Einblicke in eine Festung: So ist Nordkorea wirklich – Top News

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Morten Traavik: Ich hatte diese Discokugel bei mir im Atelier, weil ich mit ihr schon in einem früheren Projekt gearbeitet hatte.

Ich nahm sie mit als eine Art Testballon.

Einer der hartnäckigsten Mythen über Nordkorea zu dieser Zeit war, dass dort jede Form westlicher Kultur verboten ist und unter Strafe steht.

Für mich war die Discokugel also ein Symbol der westlichen – aus nordkoreanischer Sicht dekadenten – Kultur.

Ich wollte sehen, ob es möglich war, das vermeintlich gefährliche Objekt einzuführen in diese fundamentalistisch-sozialistische Festung – und es gelang.

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Ja und nein.

Für den Erfolg der Gehirnwäsche sind zwei Dinge entscheidend: Man muss einer bestimmten Ideologie unentwegt ausgeliefert sein und dann ist es natürlich wichtig, dass man jede mögliche Alternative zu dem Zustand, in dem man lebt, völlig ignoriert und ausblendet.

Das war sicherlich einige Jahrzehnte lang so in Nordkorea, aber heutzutage kann sich auch Nordkorea nicht mehr komplett abschotten und dadurch vor Einflüssen von außen bewahren.

Ein weiterer Mythos lautet ja, dass das Land sich gegenüber Touristen völlig abgeriegelt.

Es kommen aber jährlich 400.

000 Touristen nach Nordkorea.

Wir in unserer eurozentrischen Weltsicht nehmen davon kaum Notiz, weil das ganz überwiegend Chinesen sind.

Natürlich kann man nicht ohne Guide durch Nordkorea reisen, alles ist streng kontrolliert.

Aber es gibt Interaktionen zwischen den Touristen und ihren nordkoreanischen Aufpassern, auch mit den wenigen sogenannten gewöhnlichen Leuten, mit denen die Touristen in Kontakt kommen.

Wir neigen dazu, zu vergessen, dass das nordkoreanische Volk abseits aller Indoktrination genuin patriotisch ist.

Es ist mitnichten so, dass die Nordkoreaner nur darauf warten würden, zum europäisch-sozialdemokratischen Lebensstil zu konvertieren.

Vielleicht sollten wir das einmal verstehen: Nicht jeder, der in einer Gesellschaft lebt, die sich von unserer unterscheidet, möchte ein europäischer Sozialdemokrat werden.

Dann könnten wir uns diesen uns fremden Kulturen auch besser nähern und könnten lernen, mit anderen Kulturen besser umzugehen.

Knut Cordsen: Sie sind 2008 das erste Mal nach Nordkorea gereist, und dann auch noch mit einer Discokugel unter dem Arm.

Wie kam’s dazu?

Wir kennen ja Bilder von Militärschauen und Jubelparaden mit Zehntausenden Menschen aus Nordkorea, Sie nennen diese Choreographien mit einem sehr schönen Wort “Massengymnastikschauen”.

Da denkt man gern, dass alle Nordkoreaner gehirngewaschen seien.

Sind sie es?

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Zwanzig mal war der Norweger Morten Traavik in der “fundamentalistisch-sozialistischen Festung” Nordkorea.

Seine Erfahrungen hat der 49-jährige Interventionskünstler in einem Buch versammelt: “Liebesgrüße aus Nordkorea”.

Es gibt wenige Länder, die derart abgeschottet von der Außenwelt sind wie Nordkorea.

Einst, in den Siebzigern, zu Zeiten Kim Il-sungs und seiner berühmten Juche-Ideologie war es das gelobte Land, der Sehnsuchts- und Wallfahrtsort einer realitätsblinden europäischen Betonlinken, die an eine Selbstversorgung des bitterarmen fernöstlichen Landes auch nur so lange glauben konnte, bis sie als Juche-Delegation in Pjöngjang landete und dann dort das Elend der unterjochten Bevölkerung mit eigenen Augen sah.

Bis heute ist Nordkorea das ideale Reiseziel für alle, die “buchstäblich mal abschalten” wollen, denn gleich nach der Ankunft nehmen einem Uniformierte das Smartphone ab und quittieren einem das Einkassieren dieses Geräts, das man dann bei der Ausreise erst wieder zurückerhält.

So ist es dem Norweger Morten Traavik ergangen, als er 2008 das erste Mal nach Nordkorea reiste.

Eine Reise, der weitere folgen sollten – und eine Zusammenarbeit mit dem nordkoreanischen Kulturministerium.

Seine Erfahrungen als sogenannter “Extremdiplomat” hat der 49-jährige Interventionskünstler in einem Buch versammelt: “Liebesgrüße aus Nordkorea“.

Knut Cordsen hat mit ihm darüber gesprochen.

Der gewöhnliche Nordkorea-Reisende aus Europa verfolgt ja eine Mission, nämlich die Überlegenheit seines Wertesystems oder auch nur seiner Landwirtschaft zu demonstrieren.

Ich verfuhr genau anders herum.

Ich umarmte die gesamte oberflächliche Ikonographie, ich akzeptierte das ganze offizielle Bühnendesign, das Staats-Schauspiel – und Nordkorea ist ein großes Theater in vielerlei Hinsicht.

Ich bediente mich der gängigen Sprachregelungen, um hinterrücks Botschaften und Impulse hineinzuschmuggeln: z.

B.

andere Sichtweisen, auf Kunst – sie als Form des Aktivismus etwa zu verstehen.

Hätte ich das vorher verkündet, wäre mir das nie erlaubt worden, weil es natürlich abweicht von ihrer eigenen Ästhetik und Sprache der Macht.

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Norwegen war Anfang der 1970er eines der ersten westlichen Länder überhaupt, das mit der “Demokratischen Volksrepublik” diplomatische Beziehungen aufnahm.

Führen Sie nur fort, was in den 70ern begann?

Wie oft waren Sie in Nordkorea und haben Sie noch mal vor, dort hin zu fahren?

Ich glaube, es war sogar eine deutsche Zeitung, die Süddeutsche, die mich mal als den Hofnarr Kim Jong-uns bezeichnet hat.

Ich mochte dieses Etikett.

Denn in früheren Zeiten hatten solche Narren bei Hofe das Privileg, die einzigen zu sein, die sich über den Herrscher lustig machen durften.

Also hat dieser Journalist, wahrscheinlich ohne es so zu meinen, die Sache schon sehr gut getroffen.

Wenn ich definieren sollte, was meine Form der Kultur-Diplomatie ausmacht, dann ist es direkte Begegnung von Mensch zu Mensch fernab aller offiziellen Anlässe und Bankette.

Der norwegische Außenminister war immer äußerst beunruhigt über meine Kollaborationen.

Ja, er versuchte sogar, mich daran zu hindern.

Nein, vieles, was wir von Nordkorea über Schlagzeilen oder Medien-Narrative erzählt bekommen, basiert auf Tatsachen.

Es gibt Gefangenenlager, es gab eine große Hungersnot in den späten neunziger Jahren, und sie haben in Nordkorea eine Gedankenkontrolle, die sich nichts von der in George Orwells “1984” unterscheidet.

All das ist wahr.

Aber gleichzeitig – und das erfährt nur, wer dort hinfährt und sich dort eine Weile aufhält – findet man unter der Oberfläche eine tiefe Humanität und einen wunderbaren Humor.

Man muss also versuchen, das mentale Gepäck, das man so mit sich herumträgt, abzulegen.

Nur so kann man Nordkorea entmystifizieren.

Man muss den Leuten, die man trifft, vertrauen.

Darin besteht die Herausforderung.

Das behandle ich ja auch im Buch am Beispiel meines Freundes und Kooperationspartners in der nordkoreanischen Ministerialbürokratie.

Im Ausland sind Ihre Nordkorea-Aktionen sehr skeptisch aufgenommen worden.

Man hat Sie als Hofnarr Nordkoreas bezeichnet, als “Marionette des Schreckensregimes”, als “Propagandawerkzeug eines der grausamsten Regimes der Menschheitsgeschichte” und als “verblendeten Mitläufer”.

Wer Ihr Buch liest, weiß, dass Sie all das nicht waren.

Was für eine Form von Kultur-Diplomatie treiben Sie?

Sie schreiben von Hipster-Kaffee-Bars und Mikro-Brauereien in Pjöngjang, von Jugendlichen, die Ihnen stolz erzählten, “Call of Duty” am Computer zu spielen.

Haben wir ein falsches Bild von Nordkorea im Kopf?

Zwanzig mal war der Norweger Morten Traavik in der “fundamentalistisch-sozialistischen Festung” Nordkorea.

Seine Erfahrungen hat der 49-jährige Interventionskünstler in einem Buch versammelt: “Liebesgrüße aus Nordkorea”.

Ja, ich habe aus diesem Buch sogar vorgelesen in einem Seminar für nordkoreanische Studenten.

Sie fanden diesen Titel natürlich völlig normal: Alle Kunst ist Propaganda? Ja, was denn sonst! Ich wollte herausfinden, ob sie George Orwell kannten.

Natürlich nicht.

Meine Strategie in totalitären Systemen wie Nordkorea ist immer dieselbe: Ich arbeite in der Sprache der jeweiligen Macht.

Nicht, um sie zu bekämpfen, sondern um selbst darin einzutauchen und das dann für meine eigenen Zwecke zu nutzen.

Auf diese Weise konnte ich weiter als andere in die nordkoreanische Gesellschaft vordringen.

Einmal schmuggelten Sie George Orwells Buch “All Art Is Propaganda” ins Land.

Warum wählten Sie dieses Buch?

Morten Traaviks Buch “Liebesgrüße aus Nordkorea.

Ein Extremdiplomat berichtet” ist, aus dem Norwegischen ins Deutsche übersetzt von Stefan Pluschkat, bei Suhrkamp erschienen für 18 Euro.

Nein, meine Arbeit ist notwendigerweise völlig unabhängig von den normalen diplomatischen Beziehungen dieser Staaten.

Ich habe 2015 die Band Laibach nach Pjöngjang geholt und zusammen mit meinen Partnern vor Ort das erste Rockkonzert überhaupt in der nordkoreanischen Geschichte organisiert.

Dieser Auftritt wäre viel zu kontrovers gewesen, um auf offiziellem diplomatischen Parkett ausgehandelt werden zu können.

Diplomaten sind sehr vorsichtige Menschen.

Mich hat man wohl auch deshalb einen “Extremdiplomaten” genannt, weil ich viel riskiere mit meinen Aktionen und diese mehrdeutiger sind als die konventionelle Diplomatie.

Ich glaube, an die zwanzig Mal war ich zwischen 2008 und 2017 dort.

Als ich das letzte Mal da war, erhielt ich sehr unfreundliche Drohungen von Vertretern der Regierung und auch von meinem gerade erwähnten Freund.

Ich bin bestimmt dort nach wie vor willkommen, mich haben viele Einladungen dorthin seitdem erreicht.

Ich will nicht ausschließen, dass ich noch mal dort hinreise, aber ich musste nach all dem auch Abstand gewinnen.

Nordkorea verlangt deine volle Aufmerksamkeit – in jeder Hinsicht.

Einblicke in eine Festung: So ist Nordkorea wirklich

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