Corona-Krise: Sorge vor zunehmender Gewalt gegen Kinder – Top Meldungen

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Kinderschutz-Organisationen befürchten: Die Fälle von häuslicher Gewalt werden durch die Ausgangsbeschränkungen steigen – auch in Bayern. Eine Herausforderung für die Jugendämter: Kinder schützen und gleichzeitig den Infektionsschutz wahren.

Bayerische Jugendämter haben ihre Hausbesuche bei Familien wegen der Coronakrise stark reduziert. In der Regel sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur noch in Notfällen, bei akuter Kindeswohlgefährdung, im Außendienst. Das ergab eine Umfrage des Bayerischen Rundfunks unter 14 bayerischen Jugendämtern. Statt der sonst üblichen Hausbesuche versuchen die Sozialarbeiter, über Telefon, E-Mail oder Videochats mit gefährdeten Familien Kontakt zu halten. Um den Infektionsschutz zu wahren, finden Treffen teilweise draußen statt.

“Gerade jetzt, in der Coronakrise, ist der Druck im Kessel bei vielen Familien hoch, die Nerven liegen blank”, sagt Ulrike Stehle. Sie leitet die Jugendhilfe bei der Diakonie Rosenheim. Viele Familien, die sie und ihr Team betreuen, hätten jetzt massive Existenzängste und finanzielle Sorgen. Und sie hätten Probleme damit, ihre Kinder rund um die Uhr zu beschäftigen: “Es trifft Eltern, die keine guten Rahmenbedingungen haben: beengt wohnen, keinen Garten haben, wenig Möglichkeiten nach draußen zu gehen.”

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Ulrike Stehle und ihr Team geben den Familien Tipps, wie sie sich den Alltag erleichtern können. Gleichzeitig müssen die Sozialarbeiter – auch ohne direkt vor Ort zu sein – am Telefon abschätzen, ob ein Kind von Gewalt bedroht ist.

Die Recherchen des BR zeigen: Viele Jugendämter in Bayern rechnen mit steigenden Zahlen von häuslicher Gewalt, etwa in Nürnberg, München, in den Landkreisen Altötting oder Deggendorf. Das Jugendamt im Landkreis Rosenheim hat deshalb die Plätze für Inobhutnahmen fast verdoppelt. Kinder, die zu Hause Gewaltopfer werden, werden in Pflegefamilien oder spezielle Einrichtungen gebracht. Das Jugendamt Nürnberg verstärkt aktuell das Team der Kinderschutz-Hotline.

Einige bayerische Jugendämter haben die Notbetreuung in Kindertagesstätten und Schulen jetzt auch für Kinder aus gefährdeten Familien geöffnet. “Das ist eine sehr gute und wichtige Möglichkeit, um Familien zu entlasten und Kinderschutz sicherzustellen”, erklärt Manuel Grosser vom Landratsamt Ansbach. Dieses Angebot gibt es auch in Ingolstadt und Würzburg.

Mehrere Kinderschutzorganisationen befürchten, dass Gewalt gegen Kinder in der Coronakrise niemandem auffällt. Juliane Wlodarczak vom Kinderschutzbund sagt dem Bayerischen Rundfunk: “In normalen Zeiten entdeckt die Erzieherin in der Kita blaue Flecken, oder die Lehrerin kann eine Verhaltensänderung ausmachen. Es gibt auch Kontakt zu Freunden, die ihren Eltern berichten, dass der beste Freund daheim verprügelt wird.” Solche Kontrollmechanismen fallen jetzt weg. Der Kinderschutzbund bittet daher Lehrer, die ihren Schülern Lernmaterial zuschicken, sie zusätzlich auch auf die “Nummer gegen Kummer” aufmerksam zu machen.

Allerdings: Solche Angebote richten sich an ältere Kinder. Rainer Becker von der Deutschen Kinderhilfe sieht die Gefahr, dass gerade Babys und kleine Kinder, die noch nicht sprechen oder kein Telefon bedienen können, durchs Raster fallen. Beratungen der Eltern per Telefon oder Videochat sieht er nur als Ergänzung. “Am Telefon, da muss man nicht rangehen oder man kann irgendwelche Geschichten erzählen. Gefahrenermittlung kann nur vor Ort erfolgen, gerade wenn es um Gefahren geht für Leib und Leben”, sagt Becker.

Er fordert, dass die Jugendämter mit Schutzausrüstung ausgestattet werden, für den Fall, dass Sozialarbeiter zu einer Familie mit Corona-Infektion ausrücken müssen. Schutzmasken, Anzüge und Brillen sind bisher nicht bei allen vom BR befragten bayerischen Jugendämtern vorhanden, werden aber derzeit bestellt, oder es werden Absprachen mit dem örtlichen Gesundheitsamt getroffen.

Besonders für die Zeit der geschlossenen Kindertagesstätten und Schulen gilt: Die Jugendämter bitten alle Bürgerinnen und Bürger, nicht wegzusehen und wegzuhören, sondern bei einem konkreten Verdacht das Jugendamt anzurufen oder den Polizeiruf 110 zu wählen.

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