Rutschige Gehwege, vereiste Nebenstraßen und kaum sichtbare Eisflächen haben in Berlin eine Kettenreaktion ausgelöst, die weit über Stürze einzelner Passanten hinausgeht. Seit Tagen sorgt anhaltende Glätte dafür, dass Krankenhäuser und Rettungsdienste im Ausnahmezustand arbeiten – mit spürbaren Folgen für Patienten, Personal und Einsatzkräfte. Besonders betroffen ist das BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin, das aktuell an seine Kapazitätsgrenzen stößt.
Nach Angaben der Krankenhaussprecherin Angela Kijewski werden dort täglich 30 bis 40 Menschen nach Glätteunfällen behandelt. „Wir haben jeden Tag volles Haus“, sagte sie. Betten und Personal seien mehr als ausgelastet, teilweise arbeiteten die Chirurgen nachts durch, um die hohe Zahl an Verletzten zu versorgen. Die Lage halte bereits seit Wochen an.
Mehr Verletzte, längere Wartezeiten, überlastete Rettung
Die Art der Verletzungen zeigt, wie gefährlich die aktuelle Wetterlage ist. Besonders häufig sind Knochenbrüche an Händen und Armen, da sich Gestürzte reflexartig abstützen. Hinzu kommen Gehirnerschütterungen nach Stürzen auf den Hinterkopf sowie Gesichts- und Hüftverletzungen. Laut Kijewski gab es auch Fälle, in denen Betroffene nur knapp an einer Querschnittslähmung vorbeikamen, weil sie auf spiegelglattem Untergrund schwer an der Wirbelsäule verletzt wurden.
Die Belastung wirkt sich direkt auf den Ablauf in der Notaufnahme aus. Das Unfallkrankenhaus, das unter anderem auf Arbeits- und Wegeunfälle spezialisiert ist, nimmt derzeit zusätzlich viele Zuweisungen aus anderen Kliniken auf. Entsprechend hoch sind die Wartezeiten. Normalerweise werden dort 160 bis 180 Verletzte pro Tag behandelt. Am Donnerstag waren es 235 Patienten, darunter 120 Glätte-Verletzte in der Unfallchirurgie. Allein bis 9.30 Uhr am Freitag kamen weitere 55 Patienten hinzu.
Parallel dazu geraten auch die Berliner Rettungsdienste unter Druck. Wegen zahlreicher Glatteiseinsätze waren zeitweise keine Rettungswagen mehr verfügbar. Die Feuerwehr rief deshalb die Auslastungsstufe 3 aus – eine Maßnahme, die nur in absoluten Ausnahmefällen vorgesehen ist. In dieser Phase mussten Löschfahrzeuge Patienten in Krankenhäuser transportieren, während mehrere Rettungsstellen nur noch eingeschränkt arbeiteten und zeitweise keine neuen Patienten aufnehmen konnten. Lars Wieg, Landesvorsitzender der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft, sprach von einer „organisierten Hilflosigkeit“ und kritisierte politische Versäumnisse.
Appelle an die Bevölkerung – Unterschiede zwischen Regionen
Angesichts der angespannten Lage richtet das Unfallkrankenhaus klare Appelle an die Bevölkerung. „Passt auf euch auf und verhaltet euch der Lage angepasst“, sagte Kijewski. Sie empfiehlt rutschfestes Schuhwerk, idealerweise mit Spikes, sowie den sogenannten „Pinguingang“: leicht nach vorn geneigter Oberkörper, gebeugte Knie und kleine Schritte auf vereisten Flächen. Zudem warnt sie ausdrücklich davor, bei diesem Wetter Fahrrad zu fahren, da es bereits zu mehreren Fahrradstürzen gekommen sei. Betroffen sind Menschen aller Altersgruppen – von älteren Passanten bis zu jungen Erwachsenen.
Während Berlin besonders stark belastet ist, fällt die Lage in anderen Regionen ruhiger aus. In Hamburg und Schleswig-Holstein berichten Kliniken von einem moderaten Anstieg der Glätte-Verletzungen. Ein Sprecher des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein bezeichnete die Situation als „gut handhabbar“. Auch die Asklepios-Kliniken in Hamburg erklärten, dass die Notaufnahmen zwar mehr unfallchirurgische Fälle verzeichnen, darauf aber vorbereitet seien. Entlastend wirkten dort unter anderem weniger Fahrradverkehr und mehr Homeoffice.
Für Berlin gilt jedoch: Solange die Glätte anhält, bleibt das Gesundheitssystem unter Druck. Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienste arbeiten am Limit – und jeder vermiedene Sturz kann helfen, die angespannte Lage nicht weiter zu verschärfen.
