Appell von Wissenschaftlern: Kinderschutz ist systemrelevant – Top Meldungen

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In der Coronakrise sind soziale Kontakte eingeschränkt. Das birgt Gefahren für Kinder und Jugendliche, die misshandelt werden. Ihre Leiden werden unsichtbar. Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern fordert deshalb mehr Kinderschutz statt weniger.

Andrea Weber muss jetzt, während der Ausgangsbeschränkungen, oft an das denken, was sie in ihrer Kindheit durchmachen musste: Schläge, Missbrauch, Wutausbrüche des Vaters. An Weihnachten, Ostern und in den Sommerferien sei es besonders schlimm gewesen – wenn die Familie den ganzen Tag zu Hause war.

Andrea Weber heißt eigentlich anders. Heute hat sie selbst eine Familie. Um ihre Kinder zu schützen, möchte sie ihren richtigen Namen nicht öffentlich machen. Aber sie möchte den Kindern, die jetzt von Gewalt bedroht sind, eine Stimme geben. Weil sie Angst hat um diese Kinder, die von früh bis spät den Tätern zu Hause ausgeliefert sind – denn ohne soziale Kontrolle bleiben die jungen Gewaltopfer meist unsichtbar.

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Was gefährdeten Kindern jetzt fehlt: die Erzieherin, die beim Kindergartenkind blaue Flecken bemerkt. Der Lehrer, dem auffällt, wenn sich ein Schüler seltsam verhält. Das Schulkind, das seinen Eltern erzählt: „Mein Freund hat mir gesagt, dass ihn seine Eltern verprügeln.“

Doch nicht nur durch die Schul- und Kita-Schließungen fällt soziale Kontrolle weg. Wegen der Coronakrise haben bayerische Jugendämter ihre Hausbesuche bei Familien stark reduziert. In der Regel sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur noch in Notfällen, bei akuter Kindeswohlgefährdung, im Außendienst. Das ergab eine Umfrage des Bayerischen Rundfunks unter 16 bayerischen Jugendämtern. Statt der sonst üblichen Hausbesuche versuchen die Sozialarbeiter, über Telefon, E-Mail oder Videochats mit gefährdeten Familien Kontakt zu halten. Um den Infektionsschutz zu wahren, finden Treffen teilweise draußen statt.

Rund 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zum Thema Kinderschutz forschen, haben jetzt in der Corona-Krise einen Appell veröffentlicht, der sich wie ein Brandbrief liest: Es sei falsch, gerade jetzt die ambulanten Jugendhilfe-Angebote und Besuche von Sozialarbeitern bei belasteten Familien einzustellen. In dem Papier heißt es: „Die Besuche durch Sozialpädagogische Familienhilfe dürfen nicht wie vielerorts eingestellt, sondern müssen intensiviert und unter Beachtung des Infektionsschutzes ausgebaut werden.“ Der Hilfebedarf sei jetzt größer als vorher.

Und, betonen die Wissenschaftler: Auch Kinderschutz sei systemrelevant. Die Forscher schlagen vor, Studierende der Sozialen Arbeit und der Erziehungswissenschaften zu mobilisieren, um die Jugendämter zu unterstützen, die schon seit Jahren mit Personalmangel zu kämpfen haben.

Mehr Kinderschutz in Zeiten von Ausgehbeschränkungen fordert auch Professor Marcel Romanos von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Wenn Eltern und Kinder eng beieinander seien, die Tagesstruktur verloren gehe und psychische Erkrankungen vorliegen oder Gewalt droht, dann dürften die Familien nicht allein gelassen werden.

Professor Romanos leitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Würzburg. In dieser Stadt gibt es besonders viele Corona-Todesfälle. Der Klinikdirektor sah sich gezwungen, wegen der Ansteckungsgefahr viele Kinder und Jugendliche zu entlassen. Die Klinik versorgt Patienten mit depressiven Erkrankungen, Angsterkrankungen, Essstörungen und Zwangserkrankungen, die ganze Bandbreite psychiatrischer Erkrankungen. Die schwierige Frage sei gewesen, ob der Schweregrad und die häuslichen Rahmenbedingungen eine Entlassung zulassen, ob die Kinder zu Hause zurechtkommen.

Die entlassenen Kinder und Jugendlichen werden jetzt telefonisch oder telemedizinisch weiter behandelt. In der Klinik sind nur noch schwerst kranke junge Patienten, mit akuten Psychosen oder Suizid-Gefahr.

Auch die Uniklinik München hat junge Patienten aus der Psychiatrie entlassen. Ein 20-jähriger, der an einer Psychose leidet, wurde vor die Wahl gestellt: komplette Quarantäne in der Klinik oder zurück nach Hause. Linus, wie wir ihn nennen, um seine Privatsphäre zu schützen, erzählt: Die völlige Abschottung von seinen Eltern und Freunden hätte er nicht verkraftet.

Seit drei Wochen lebt Linus jetzt wieder mit seinen Eltern, aber ohne psychiatrische Behandlung. Dabei müssten seine Medikamente neu eingestellt werden. Denn er spürt heftige Nebenwirkungen, hat Artikulationsstörungen beim Sprechen und fühlt sich völlig antriebslos. Erst ab nächster Woche hat Linus einen Platz in einer Tagesklinik. Und dann, nach drei Wochen Pause, auch wieder psychiatrische Behandlungen.

Auch stationäre Jugendhilfeeinrichtungen haben in der Corona-Krise Kinder und Jugendliche nach Hause gehen lassen. Auch auf Wunsch der Eltern.

Im Brandbrief der Wissenschaftler steht dazu: Kinder, die aus Schutz vor Gewalt oder Vernachlässigung zu Hause in Heimen untergebracht sind, dürfen jetzt nicht nach Hause geschickt werden. Das wäre viel zu gefährlich.

Das Bayerische Landesjugendamt schreibt auf BR-Anfrage, eine generelle Entlassung der jungen Menschen in ihre Herkunftsfamilien sei vor dem Hintergrund der Sicherung des Kindeswohls bei stationären Jugendhilfemaßnahmen nicht möglich. „Eventuelle Ausnahmen“ gebe es in Bayern aber nur „in begründeten Einzelfällen, ausschließlich in Abstimmung mit dem fallzuständigen Jugendamt.“

Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Jugendämtern versuchen telefonisch Kontakt zu halten. Oder arrangieren – unter Einhaltung des Infektionsschutzes – Treffen mit Kindern und Jugendlichen aus belasteten Familien im Freien. Im Landkreis Ansbach, in Ingolstadt und Würzburg können von Gewalt bedrohte Kinder auch in die Notbetreuungen in Kitas und Schulen gebracht werden, die ursprünglich für Kinder von Ärzten, Krankenpflegern oder Supermarktkassiererinnen geschaffen wurden.

Diese Idee aus Bayern sollte bundesweit angewandt werden, fordert der Zusammenschluss von rund 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in seinem Brandbrief.

Ganz besonders in der jetzigen Krisenzeit gilt: Kinder und Jugendliche, denen zuhause Gewalt droht, dürften nicht alleine gelassen werden. Andrea Weber, die selbst als Kind Opfer von häuslicher Gewalt wurde, sagt, telefonischer Kontakt reiche nicht aus. Um Kinder wirklich zu schützen, müssten Sozialarbeiter vor Ort sein, findet sie.

Außer vielleicht, ein Sozialarbeiter kennt die Familie wirklich gut und kann übers Telefon erkennen, wenn die Aussagen vorformuliert klingen. Ansonsten müssen die Jugendämter jetzt darauf hoffen, dass Familien von sich aus um Hilfe bitten. Oder dass aufmerksame Nachbarn Alarm schlagen. Die bayerischen Jugendämter appellieren an die Nachbarschaften, nicht wegzusehen und wegzuhören – sondern bei einem konkreten Verdacht das örtliche Jugendamt oder den Polizeiruf 110 zu wählen.

Die “Nummer gegen Kummer” bietet Telefon- und Onlineberatung für Kinder, Jugendliche und Eltern. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter 116 111 zu erreichen – von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr. Erreichbar auch im Internet unter: https://www.nummergegenkummer.de

Das Elterntelefon wendet sich an Mütter und Väter, die sich unkompliziert und anonym konkrete Tipps geben lassen möchten. Die Rufnummer lautet 0800 111 0550, zu erreichen montags bis freitags von 9 bis 11 Uhr und dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr.

Daneben gibt es auch eine bundesweite Hilfetelefonnummer: 08000 116 016.

Hier können sich Betroffene anonym, kostenfrei und in 17 verschiedenen Sprachen beraten lassen. Dieses Hilfetelefon ist auch online zu finden: https://www.hilfetelefon.de.

Die Nürnberger Kinderschutz-Hotline unter 0911/231-3333 ist 24 Stunden und sieben Tage die Woche besetzt.

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