Coronavirus: Von Ischgl quer durch Europa – Top Meldungen

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Im Tiroler Skiort Ischgl haben sich wohl hunderte Touristen mit dem Coronavirus infiziert. Eine BR-Datenauswertung zeigt jetzt, wie sich das Virus nach Deutschland und Europa verbreitet haben könnte.

Snowboarder im Pulverschnee, Biergläser in der Abendsonne, eng umschlungen in der Après-Ski-Hütte. Im richtigen Licht aufgenommen ist der Tiroler Skiort Ischgl ein wahres Wintersportparadies. Auf Instagram finden sich hunderte Bilder, die zeigen, wie der Schneespaß Anfang März trotz Corona-Warnungen weiterging. Heute ist klar: Ischgl war wohl einer der Corona-Hotspots in Europa. Eine Auswertung der BR-Datenjournalisten gibt nun Hinweise, wie sich das Virus von dort aus verbreitet haben könnte.

Die ReporterInnen haben mehr als 4.000 Instagram-Posts ausgewertet, die zwischen Ende Februar und Anfang März in Ischgl gepostet wurden, also in der Zeit, als sich dort wohl die ersten Urlauber infiziert haben und es in der Folge mehrere bestätigte Corona-Fälle gab. Weil viele Instagramer ihre Bilder mit Standortdaten verknüpfen, lässt sich zeigen, dass mehr als tausend Nutzer nach ihrem Ischgl-Aufenthalt von anderen Orten in Europa aus Bilder veröffentlicht haben. Touristen, die sich in Ischgl infiziert haben, könnten das Virus also auf dem ganzen Kontinent verteilt haben. Etwa in Großbritannien, Island, Polen oder Tschechien. Besonders viele Ischgl-Instagramer waren danach in den Niederlanden und Belgien, der Schweiz, Skandinavien – und vor allem in Deutschland.

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Mehr als tausend Instagram-Bilder zeigen: Viele Menschen waren nach ihrem Ischgl-Aufenthalt in anderen europäischen Ländern. Ein Hinweis, wie sich das Virus verbreitet haben könnte.

Am 5. März hat Island den beliebten Skiort Ischgl zum Risikogebiet erklärt. Davor hat das Land bereits über das Europäische Frühwarnsystem auf das Cluster Ischgl aufmerksam gemacht. Eine offizielle Warnung folgte daraus nicht – weder in Tirol, noch in Deutschland. Dabei kommen die meisten Ischgl-Touristen von hier.

Am Samstag, den 7. März, machen sich 17 Freunde aus Deutschland auf den Weg nach Österreich. Wie jedes Jahr gehen sie zusammen Skifahren, dieses Jahr soll es zum ersten Mal nach Ischgl gehen. “Klar war Corona kurz ein Thema”, sagt eine, “aber es gab ja keinerlei Hinweise und auch keine Reisewarnung.” Also ist ausnahmsweise das Desinfektionsmittel mit im Gepäck und sonst – alles wie immer.

An den ersten beiden Abenden feiern noch ein paar wenige aus der Gruppe beim Après-Ski. Am Montag heißt es dann plötzlich im gemeinsamen Chat: “Kitzloch ist tabu Leute!!” – dazu ein Smiley mit Mundschutz. Ein Mitarbeiter aus der beliebten Après-Ski-Bar wurde tags zuvor als erster offizieller Corona-Fall in Ischgl öffentlich. Die Pressemitteilung der Landessanitätsdirektion Tirol enthält gleichzeitig den beruhigenden Satz: “Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich.” Wie falsch diese Einschätzung ist, sollte sich schon am Montag zeigen: 15 weitere Personen aus dem Umfeld des Barkeepers sind infiziert.

Das Kitzloch wird geschlossen, in den anderen Bars und Skihütten herrscht weiterhin Normalbetrieb. Einen Tag später, am späten Nachmittag des 10. März, müssen schließlich alle Après-Ski-Lokale zusperren. Ab 11. März hängt an der Gondel ein Schild: “Aufgrund einer vorbeugenden Maßnahme zum Schutz Ihrer Gesundheit (Prävention COVID-19) bitten wir Sie, die Kabinen mit max. 14 Personen zu besetzen.” Ins Bergrestaurant dürfen nur noch maximal 100 Leute, die Hälfte ist abgesperrt. Am Donnerstag kommt die offizielle Meldung: Die Skisaison wird zum 16. März beendet. Die ersten aus der Gruppe reisen ab – auch Lucas. “Als die ersten positiven Fälle auftraten, war es eine Frage der Mathematik. Es gab ungefähr so viel Fälle wie zu der Zeit in Berlin – und die Wahrscheinlichkeit, in Ischgl einem Kranken zu begegnen ist halt dann doch größer als in Berlin”, erzählt er dem BR.

Das Ergebnis der gemeinsamen Ski-Reise gibt es wenige Tage später: 15 aus der Gruppe sind krank geworden, einige nur mit Husten, andere mit Fieber oder Schüttelfrost, 11 werden schließlich positiv auf das Coronavirus getestet. Verteilt über ganz Deutschland: Hamburg, Berlin, Köln, Leipzig, Stuttgart. Alle haben sich sofort nach der Rückkehr in Quarantäne begeben. Denn kurz nachdem sie das Paznauntal verlassen haben, hat das Robert-Koch-Institut Tirol doch noch zum Risikogebiet erklärt. Das Glück der späten Heimkehr. In vielen anderen Fällen sind Ischgl-Rückkehrer hingegen noch in die Arbeit gegangen oder haben Feste besucht, bevor sie Symptome entwickelten und positiv auf das Virus getestet wurden. Wie viele solcher Fälle wären vermeidbar gewesen, wenn Tirol schneller reagiert hätte?

Das Land Tirol betont auf BR-Anfrage, es habe bereits kurz nach der Meldung der Isländer Testungen auf das Coronavirus durchgeführt und “wenige Tage später die touristische Wintersaison für beendet erklärt”. Es sei das erste Bundesland in ganz Österreich gewesen, das derart weitreichende Schritte gesetzt habe.

Der BR hat zahlreiche deutsche Pressemeldungen ausgewertet und ist auf 341 Fälle aus 101 deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten gestoßen, in denen sich Reisende mutmaßlich in Ischgl angesteckt haben – verteilt über fast das gesamte Bundesgebiet. Viele von ihnen gehörten nach ihrer Rückkehr zu den ersten in ihrem Heimatort, die positiv auf das Virus getestet wurden. Und: Eine ganze Reihe der Urlauber ist noch nach dem 5. März nach Ischgl aufgebrochen – also nachdem Island das Land Tirol bereits zum Risikogebiet erklärt hatte. Genau wie der Freundeskreis aus Deutschland. Jetzt, nach zwei Wochen in häuslicher Quarantäne, geht es allen wieder gut. Aber im Nachhinein, sagt Lucas, hätte er einfach gar nicht fahren sollen.

In diesen In diesen Landkreisen und kreisfreien Städten wurden Ischgl-Rückkehrer nach BR-Recherchen positiv auf das Coronavirus getestet.

Die gesammelten Einzelfälle aus den Medien zeigen nur einen kleinen Ausschnitt, die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Welche Fälle tatsächlich auf Ischgl zurückzuführen sind, erfassen in Deutschland die Gesundheitsämter. Der sogenannte Expositionsort wird aber nicht mehr zentral an die zuständigen Gesundheitsministerien und das Robert-Koch-Institut weitergeleitet – zu aufwendig, und die Infektionsketten seien mittlerweile nur noch schwer nachvollziehbar, heißt es auf Anfrage bei mehreren Bundesländern.

Einige Zahlen gibt es aber doch. Das Regierungspräsidium Baden-Württemberg schreibt vergangenen Freitag: “Insgesamt wurden dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg 101 SARS-CoV-2-Fälle mit Expositionsort Ischgl übermittelt.” Nordrhein-Westfalen meldet zum gleichen Zeitpunkt 973 Fälle, die sich auf Tirol zurückführen lassen, immerhin fast 10 Prozent der Gesamtinfektionen im Land. Aus Thüringen heißt es: “Die Gesamtzahl der Fälle in Thüringen beträgt aktuell 349 (Stand 24.03. – 10 Uhr). Davon lassen sich 120 auf das Expositionsland Österreich zurückführen.”

Wie hoch die Dunkelziffer tatsächlich sein könnte, lässt eine Sammelaktion des österreichischen Verbraucherschützervereins vermuten. Die Verbraucherschützer haben Strafanzeige erstattet gegen Tirols Landeshauptmann Günther Platter, Bürgermeister, Seilbahngesellschaften und weitere Behördenvertreter. In nur fünf Tagen haben sich mehr als 2.500 Betroffene gemeldet – die meisten Meldungen kommen aus Deutschland und betreffen die Region Ischgl.

Inzwischen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Innsbruck wegen eines Corona-Infektionsfalls in Ischgl. Ein Gastronom soll dort den positiven Test einer Mitarbeiterin Ende Februar nicht den Gesundheitsbehörden gemeldet haben. Auslöser der Ermittlungen war eine Anfrage des ZDF. Ob tatsächlich Meldepflichten verletzt wurden, sei unklar, so die Staatsanwaltschaft. Es könne noch einige Zeit vergehen, bis Ergebnisse vorlägen.

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Hierhin sind die Ischgl-Touristen anschließend gereist

Erste Warnungen aus Island

“Kitzloch ist tabu Leute”

11 von 17 positiv getestet

Viele frühe Fälle in Deutschland aus Ischgl

BR-Recherche: Ischgl-Rückkehrer aus 101 Landkreisen infiziert

Kaum offizielle Zahlen

Coronavirus: Von Ischgl quer durch Europa

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