Fake News verstehen: Wie die Fälschung zur Quelle wird – Top News

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Der Kritiker Niklas Maak hob das erst in jüngster Zeit hervor: Was Beltracchi gemalt habe, seien keine klassischen Fälschungen, es seien Kunstwerke, die die Mechanismen des Kunstmarktes offenlegten; die präzise in Nischen, Marktbedürfnisse und Desiderate hineingemalt worden seien.

Aber vielleicht ist ja gerade das klassisch an der gelungenen Fälschung, an der Fälschung, die Erfolg feiert: Dass sie aus Wissen entsteht und – im Umkehrschluss – Wissen birgt.

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Delphine in Venedig, Rotwein gegen den Virus: In Zeiten von Corona haben Fake News wieder einmal Konjunktur.

Da tut zweierlei Not: Korrigieren, aber auch Verstehen.

Denn wer Fake News zu lesen weiß, lernt auch etwas über unsere Gesellschaft.

Ein bisschen bewundern kann man sie schon: Die Verschlagenheit und Kreativität einiger Fälscher.

Eindrucksvoll ist etwa der Fall der Hermine Hug-Hellmuth: Eine Schülerin Sigmund Freuds, die sich einfach selbst an den Schreibtisch setzte, um das Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens zu schreiben, das Freuds Thesen ganz anschaulich beweisen sollte.

Wissenschaftlich gesehen ein Skandal.

Und doch zeigt der erste Erfolg dieser Fälschung, wie viel die Urheberin von ihrer Wissenschaft verstand.

Und von der gesellschaftlichen Stimmung.

Die Welt wartete auf dieses Tagebuch.

Sie war begierig, die Aufzeichnungen eines Mädchens in Händen zu halten, das aussprach, was Freud lehrte: dass schon Kinder eine Sexualität haben.

Der Fälscher, der ankommen will, braucht Wissen, das beweist diese Anekdote wie viele andere aus der Fälschungsforschung.

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Soviel zur Fälschung.

Wie aber verhält es sich mit Fakes in ihrer derzeit virulentesten Form: als Fake News? Die Faszination, die Kunstfälschungen hervorrufen, dieser Hauch von Respekt vor ihrer Cleverness, all das greift hier nicht.

Fake News gehören ohnehin eher in den Bereich der Lüge als zur Fälschung.

Und doch teilen sie oft mindestens zwei Aspekte mit ihr: Macher von Fake News verfolgen eine Intention, sie irren sich nicht einfach.

Und sie brauchen, damit sich ihre Botschaft verbreitet, ein Gespür für ihre Zeit und ein bestimmtes Milieu.

Vielleicht lohnt es sich also, den Blick einer Fälschungsforscherin einzunehmen und sich mit ihr noch einmal den Fall einer vorgeblich venezianischen Netzberühmtheit anzusehen: jener Delfin, von dem schon längst bekannt ist, dass er sich nicht in Venedig die Zeit vertreibt, wie es zuerst hieß.

Fälschung als Quelle

Von der Fälschung zu Fake News

Fake News: Nicht immer harmlos und zunehmend unbeherrschbar

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wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch

Das ist der Ansatz von Anne Kathrin Reulecke, Literaturwissenschaftlerin an der Uni Graz und Expertin für Fälschungsfragen.

Ihre These: Fälschungen gehören ebenso wie Irrtümer und Fehler zur Wissensgeschichte dazu, sie wirken wie Gespenster in dieser Geschichte und wenn wir sie richtig befragen, verraten sie uns einiges.

Reulecke ist überzeugt “dass es uns nicht hilft, nur anzuklagen und kriminelle Motive oder psychische Defizite zu untersuchen.

Uns sollte vielmehr interessieren, warum in einer Gesellschaft eine Fälschung populär wird, warum sie glaubhaft ist.

Letztlich: auf welches Bedürfnis sie trifft.

Was hier noch harmlos erscheint, spitzt sich schnell zu, wenn die Wissenslücken, die manche Fake News-Macher nutzen, aus politischen Interessen gefüllt werden, Etwa indem Schuldige für die Situation ausgemacht werden.

Oder wenn für Beruhigung gesorgt wird, wo keine Beruhigung angebracht ist.

Darüber hinaus erzeugt die schiere Masse auch scheinbar harmloser Falschmeldungen das Gefühl, niemandem mehr glauben zu können.

Delphine in Venedig, Rotwein gegen den Virus: In Zeiten von Corona haben Fake News wieder einmal Konjunktur.

Da tut zweierlei Not: Korrigieren, aber auch Verstehen.

Denn wer Fake News zu lesen weiß, lernt auch etwas über unsere Gesellschaft.

Anne-Kathrin Reulecke führt den Erfolg dieser Falschmeldung darauf zurück, dass sie ein positives Narrativ der Krise anbiete: “Das entspricht dem Bedürfnis, dass diese schreckliche Situation, die weltweit so viel Menschenleben kostet, so viel Leid bringt, die erst einmal nicht bekämpfbar ist, von der man nicht weiß, woher sie kommt – dass also dieses Phänomen doch einen Sinn.

Die Erzählung ist ja: Die Tiere erobern sich die Bereiche, die ihnen vom Menschen weggenommen wurden, zurück.

Und ich finde, das passt sehr gut zur Fälschungsfrage – zu schauen, auf welches Bedürfnis, auf welche Frage, auf welche Angst reagiert so eine Fake News.

Und dennoch bietet die Krise auch eine Chance: Aufklärung.

Nicht nur im Umgang mit einzelnen Meldungen, einzelnen Fake News.

Sondern im großen Ganzen: In welchen Bereichen, mit welchen unterschwelligen Thesen ballen sich Fake News? Welche Ängste und Faszinationen bedienen sie? Und was verrät das über mich, über uns als Gesellschaft und das System, in dem Fake News wie Gespenster auf- und abtauchen: das Mediensystem?

Ein Blick auf aktuelle Fake News zeigt außerdem, dass immer wieder mit Methoden der Fälschung gearbeitet wird.

Beispiel: Alkohol trinken hilft gegen Corona! So unwissenschaftlich diese jüngste Falschmeldung klang, der Macher wusste zumindest einen wissenschaftlichen Anstrich zu fingieren: Bediente sich beim Logo des Robert Koch Instituts und fügte, wie es nachrichtlicher Standard ist, seiner Meldung einen Stand hinzu.

Nicht irgendwann, sondern am 19.

03.

verkündete das RKI – so diese Fake News –, dass ab einer Menge von 100g Alkohol am Tag eine ausreichende Desinfizierung im Mund und Rachenraum vorliege.

Die Methode ist klassisch, der Effekt allerdings weitaus weniger beherrschbar.

Gerade wenn sich die Fake News wie aktuell auf ein Thema konzentrieren, sei ihre Weiterverbreitung kaum zu kontrollieren, meint Anne-Kathrin Reulecke: “Bei einer Kunstfälschung gibt es einen Maler, der strengt sich an und malt im Sinne von Vermeer, sucht lange das Papier aus, die Malfarben und so weiter.

Irgendwann wird das entdeckt, dann wird ein Gutachter bestellt, der guckt sich den Stil an, analysiert die Farbpigmente und am Ende hat man das Ergebnis: falsch oder nicht falsch.

Aber bei Fake News ist es so, dass wir gar nicht die Zeit haben, es gibt gar keinen Raum mehr, an dem das, was vermeldet wird, sorgfältig geprüft werden könnte; auf diese langsame Art und Weise, an deren Ende man sagen kann: Das ist nicht wahr.

Fake News verstehen: Wie die Fälschung zur Quelle wird

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