“Die Strategie dieser Frau: Isolation und Selbstermächtigung” – Top Meldungen

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Wie sehr muss man sich an gängige Schönheitsideale halten, wenn man das Haus nicht mehr verlässt? Autorin Jovana Reisinger findet: eigentlich gar nicht. Warum das zukunftweisend sein könnte, schreibt sie in unserer Serie Corona-Tagebücher.

Vor zwei Jahren hat Filmemacherin und Schriftstellerin Jovana Reisinger für ihr Romandebüt “Still halten” den Bayern 2-Wortspiele-Preis gewonnen – und einen Aufenthalt in Peking, den das Goethe Institut ausgelobt hatte. Ein Aufenthalt in Peking, gerade eher eine abwegige Idee. Hoffentlich ändert sich das in absehbarer Zeit. Auch Jovana Reisinger ist zu Hause und merkt, dass man sich ganz schön verändert, sobald die Außenwelt zusammenschrumpft.

Es folgt:

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Das Notat einer Frau, die sich gehen lässt.

Ah! Ein neuer Tag. Wie schön.

Der Plan: Aufwachen, durchatmen, anfangen.

Arbeit und Struktur gegen Einsamkeit und Langeweile. Zurecht ein Erfolgsrezept.

Die Strategie dieser Frau: Isolation und Selbstermächtigung.

Um der tristen, weil unerreichbar scheinenden Außenwelt zu entrinnen, ermöglicht sie sich seit Tagen, ganz nebenbei, eine bis vor kurzem undenkbar scheinende körperliche Regeneration. Denn wann waren die Umstände jemals so ideal, um sich ohne Verlegenheit die Haare richtig durchfetten zu lassen? Ja, es ist regelrecht eine Kur. Wellness, die einem erst vollständig die Lust auf Öffentlichkeit nimmt, um einen dann mit einem neuen Selbstbewusstsein auszustatten.

Und mit einem neuen Körpergefühl.

Isolation also sinnvoll nutzen.

Statt aus dem Fenster zu starren und die immer gleichen Nachbarn bei ihren immer gleichen Tätigkeiten zu beobachten – und ihnen dabei gelegentlich freundlich kollegial zuzuwinken –, blickt sie hoffnungsvoll auf ihre Brustwarzen, die sich unter ihrem Hemd abzeichnen.

Wirklich niemand muss in diesen Zeiten einen unpassenden, lächerlich unbequemen, aber “sexy” BH tragen. Dessous im Allgemeinen verschwinden gerade vollständig aus ihrer Wahrnehmung, genauso wie das gestresste Hinterfragen ihrer Körperform.

Außerdem gilt: Nicht mehr rasieren und nicht mehr genieren.

Letzteres empfindet sie als besonders zukunftsweisend.

Während sie also die Wohnung durchquert, muss sie nicht einmal mehr den Bauch einziehen. Welches Bild sie dabei für die Nachbarn abgibt, die, selbst bodenlos gelangweilt, ihre Entwicklung aufmerksam beäugen, ist ihr mittlerweile völlig gleichgültig. Selbst zum Einkaufen holt sie nur noch komfortable Kleidungsstücke aus ihrem Schrank hervor – welcher Anlass würde die tollen, teuren, figurbetonten Kostüme rechtfertigen?

Dieser Zustand ist kein Augenschmaus.

Aber ist es nicht sowieso vermessen, immerzu von ihr zu erwarten, die triste Optik des Supermarktes, des Büros, der Gesellschaft aufzuwerten?

Irgendjemand kriecht jetzt bestimmt verärgert ins Bett zurück.

Die Frau übrigens auch.

Seit einer Woche hält sie sich zurück: Alle Briefe bleiben ungeöffnet, das Telefon verweigert Anrufe und Benachrichtigungen. Nur noch die Kündigung des Herrn Chefs ist zu ihr durchgedrungen. Aber das ist jetzt egal. Morgen wird sie vielleicht backen. Oder auch nicht. Langsam geht es dahin mit ihr.

Und die Nachbarn haben gar nichts bemerkt.

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“Die Strategie dieser Frau: Isolation und Selbstermächtigung”

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