“Für die Filmbranche ist es ein Drama” – Top Meldungen

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Dreharbeiten abzubrechen ist eine harte Entscheidung. Aber darf man weiter Liebesszenen drehen, wenn anderswo ein Sicherheitsabstand von zwei Metern verlangt wird? Ein Gespräch mit dem Münchner Filmproduzenten Uli Aselmann.

Zum Beispiel “Dahoam is Dahoam”, die Daily des Bayerischen Fernsehens: Sie läuft zwar weiter, weil vorerst genügend Folgen produziert sind. Aber die Dreharbeiten dahinter sind vorerst ausgesetzt – wie so vieles. Auch in der Filmbranche hat Corona zugeschlagen. Dreharbeiten lassen sich nicht vom Home Office aus machen. Andererseits gibt es ja auch in anderen Branchen immer noch viele Menschen, die jeden Tag zu ihrem Arbeitsplatz gehen müssen. Kann und soll man also weiterdrehen? Diese schwierige Frage musste auch der Münchner Filmproduzent Uli Aselmann entscheiden, er hat letzte Woche einen Dreh in Hamburg abgebrochen. Aselmann ist stellvertretender Vorsitzender der Produzentenallianz, eines Verbands von 270 Unternehmen, die Filme und Werbung für öffentlich-rechtliche Sender, Private und für Streamingsdienste produzieren. Judith Heitkamp hat mit dem Produzenten gesprochen.

Judith Heitkamp: Was war ausschlaggebend dafür, diese Dreharbeiten zu stoppen?

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Uli Aselmann: Das war keine sehr einfache Situation. Wir fühlen uns natürlich verantwortlich gegenüber unseren Filmteams. Und wenn in geschlossenen Räumen gedreht wird, haben da zwanzig, dreißig Menschen sehr nah miteinander zu tun und können einen Mindestabstand von zwei Metern überhaupt nicht einhalten. Und wenn vielleicht noch eine Szene gedreht wird, in der zwei Menschen sich küssen, sind natürlich alle Warnungen und Vorsichtsmaßnahmen gebrochen. Da meutert dann schon mal der eine oder andere im Team und fragt, wie das Unternehmen das weiter verantworten kann? Und so haben wir letzten Freitag Aufnahmen für einen Fernsehfilm, der schon 14 Drehtage hinter sich hat, gestoppt. Wir müssen jetzt warten, wann wir mit den verbliebenen zehn Tagen fortsetzen können. Das ist das große Risiko. Es war eine aufregende Entscheidung, sie kann unter Umständen die Existenz unseres Unternehmens kosten.

Also – kein Krankheitsfall hat zum Drehstopp geführt, auch nicht staatliche Vorgaben, es war Ihre unternehmerische Entscheidung. Wer trägt das Risiko?

Das Risiko trage am Ende ich. Wir haben das allerdings mit der Sendeanstalt, für die wir diese Auftragsproduktion herstellen, vorher abgesprochen, und sind da auch auf viel Verständnis gestoßen. Aber die unternehmerische Verantwortung trage ich als Produzent und Eigentümer dieser Firma zunächst mal selber. Und das ist sehr belastend.

ARD und ZDF haben letzte Woche einen weitreichenden Schutzschirm aufgespannt. Sie bleiben trotz der unabsehbaren Entwicklung bei allen Projekten dabei, und sie übernehmen die Hälfte der durch die Corona-Krise entstehenden Mehrkosten bei Auftragsproduktion. Und wie helfen die Streamingdienste, Netflix, Amazon – die ja im Moment jede Menge neue Abonnenten gewinnen?

Netflix hat weltweit praktisch alle Produktionen eingestellt. Die haben offensichtlich eine Versicherung, die auch Pandemie-Ereignisse mit absichert. Das ist leider bei unseren Verträgen mit Versicherungsunternehmen, die ja für jeden Film abgeschlossen werden, nicht der Fall. Wir finden das besonders ärgerlich. Bei einem Schauspieler, der an einer normalen Grippe erkrankt, wird der Ausfall für diese Zeit von der Versicherung übernommen, aber in diesem Fall – obwohl es auch um eine Krankheit geht, nämlich die Corona-Infektion – ist die Versicherung raus, weil von der WHO eine Pandemie deklariert wurde. Der Schutzschirm der Sender ist, wenn es hart auf hart kommt, nicht wirklich viel: Wenn ich die Hälfte von 1,5 Millionen selbst zahlen müsste, wäre das das Ende eines kleinen Produktionsunternehmens wie meiner Münchner Firma.

Hätten Sie gerne so etwas wie einen staatlich angeordneten Drehstopp?

Um dieses Thema gibt es gerade sehr viele Diskussionen. Für mich persönlich wäre die Entscheidung über die Hamburger Dreharbeiten dann leichter gewesen, weil ich damit jemandem in die Verantwortung hätte nehmen können. In München sind die Dreharbeiten jetzt sowohl in privaten Räumen wie auch in Studios untersagt – das hat es den Kollegen hier erleichtert, auch vor dem Hintergrund der Mühen, die der Staat und das Land Bayern sich geben, Unternehmen nicht fallen zu lassen. Das ist angenehmer, als wenn man so ganz allein eine Entscheidung trifft, die einen die Existenz kosten kann.

Man denkt zuerst immer an Schauspiel und Regie – was hängt an so einem Dreh noch dran?

Bei einer Fernsehproduktion sind wir 60 bis 70 Menschen, die damit unmittelbar zu tun haben. Unsere Ausstattung hat sich zum Beispiel beklagt, dass sie kaum noch Möbel ausleihen kann, weil die Anbieter geschlossen sind. Die Baumärkte sind zu. Materialien, die wir für Aufbau und Deko der Filmsets brauchen, kann man nicht mehr bekommen. Friseure dürfen ihre Läden nicht offen halten, unsere Maskenbildner schminken weiter. Und trotz allem gibt es viele Kollegen, die sagen: Wir müssen produzieren. Weil wir überleben müssen, weil wir unsere Projekte fertigstellen müssen.

Selbst wenn die Dreharbeiten jetzt alle erst mal liegen bleiben, immerhin gibt es doch die Chance, sie später wieder aufzunehmen. Geht’s Ihnen als Filmschaffenden insofern nicht immer noch besser als allen, die auf live angewiesen sind, bei Konzerten oder Theater etwa?

Ja… wenn man sich umguckt, geht es einem, wenn man gesund ist, immer noch besser als vielen anderen. Aber gehen wir mal, im besten Fall, davon aus, dass wir in vier Wochen weiterdrehen können. Wir fangen den Film zu einer Zeit an, in der keine Blätter an den Bäumen zu sehen sind, und beenden die Dreharbeiten im Frühling, wo alles saftig grün ist. Das kann uns schon vor Probleme bringen, wenn die Geschichte dann nicht mehr funktioniert. Abgesehen davon haben die Schauspieler Anschlussverträge, alle Mitarbeiter, das ganze Team verteilt sich wieder auf andere Verpflichtungen, bis vor kurzem hatten wir in dieser Branche ja Vollbeschäftigung. Ich glaube, die Situation ist für alle furchtbar, auch für die Kinos, auch für die Verleiher, für die gesamte Filmbranche ist es ein Drama.

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