Der massive Eisregen am Freitag hat in Niedersachsen innerhalb weniger Stunden eine landesweite Ausnahmesituation ausgelöst. Während Einsatzkräfte seit den frühen Morgenstunden im Dauereinsatz standen, warnten Meteorologen bereits vor der nächsten gefährlichen Phase. Besonders der Westen des Bundeslands entwickelte sich zeitweise zu einem Brennpunkt mit hunderten Verkehrsunfällen, Verletzten und erheblichen Einschränkungen des öffentlichen Lebens.
Allein im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Osnabrück wurden bis zum Nachmittag rund 500 Einsätze gezählt, darunter etwa 400 Verkehrsunfälle. Zwischen 4 Uhr und 11 Uhr kam es in Stadt und Landkreis Osnabrück zu rund 200 Unfällen. Die Polizei sprach von einer „absoluten Extremlage“. Auch in Emsland und der Grafschaft Bentheim registrierten die Behörden bis 13.30 Uhr etwa 170 Einsätze, in den Landkreisen Cloppenburg und Vechta waren es mehr als 100 Unfälle. Einsatzkräfte berichteten, man sei „teilweise gar nicht mehr hinterhergekommen“.
Verletzte, Schulschließungen und gefährliche Szenen
Die Folgen des Glatteises blieben nicht ohne schwere Konsequenzen. Auf der A1 bei Bramsche wurde eine Person lebensgefährlich verletzt, in Georgsmarienhütte sowie in Lohne (Landkreis Vechta) erlitten Autofahrer schwere Verletzungen. Weitere Menschen wurden leicht verletzt. Wegen der Vielzahl der Unfälle mussten Betroffene teils lange auf Hilfe warten.
Besonders spektakulär waren Vorfälle auf der Nordseeinsel Borkum: Dort rutschte zunächst ein Lastwagen eine rund einen Meter hohe Strandpromenade hinunter auf den Strand. Der 67-jährige Fahrer saß in seinem Führerhaus fest und wurde erst mittags befreit. Kurz darauf stürzte auch ein Polizeistreifenwagen an derselben Stelle ab und blieb auf dem Dach liegen. Der Beamte erlitt leichte Kopfverletzungen, blieb aber dienstfähig. Beide Fahrer benötigten keine ärztliche Behandlung.
Weitere riskante Situationen ereigneten sich auf der A1 bei Großenkneten, wo ein 53-jähriger Autofahrer mit Sommerreifen in die Mittelleitplanke rutschte – gegen ihn wurde ein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Bei Haselünne beschädigte ein Unfall mit zwei Lastwagen einen Gefahrgutbehälter, eine Spezialfirma musste anrücken.
Der Alltag kam vielerorts zum Erliegen: In mehreren Regionen fiel der Schulunterricht aus, darunter in Stadt und Landkreis Osnabrück, Emsland, Grafschaft Bentheim und Vechta. Im Landkreis Cloppenburg ging die Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) erst um 6.38 Uhr ein – zu diesem Zeitpunkt waren viele Schüler bereits unterwegs. Der Busverkehr in Osnabrück wurde zeitweise nahezu eingestellt, die Müllabfuhr fiel aus, Recyclinghöfe blieben teils geschlossen.
Entspannung nur vorübergehend – neue Glätte droht
Am Nachmittag meldeten Polizei und Rettungsdienste eine leichte Entspannung. Ein Sprecher der Polizeidirektion Osnabrück erklärte, man habe den Eindruck, „das Gröbste ist vorüber“. Doch die Entwarnung gilt nur eingeschränkt. Der Deutsche Wetterdienst warnte vor erneutem Eisregen in der Nacht zu Samstag, insbesondere ab etwa 2 Uhr in der Grafschaft Bentheim und im Oldenburger Münsterland. Dort könne Regen erneut auf gefrorenen Boden treffen und sofort gefrieren. Die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Unwetterlage sei in diesen Regionen besonders hoch.
Bis Samstagvormittag galt weiterhin eine Unwetterwarnung vor Glatteis, anschließend bleiben Warnungen vor Frost und überfrierender Nässe bestehen. Tagsüber wird zudem Schneefall erwartet. Für die kommenden Tage rechnet der DWD in ganz Norddeutschland mit einem Mix aus Wolken, Schnee, Schneegriesel und Regen – samt anhaltender Blitzeisgefahr.
Die gesundheitlichen Folgen zeigen sich auch in den Kliniken. Im Bonifatius Hospital Lingen behandelte die Notaufnahme bereits rund 30 Patienten mit Glätteverletzungen, einige mussten operiert werden. Der leitende Notfallmediziner Carsten Börner appellierte eindringlich an die Bevölkerung, nicht nach draußen zu gehen, selbst nicht „nur mal kurz“. In Lohne und Vechta wurden geplante Operationen abgesagt, teils blieben Patienten wegen der Witterung fern.
Die Lage bleibt angespannt. Behörden und Wetterdienste raten weiterhin zu äußerster Vorsicht – und dazu, Fahrten auf das Nötigste zu beschränken.
