Vergangene Zeiten? Wie die Bundesrepublik zum Aufsteiger wurde – Top Meldungen

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Der Blick auf die deutsche Einheit gehört zu den wichtigen Themen dieses Jahres. Der Historiker Edgar Wolfrum erzählt die Geschichte des wiedervereinigten Landes. Zugleich fragt er nach der Rolle Deutschlands in Europa und in der Welt.

In seinem Buch „Der Aufsteiger“ schildert Edgar Wolfrum die vergangenen drei, in vieler Hinsicht wechselvollen Jahrzehnte der deutschen Geschichte. Seine Darstellung erstreckt sich vom politischen Vollzug der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 bis zur gegenwärtigen Debatte um das Humboldt-Forum in Berlin und die Frage, in welchem Licht – und in welcher Perspektive – sich die Bundesrepublik an diesem Ort präsentieren möchte. Mit der historischen Untersuchung schließt Edgar Wolfrum an seine vielbeachtete Darstellung „Die geglückte Demokratie“ aus dem Jahr 2006 an, eine Geschichte der Bundesrepublik von 1949 bis 1990.

Im Mittelpunkt des neuen Buches stehen vor allem politische Entwicklungen, verbunden mit den verschiedenen Regierungen seit 1990: die späte Ära Helmut Kohl, das rot-grüne Bündnis unter Gerhard Schröder und die wechselnden Koalitionen unter Angela Merkel. Edgar Wolfrum – Zeithistoriker in Heidelberg – sieht die Kanzlerschaften als Zäsuren und beschreibt sie in ihren unterschiedlichen Ausprägungen. Damit eng verbunden ist der Blick auf die innere Entwicklung im Land – auf den ambivalenten Prozess der deutschen Einheit und den Wandel von Demokratie und Politik. Auch die vielfältigen Debatten um Identität und Erinnerung – zentrale Themen der historischen Forschung – spielen eine wichtige Rolle.

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Die Auseinandersetzung mit der sozialen Struktur der deutschen Gesellschaft steht dagegen eher am Rand. Das ist schade. Eine in den vergangenen Jahren spürbar gewachsene Ungleichheit gehört zu den Themen, die auch breiteren Platz in den historischen Analysen finden sollten, über die Beschäftigung mit den Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder und die Einbeziehung von Arbeitslosenstatistiken hinaus. Der Gegensatz zwischen Arm und Reich und seine Folgen für die politische Ordnung verlangen mehr Aufmerksamkeit.

Die Geschichte Deutschlands nach 1990 ist untrennbar verbunden mit der Geschichte Europas und der Europäischen Union. Edgar Wolfrum verknüpft diese beiden Ebenen immer wieder in seinem Buch, mit Blick auf den Prozess der europäischen Integration, ebenso aber auch mit Blick auf zentrale Entwicklungen und Krisen. Dazu gehören die Herausforderungen durch den neuen, internationalen Terrorismus und den Klimawandel. Dazu gehören ebenso zentrale politische Zäsuren: die Finanz- und Währungskrise nach 2008 und die kontroverse Diskussion um eine einheitliche europäische Migrationspolitik und die Öffnung der Grenzen für Geflüchtete aus Syrien im Jahr 2015 durch Angela Merkel.

Der „Aufsteiger“ – das wiedervereinigte Deutschland – gewann in Europa zunehmend an Einfluss. Auch diese Entwicklung verfolgt Edgar Wolfrum – und schildert sie in ihrer Ambivalenz. In der Finanz- und Währungskrise forderte die Bundesrepublik vom hoch verschuldeten Griechenland strenge Sparmaßnahmen. Gleichzeitig ist die wirtschaftliche Macht Deutschlands auch ein Resultat großer Exportüberschüsse, die wiederum zu Lasten anderer europäischer Länder gehen. Es ist ein Verdienst des Buches, diese Widersprüche zu problematisieren und – in der historischen Rückschau – auch daran zu erinnern, dass erste tiefe wirtschaftliche und finanzielle Krise eines globalen Zeitalters „noch lange nicht zu Ende“ ist.

Mit Blick auf den Prozess der inneren Einheit Deutschlands fällt das historische Fazit gemischt aus. Edgar Wolfrum beschreibt die Krise nach dem Beginn der Wiedervereinigung: erst lagen sich die Deutschen in den Armen, dann plötzlich in den Haaren, heißt es an einer Stelle. Er schildert den schwierigen Prozess der wirtschaftlichen Angleichung zugunsten einer zunächst weitgehenden Deindustrialisierung in den neuen Bundesländern. Auch beleuchtet er die bis heute andauernden Kontroversen um die Treuhand-Anstalt.

Über die Situation in unserer Zeit urteilt Wolfrum, die Stimmung sei schlechter als die Lage. Die Ergebnisse der Einheit seien viel besser als gemeinhin angenommen. Er erinnert an den langsamen und zugleich stetigen wirtschaftlichen Neuaufbau in den neuen Bundesländern und sieht in 40 Jahren DDR-Sozialismus die eigentliche Ursache für die lange Dauer. Ebenso erwähnt er den spürbar gewachsenen Lebensstandard und den Aufbau funktionsfähiger Rechts- und Verwaltungsstrukturen. Verglichen mit anderen ost- und mitteleuropäischen Staaten, so das Argument, ist die umfassende und vielfach schwierige Transformation umso mehr als Erfolg zu bewerten. Was nicht bedeutet, dass die Probleme des Vereinigungsprozesses verschwiegen werden. Im Gegenteil.

Die Entwicklung der Parteienlandschaft und auch der politischen Kultur zeigen deutliche Unterschiede zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands. Das lässt sich derzeit vor allem mit Blick auf Alternative für Deutschland (AfD) festhalten, deren Spitzenpersonal insbesondere in den neuen Bundesländern zu Teilen offen rechtsextreme Positionen vertritt und trotzdem enormen Erfolg bei den Wahlen hat. Mit Blick auf die vergangenen Landtagswahlen, unter anderem in Thüringen, urteilt Edgar Wolfrum: „Die AfD wurde nicht aus Frustration, sondern aus Überzeugung und nicht selten von gut situierten Menschen gewählt. Der Graben verlief zwischen einer demokratischen Mehrheit und einer rechtsradikalen bis -extremen Minderheit.“

Der Historiker sieht verschiedene Ursachen für den Rechtsruck und den Aufstieg populistischer Parteien, für die populistische Revolte. Dazu gehören ein vielerorts in Europa anzutreffendes Misstrauen gegenüber der Europäischen Union und eine Angst vor den Folgen der Globalisierung, etwa mit Blick auf die Frage der Migration. Hinzu kommt , im deutschen Fall wiederum, die Frage der Identität. Bereits in den 90er Jahren wurden, nicht zuletzt von Intellektuellen, rechte Diskurse angestoßen. Und spätestens seit dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, so Edgar Wolfrum, habe es einen stillen Rechtsruck im Land gegeben. Der Erfolg der AfD ist auch vor diesem Hintergrund zu bewerten.

Edgar Wolfrums vielfach erhellende historische Analyse endet mit dem Beginn unseres Jahres. Und damit auch am Vorabend einer vermutlich tiefen Zäsur, die mit den Folgen der Corona-Pandemie verbunden ist. Was vor diesem Hintergrund auffällt – und freilich unbeabsichtigt ist: Der Historiker schreibt durchweg in der Vergangenheitsform. Wir blicken mit ihm als Miterlebende auf eine vergangene Zeit zurück.

Zum anderen stellt Edgar Wolfrum eine Fülle von Fragen, beziehungsweise gibt diese an seine Leserinnen und Leser weiter. Sie zielen auf Grundsätzliches, auf die Rolle der Bundesrepublik in Europa und in der Welt, darauf etwa, ob das Land in internationalen Konflikten eine größere Verantwortung übernehmen soll und muss. Gleiches gilt mit Blick auf die eigene Identität, auf die offene Frage, wer die Deutschen sind und wer sie sein wollen. Gerade in den vielen Fragen liegt eine Stärke des Buches.

Edgar Wolfrums Buch “Der Aufsteiger. Eine Geschichte Deutschlands von 1990 bis heute” ist bei Klett-Cotta erschienen.

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