Arbeiten im Home-Office: Teil 2 – Das sagt die Psychologin – Top Meldungen

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An den Küchentisch statt ins Büro: Viele Menschen arbeiten wegen des Coronavirus zu Hause. Organisationspsychologin Jennifer Chatman erklärt, wie der Umstieg auf das Homeoffice gelingt.

BR24: Wie können Unternehmen ihre Mitarbeitenden auf die neue Situation und das Arbeiten im Homeoffice am besten vorbereiten?

Jennifer Chatman: Bevor man sich Gedanken über Logistik und Technik macht, ist Einfühlungsvermögen gefragt. Inmitten all dieser Unsicherheit müssen Unternehmen und Führungskräfte Sicherheit bieten.

Es ist zum Beispiel wichtig, dass man den Mitarbeitenden sagt, wie sehr man sie wertschätzt. Man sollte ehrlich sein und nicht sagen, dass in ein oder zwei Wochen jeder wieder an seinem Arbeitsplatz sitzt. Es geht darum, Sicherheit zu vermitteln, verbunden mit der Hoffnung, dass sich die Dinge bald für alle normal anfühlen dürften.

BR24: Was sollten Unternehmen bei der Umstellung auf das Homeoffice noch beachten?

Chatman: Wer zum ersten Mal im Homeoffice arbeitet, von dem kann man nicht gleich volle Leistung und einen Acht-Stunden-Tag erwarten. Schon gar nicht angesichts dieser Krise, in der so vieles im Umbruch ist. Die Menschen sind abgelenkt. Darauf sollten Arbeitgeber erst einmal Rücksicht nehmen. Chefs sollten ihren Mitarbeitenden sagen: Wir tun jetzt das, was wir tun können.

Jennifer Chatman ist Professorin für Organisationspsychologie an der Universität von Berkeley in Nord-Kalifornien. Sie berät Unternehmen wie Apple, Ebay oder Microsoft und unterstützt Teams dabei, effizienter und erfolgreicher zu arbeiten.

BR24: Wer zum ersten Mal im Homeoffice arbeitet, der dürfte sich anfangs ziemlich einsam fühlen. Was kann man dagegen tun?

Chatman: Die Einsamkeit ist real und man kann ihr nicht so leicht entkommen. Aber die heutige Videochat-Software ist mittlerweile sehr gut geworden. Chefs können zum Beispiel jeden Freitagnachmittag ihr Team zu einer Happy-Hour im Videochat einladen. Jeder kann ein Glas zu Trinken mitbringen. Die Leute können darüber sprechen, wie sie mit der plötzlichen Veränderung in ihrem Arbeitsleben zurechtkommen, die viele sicherlich als beängstigend und als unsicher erleben. Gut ist es, wenn der Anstoß für solch einen Videochat von der Führungskraft kommt. Ich rate zu kleinen Gruppen von fünf oder sechs Teilnehmern, weil dann im Videochat alle interagieren können.

BR24: Wie kann ich im Homeoffice für eine Struktur im Arbeitsalltag sorgen?

Chatman: Das fängt bei einem ruhigen Arbeitsplatz in den eigenen vier Wänden an, der funktional eingerichtet sein sollte. Im Arbeitsalltag ist es wichtig, sich Fristen und Ziele zu setzen. Das ist sehr, sehr wichtig, weil die Zeit zu Hause ziemlich schnell vergeht. Wer zum ersten Mal von daheim arbeitet, benötigt am Anfang ein wenig Disziplin und Planung, um effektiv arbeiten zu können.

BR24: Solch eine Krise muss für “Micro-Manager” ein Albtraum sein? Was tun, wenn man so jemanden zum Chef hat?

Chatman: Organisationen sind viel leistungsfähiger, wenn Einzelpersonen die Prioritäten des Unternehmens verinnerlicht haben, ohne sich alle fünf Minuten beim Vorgesetzten melden zu müssen. Für Führungskräfte kann das eine Chance sein, Informationen zu liefern und Prioritäten für das Team festzulegen: Was soll zum Beispiel in den kommenden drei Wochen erreicht werden? Chefs sollten in solchen Situationen sagen: Ich zähle darauf, dass Sie herausfinden, wie das am besten geht.

BR24: Wie stellt man die anderen Familienmitglieder, Kinder zum Beispiel, darauf ein, dass man jetzt plötzlich von zu Hause aus arbeitet?

Chatman: Mein Tipp: Machen Sie das vorher. Erstellen Sie einen Arbeitsplan und besprechen Sie ihn mit ihrer Familie. Wenn Sie schulpflichtige Kinder haben, dann werden die vermutlich auch Online-Unterricht haben. Sie brauchen dann Zeitpläne und Sie müssen eventuell festlegen, wie viel Internet-Bandbreite für alle zur Verfügung steht. Man muss sich Gedanken machen, wie man Haus oder Wohnung aufteilt, damit jeder das tun kann, was er tun muss. Das erfordert eine gewisse Vorausplanung. Zum Beispiel auch, welches Familienmitglied wann am gemeinsamen Computer arbeiten darf.

Das Gespräch führte Marcus Schuler, ARD San Francisco

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