Die Debatte über die Zukunft des österreichischen Wehrdienstes gewinnt an Schärfe – und an zeitlichem Druck. Generalstabschef Rudolf Striedinger hat sich nun klar für eine Verlängerung des Grundwehrdienstes ausgesprochen und ein konkretes Reformmodell verteidigt, das tief in Ausbildung, Einsatzbereitschaft und Zeitplanung des Bundesheeres eingreift. Der militärische Befund ist eindeutig, die politische Entscheidung aus Sicht der Streitkräfte überfällig.
Striedinger plädiert für ein „acht plus zwei“-Modell: acht Monate Grundwehrdienst, ergänzt um zwei Monate verpflichtende Milizübungen. Damit stellt er sich ausdrücklich hinter eine Empfehlung der Wehrdienstkommission, die dieses Modell ebenfalls als Mindeststandard für die künftige Einsatzfähigkeit des Bundesheeres sieht. Kürzere Varianten, etwa ein „sechs plus zwei“-Modell, lehnt der Generalstabschef klar ab.
Der Hintergrund ist die veränderte sicherheitspolitische Lage und die Anforderungen moderner Kriegsführung. Nach Darstellung Striedingers müssten heute alle Kräfte hochmobil sein. Diese Fähigkeit lasse sich nicht in den ersten Monaten des Wehrdienstes ausreichend vermitteln. Die entscheidende Ausbildung finde erst im siebenten und achten Monat statt, wenn Grundfertigkeiten sitzen und komplexere Szenarien geübt werden können. Diese Einsatzbereitschaft müsse anschließend durch regelmäßige Milizübungen erhalten werden – daher die zusätzlichen zwei Monate.
Zeitplan hängt an politischem Beschluss
Striedinger machte zugleich deutlich, dass die militärische Planung an enge Fristen gebunden ist. Soll die Reform Anfang 2027 in Kraft treten, brauche es spätestens im ersten Quartal 2026 eine Grundsatzentscheidung der Politik. Nach internen Planungen des Bundesheeres sei eine neunmonatige Vorlaufzeit notwendig, um Ausbildungssysteme, Organisation und Abläufe entsprechend umzustellen.
Zu politischen Begleitfragen hielt sich der Generalstabschef bewusst zurück. Auf die von Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) ins Spiel gebrachte Volksbefragung zur Wehrdienstreform wollte sich Striedinger nicht äußern. Das sei eine politische und keine militärische Frage, betonte er im Interview mit Die Presse.
Klar äußerte er sich jedoch zu den Folgewirkungen für den Zivildienst. Sollte das „acht plus zwei“-Modell umgesetzt werden, gehe er davon aus, dass auch der Zivildienst auf zwölf Monate verlängert werde. Dies sei aus Gründen der Gleichbehandlung und Systemlogik naheliegend.
Mit seinen Aussagen erhöht Striedinger den Druck auf die Bundesregierung. Während politische Parteien noch über Verfahren und gesellschaftliche Akzeptanz diskutieren, verweist die militärische Führung auf operative Notwendigkeiten und fixe Zeitfenster. Ob und wann die Politik diesen Kurs aufgreift, wird darüber entscheiden, ob das Bundesheer seine Reformpläne tatsächlich ab 2027 umsetzen kann – oder erneut Zeit verliert.
