eine interessante Kurz-Doku über die Dreharbeiten in Berlin.

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“Unorthodox”: Eine Serie, die beflügelt

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