Mit dem Tod von Rita Süssmuth verliert die deutsche Politik eine Figur, deren Bedeutung weit über formale Ämter hinausreichte. Die frühere Bundestagspräsidentin und langjährige CDU-Politikerin ist im Alter von 88 Jahren gestorben, wie der Deutsche Bundestag mitteilte und eine CDU-Sprecherin bestätigte. Ihr Tod markiert nicht nur das Ende einer außergewöhnlichen politischen Laufbahn, sondern rückt erneut die Frage ins Zentrum, wie viel von ihrem Einsatz für Gleichberechtigung und gesellschaftliche Öffnung heute tatsächlich eingelöst ist.
Süssmuth stand wie kaum eine andere Unionspolitikerin für einen Kurs, der innerparteilich oft als zu modern, zu liberal oder schlicht zu früh galt. Themen wie gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in Politik, Beruf und Gesellschaft, Familienmodelle jenseits der Ehe oder ein pragmatischer Umgang mit gesellschaftlichen Krisen machten sie zur Reizfigur – und zugleich zu einer der populärsten Politikerinnen ihrer Zeit.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner reagierte „tief bewegt“ auf die Nachricht. Im Namen des Bundestages würdigte sie Süssmuth als eine „politische Ausnahmeerscheinung“ und verneigte sich vor ihrem Lebenswerk.
Vom Hörsaal an die Spitze des Bundestages
Rita Süssmuth wurde am 17. Februar 1937 in Wuppertal geboren, als Tochter eines Lehrers. Ihr Weg führte zunächst nicht in die Politik, sondern in die Wissenschaft. Nach dem Studium der Romanistik und Geschichte absolvierte sie ein Postgraduiertenstudium der Erziehungswissenschaften, Soziologie und Psychologie. Sie machte Karriere im akademischen Betrieb, wurde Professorin für Erziehungswissenschaften – zunächst in Bochum, später an der Universität Dortmund.
Der politische Einstieg kam spät und überraschend. Erst vier Jahre nach ihrem Eintritt in die CDU berief sie Bundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 1985 zur Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, als Nachfolgerin von Heiner Geißler. In der Öffentlichkeit war sie damals weitgehend unbekannt. Doch im Ministeramt gewann sie rasch Ansehen, erzielte in Umfragen hohe Beliebtheitswerte und wurde bald mit dem Spitznamen „lovely Rita“ bedacht.
1987 kandidierte Süssmuth erstmals für den Bundestag und gewann auf Anhieb das Direktmandat im Wahlkreis Göttingen. Dieses verteidigte sie 1990 und 1994. 1998 reichte es nur noch für den Einzug über die CDU-Landesliste Niedersachsen. Dem Bundestag gehörte sie insgesamt von 1987 bis 2002 an.
Bereits 1988 rückte sie an die Spitze des Parlaments. Nach dem Rücktritt von Philipp Jenninger infolge einer missglückten Rede zur Pogromnacht wurde Süssmuth zur Bundestagspräsidentin gewählt – als erst zweite Frau nach Annemarie Renger (SPD). In ihre Amtszeit von 1988 bis 1998 fielen historische Zäsuren: die Wiedervereinigung, der Wandel zum gesamtdeutschen Parlament und der Umzug des Bundestages von Bonn nach Berlin.
Konflikte, die bis heute nachwirken
Innerhalb der Union war Süssmuth nie unumstritten. Ihr modernes Familien- und Frauenbild brachte sie in Konflikt mit konservativen Parteifreunden – auch mit Helmut Kohl. Dass sie Familienpolitik nicht auf Verheiratete beschränken wollte, galt vielen als Provokation. Besonders heftig fiel die Kritik aus den eigenen Reihen bei ihrem Einsatz für die Reform des Abtreibungsparagrafen 218 aus.
Auch in der Aids-Politik setzte sie Maßstäbe, die damals umkämpft waren. Ihr Leitsatz lautete: „Die Krankheit bekämpfen und nicht die Kranken.“ In einer Zeit von Angst und Stigmatisierung plädierte sie für Aufklärung und Prävention statt Ausgrenzung – ein Ansatz, der heute als selbstverständlich gilt, damals aber politischen Mut erforderte.
Nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag 2002 blieb Süssmuth politisch engagiert. Innerhalb der nach wie vor stark von Männern geprägten CDU trat sie vehement für eine Frauenquote ein. Auch den Frauenanteil im Bundestag – 32,4 Prozent in der 21. Wahlperiode – hielt sie für unzureichend und forderte konsequent Parität.
Rita Süssmuth hinterlässt ein politisches Erbe, das weniger aus Kompromissen als aus Haltung besteht. Viele ihrer Positionen wurden erst Jahre später mehrheitsfähig. Ihr Tod erinnert daran, wie lang der Weg gesellschaftlicher Veränderungen ist – und wie sehr er von Persönlichkeiten abhängt, die bereit sind, früh anzuecken.
