Wie die Industrie in Zeiten von Corona ihre Produktion überdenkt – Top Meldungen

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Krankenhäusern fehlen Masken, Hersteller von Beatmungsgeräten können sich vor Aufträgen kaum retten. Unternehmen stellen ihre Produktion um und fertigen nun auch medizinische Produkte, zum Beispiel Automobilzulieferer. Dieser Wandel hat aber Grenzen.

Audi, BMW, Daimler, Porsche – das sind in normalen Zeiten die Kunden des Automobilzulieferers Zettl. Das Unternehmen mit Sitz im niederbayerischen Weng stellt unter anderem Sitzbezüge her und jetzt auch Schutzmasken. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger twitterte am Sonntag ein Foto aus einem der Produktionsräume. Aiwanger trug dabei einen gerade gefertigten Mundschutz. Er habe “die Kette organisiert von der Materialbeschaffung bis zur Qualitätszertifzierung”, sagte der Politiker von den Freien Wählern.

Beim Automobil-Verband VDA ist das Thema Produktionsumstellung inzwischen ebenfalls angekommen. “Uns liegen verschiedene Anfragen vor, inwieweit unsere Mitgliedsunternehmen einen weitergehenden Beitrag zur Produktion von medizinischen Geräten und Atemmasken leisten können”, sagt VDA-Präsidentin Hildegard Müller. Dies alles müsse allerdings den Anforderungen und Prozessen der Medizintechnik entsprechen, weshalb eine verantwortungsvolle Prüfung notwendig sei.

Bisher konzentrieren sich zum Beispiel BMW und Volkswagen darauf, aus eigenen Beständen Atemschutzmasken zur Verfügung zu stellen. 100.000 kommen von den Bayerischen Motorenwerken, 200.000 von VW. Das Wolfsburger Unternehmen will weitere dieser Masken zur Verfügung stellen.

Ob die Konzerne in die Produktion von komplexen Medizinprodukten einsteigen können, zum Beispiel in die Herstellung von Beatmungsgeräten, so wie es die AfD vorgeschlagen hat? In den momentan ständig stattfindenden Gesprächen zwischen der Bundesregierung und Branchenvertretern spielt das Thema zwar immer wieder eine Rolle, konkret sind beide Seiten aber noch nicht geworden.

Ein hochrangiger VW-Vertreter, der namentlich nicht zitiert werden möchte, sagte dem BR, es sei jetzt die Aufgabe der Bundesregierung, festzulegen, in welchen Bereichen die Unternehmen helfen können. Allerdings “könne man nicht einfach eine Produktionshalle auf die grüne Wiese stellen. Das geht nicht.” Zudem gebe es für die Herstellung dieser Geräte strenge Vorschriften, festgelegt zum Beispiel im Medizinproduktegesetz. “Es darf zum Beispiel keinerlei Verunreinigungen geben.” Vorstellbar wären aber etwa ein Austausch beim Personal oder der Einsatz von 3D-Druckern zur Herstellung von Einzelkomponenten.

Auch bei den Herstellern von medizinischen Geräten stößt die Idee der Beteiligung von fachfremden Firmen nicht auf große Begeisterung. Die Drägerwerk AG etwa, einer der weltweit führenden Hersteller für Beatmungsgeräte, sieht “mit Blick auf die Frage nach einem Outsourcing der Produktion von Beatmungsgeräten mehrere kritische Aspekte”, heißt es.

So unterscheide sich die Produktion “elementar von dem Herstellungsbetrieb von Automobilherstellern”. Außerdem verbaue die Branche keine Standardteile, es brauche dafür “speziell dafür entwickeltes produktspezifisches Test-Equipment”. Und schließlich sei “der effektive Betrieb einer Produktionsanlage für Beatmungsgeräte nur in einer integrierten Lieferkette mit Unterlieferanten von Komponenten möglich”.

Der Bundesverband der Medizintechnologie (BVMed) äußert sich ähnlich: “Bei technisch und medizinisch anspruchsvolleren und komplexeren Produkten benötigt man eine spezielle Expertise, die von den Unternehmen über Jahre und Jahrzehnte erworben wurde”. Für vorstellbar hält der BVMed deswegen vor allem die Fertigung von Schutzausrüstung.

Und so liefert zum Beispiel der Bekleidungshersteller Trigema aus dem baden-württembergischen Burladingen inzwischen Schutzmasken aus. BASF will Kliniken und Pflegeeinrichtungen kostenlos Desinfektionsmittel zur Verfügung stellen, teilweise aus Rohstoffen, die das Chemie-Unternehmen selbst herstellt.

Allerdings können Unternehmen auch aus rechtlichen Gründen ihre Produktion nicht über den Haufen werfen. Nach Angaben von Karen Kumposcht, Sprecherin des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel (IKW), haben lokale Behörden und Hilfsorganisationen Firmen aus der Branche gebeten, Desinfektionsmittel bereitzustellen.

Zwar seien viele IKW-Mitgliedsfirmen technisch und organisatorisch in der Lage, kurzfristig Desinfektionsmittel zu liefern. Allerdings bräuchten diese “grundsätzlich” eine behördliche Zulassung. Und diese Verfahren sind in der Regel “zeit- und kostenintensiv”, gerade wenn die Produkte in die Hände von Privatverbrauchern gelangen soll.

Deswegen bemühe sich der IKW momentan bei den zuständigen Behörden und Ministerium darum, “eine breitere Ausnahmegenehmigung zu bekommen, damit in der derzeitigen Situation ausreichende Mengen an Desinfektionsmitteln in kurzer Zeit auch für Privatverbraucher zur Verfügung gestellt werden können”. Schließlich ist die Bekämpfung des Corona-Virus vor allem eines: Ein Wettlauf gegen die Zeit.

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