Ausgeträumt: “Alles in Allem” von den “Einstürzenden Neubauten” – Top News

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Bisher waren die Alben der “Einstürzenden Neubauten” Ereignisse.

Scheiben wie “Kollaps”, “Tabula Rasa” und “Haus der Lüge” schlugen jeweils neue Kapitel auf: Trotzige Standortbestimmungen, künstlerisch wertvolle Nicht-Einverstanden-Sein-Erklärungen auf allerhöchstem Niveau.

Ihr jüngster Streich wirkt da geradezu abgeklärt.

Nicht, dass die Texte nun unterkomplex wären, aber “es fehlt etwas”, wie der bravouröse Textdarsteller Bargeld es einmal in einem Songtext einmal formulierte.

Vielleicht hat es mit dem Alter der alten Recken zu tun.

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Das fängt beim Titel an.

“Alles in Allem” ist eine Formulierung, die verwendet wird, um ein positives Resümee einzuleiten: “Alles in allem” war der Auftritt, die Sache gut, in dem Sinn – aber Halt! Ganz so simpel ist es dann doch nicht.

Auf der zweiten Album-Hälfte wendet sich Bargeld, der eigentlich Christian Emmerlich heißt und in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Schöneberg aufwuchs, in West-Berlin also, drei weiteren, weniger glamourösen Berlin-Locations zu.

In “Grazer Damm” wird in einem inneren Monolog die Invasion von Fallschirmspringern beschrieben und die verheerenden Folgen.

Die Siedlung am “Grazer Damm” war ein Vorzeige-Projekt der Nazis – sogenannte “Volkswohnungen”, die in perfider Weise dem Luftdruck von Bomben standhalten sollten.

Eine weitere Lesart ergibt sich, blickt man auf Bargelds aktuelles Leben.

Der 61-Jährige, mittlerweile Vater einer Tochter, ist nach Aufenthalten in Peking und San Francisco zurückgekehrt nach Berlin.

Hier wohnt der einstige Endzeit-Dandy nun mit Frau und Kind.

“Ten Grand Goldie” könnte auch eine verschmitzte Liebeserklärung an die Tochter und die eigene Familie sein.

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Nach zwölf Jahren kreativer Pause gibt sich die Band um Blixa Bargeld auf ihrem neuen Album abgeklärt: Die Song-Titel sind weniger nihilistisch als früher, dafür widmen sie sich der deutschen Geschichte – auch “bombensicheren” Wohnungen der NS-Zeit.

Vor vierzig Jahren haben sie mit Großstadt-Krach, organisiertem Lärm und neo-expressionistischer Lyrik angefangen.

Die “Einstürzenden Neubauten” um Textdichter und Vortragskünstler Blixa Bargeld wurden schnell zur “Edel-Avantgarde” und “zum begehrtesten Exportartikel deutscher Kultur”.

Seitdem hat die Gruppe diverse Wandlungen durchgemacht, auch für Auftragsarbeiten wie Theatermusik für Bühnen in Stuttgart und Düsseldorf war sich die störrische Nonkonformisten-Truppe nicht zu schade.

Außerdem wurde Bargeld Teil von Nick Caves Tourband.

Im Jahr 2000 propagierten die Neubauten dann mit dem Album “Silence is sexy” den Verzicht auf Kakophonie sowie die Hinwendung zu konventionellen Songstrukturen.

Nach zwölfjähriger Pause hat das Berliner Wort-Musik-Ensemble nun einen weiteren Longplayer am Start.

“Alles in Allem” lässt sich das als Abgrenzung von der ewigen “Das-wiedervereinigte-Berlin-ist-ja-so-doll-Behauptung” lesen, als Kritik am ach-so-hippen Hauptstadt-Getue.

“Ten-Grand Goldie”, der Opener, wäre demnach eine Kritik an den neureichen, selbstverliebten Kids mit Eigentumswohnung in Mitte, die notorischen 24-Hour-Party-People.

“Ten Grand Goldie” steht, so verstanden, für zehn Mille Goldstückchen.

Darauf folgt dann in der Ballade “Am Landwehrkanal”, eine Rückbesinnung auf anarchische Träume und sozialistische Ideen.

In den Landwehrkanal wurde einst die Leiche von Rosa-Luxemburg geworfen.

Zuvor hatte ein Freikorps-Typ die Frau, die als Ikone der Linken wie der Arbeiterbewegung gilt, eiskalt erschossen.

So gesehen ist “Alles In Allem” eine Standortbestimmung, nicht mehr zwischen Nihilismus und Selbstvergewisserung pendelnd wie früher, dafür aber mit starkem Bewusstsein für die deutsche Geschichte und verschüttete Alternativen.

Nach wie vor gilt: Songtexte à la Bargeld hat man noch von keinem anderen Liedermacher oder Songschreiber deutscher Zunge gehört.

Es ist moderne Lyrik auf der Höhe der Zeit.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen.

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“Alles in allem” ist solide, enthält allerdings keine Nachrichten mehr für das ZNS, das Zentrale Nervensystem, wie frühere Neubauten-Werke.

Lyrische Highlights wie “Fütter Mein Ego”, “Sehnsucht ist meine einzjie Energie” oder “Silence is sexy”? Fehlanzeige! Anscheinend hat es sich ausgeträumt, schade.

Ein wenig mehr hätte man doch erwartet von einem Neubauten-Album nach einer Durststrecke von zwölf biblischen Jahren.

Jüngster Streich wirkt “abgeklärt”

Diese Wohnungen sollten dem Luftdruck standhalten

Trommeln auf Joghurt-Bechern

Mit “Wedding” folgt eine seiner beliebten Wortspiel-Narreteien, wie Bargeld das genannt hat.

Der Songtext verknüpft die englische Bedeutung von Wedding, also Heirat, mit Ding, Sache.

Zuletzt gibt es in Tempelhof eine lyrische Meditation: Eine Stadt-Land-Vision, in der Architektur und verwilderte Natur ineinander übergehen.

Das verwilderte Gelände um das aufgegebene Flughafen-Gebäude wird von den Berlinern längst als Park genutzt.

Nur einmal darf eine Kreissäge als Sirenen-Ersatz kreischen.

Auch wenn diesmal angeblich auf leeren Yoghurtbechern getrommelt wurde – das Album spielt zwar mit popmusikalischen Strukturen, nur um Popmusik im üblichen Sinne handelt es sich bei diesem Wort-Klang-Musik-Unternehmen immer noch nicht, eher um Kunst oder um Kunstgewerbe 2020.

Nach zwölf Jahren kreativer Pause gibt sich die Band um Blixa Bargeld auf ihrem neuen Album abgeklärt: Die Song-Titel sind weniger nihilistisch als früher, dafür widmen sie sich der deutschen Geschichte – auch “bombensicheren” Wohnungen der NS-Zeit.

Ausgeträumt: “Alles in Allem” von den “Einstürzenden Neubauten”

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