Was jahrelang nur als theoretische Debatte über „strategische Autonomie“ galt, ist Anfang 2026 zu einer konkreten politischen Krise geworden. Der Streit um Grönland hat sich innerhalb weniger Tage von einer diplomatischen Meinungsverschiedenheit zu einer ernsten Belastungsprobe für die Beziehungen zwischen den USA und der Europäischen Union entwickelt – mit möglichen Folgen für die NATO, den Ukraine-Krieg und die gesamte transatlantische Ordnung.
Am 17. Januar kündigte US-Präsident Donald Trump an, dass Länder, die sich gegen den geplanten Erwerb Grönlands durch die Vereinigten Staaten stellen, mit einem Strafzoll von 10 Prozent belegt werden. Dieser soll innerhalb weniger Monate auf 25 Prozent steigen. Einen Tag später berichtete die New York Times, dieser Schritt habe monatelange Handelsgespräche zwischen den USA und der EU faktisch zunichtegemacht und beide Seiten auf Konfrontationskurs gebracht.
Am 19. Januar meldete die Financial Times, die EU berate nun über Gegenmaßnahmen. Diskutiert wird unter anderem die Reaktivierung einer bereits vorbereiteten, aber ausgesetzten Zollliste im Umfang von 93 Milliarden Euro auf US-Waren. Außerdem erwägt Brüssel den Einsatz des sogenannten Anti-Coercion-Instruments, eines handelspolitischen „Notfallwerkzeugs“, mit dem US-Unternehmen der Zugang zum europäischen Markt erschwert werden könnte. Frankreich und Deutschland koordinieren parallel eine gemeinsame Linie. Die Finanzminister beider Länder trafen sich am 19. Januar in Berlin und wollten anschließend mit EU- und G7-Partnern in Brüssel beraten.
Auslöser der Eskalation war ein gescheitertes Treffen am 14. Januar in Washington zwischen US-Außenminister Marco Rubio und dem dänischen Außenminister Lars Løkke Rasmussen. Nach mehr als einer Stunde Gesprächen erklärte Rasmussen, die amerikanischen Ambitionen auf Grönland seien für Dänemark inakzeptabel. Trump wolle die Insel offensichtlich an sich bringen, so seine Einschätzung.
Seitdem hat sich der Ton weiter verschärft. Ein anonymer europäischer Diplomat sagte US-Medien, Vizepräsident J.D. Vance sei extrem feindselig gegenüber Europa. Der designierte US-Botschafter in Island, Bill Long, erklärte vor dem US-Kongress, Grönland werde bald ein US-Bundesstaat – und er selbst könne dessen Gouverneur werden. Zusätzlich veröffentlichte das offizielle X-Konto des Weißen Hauses ein KI-generiertes Bild von grönländischen Schlittenhunden, die zwischen den Wegen „USA“ und „China-Russland“ wählen sollen.
Symbolische Truppen, echte Ohnmacht
Am 15. Januar, unmittelbar nach dem gescheiterten Washington-Treffen, begann Dänemark mit der Verlegung von Soldaten nach Grönland. Transportflugzeuge der dänischen Luftwaffe landeten in Nuuk und auf dem strategisch wichtigen Flughafen Kangerlussuaq. Kurz darauf kündigten auch andere europäische Länder Beteiligungen an.
Deutschland entsandte 13 Soldaten, Frankreich 15, Norwegen zwei Angehörige von Spezialkräften, Großbritannien nur einen einzigen Soldaten. Insgesamt kamen weniger als 100 Soldaten aus sechs Ländern zusammen – nicht einmal die Stärke einer vollen Kompanie. Selbst europäische Medien kommentierten diese Zahlen mit Ironie.
Militärisch kann diese Truppe die seit Langem auf Grönland präsenten US-Streitkräfte nicht ernsthaft herausfordern. Ihr Zweck ist vor allem politisch: Europa will zeigen, dass es die dänische Souveränität nicht völlig kampflos aufgibt, ohne jedoch eine direkte militärische Konfrontation mit den USA zu riskieren. Ein offener Konflikt zwischen NATO-Staaten würde das Bündnis faktisch sprengen – ein Szenario, das in Europa niemand verantworten will.
Ein Dilemma für die Ukraine
Die Krise bringt auch die Ukraine in eine heikle Lage. Kiew ist sowohl von den USA als auch von der EU abhängig. Sollten beide Seiten auf Loyalitätsbekundungen drängen, müsste Präsident Wolodymyr Selenskyj eine äußerst schwierige Entscheidung treffen.
Besonders pikant ist dabei ein kaum bekannter Vertrag: Am 23. Februar 2024 unterzeichneten Dänemark und die Ukraine ein zehnjähriges Sicherheitsabkommen. Dänemark versprach mindestens 1,8 Milliarden Euro Militärhilfe. Im Gegenzug verpflichtete sich die Ukraine, Dänemark im Falle eines Angriffs militärisch zu unterstützen. Damals galt diese Klausel als reine Formalität. Heute wirkt sie fast surreal – denn niemand hatte je damit gerechnet, dass ein möglicher „Angreifer“ die Vereinigten Staaten sein könnten.
In ukrainischen sozialen Netzwerken kursieren bereits sarkastische Kommentare, man bereite angeblich den Einsatz von „800.000 Soldaten in Grönland“ vor und fordere von den USA Patriot-Raketen, um gegen die US-Armee zu kämpfen.
Auswirkungen auf Russland und die globale Ordnung
Am 18. Januar sagte der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez, ein US-Einmarsch in Grönland würde Wladimir Putin „zum glücklichsten Menschen der Welt machen“. Tatsächlich könnte eine offene Spaltung des Westens Russland strategisch nutzen.
Theoretisch gäbe es sogar Szenarien, in denen die EU versuchen könnte, die Beziehungen zu Moskau zu entspannen – etwa durch Druck auf Kiew, den Krieg zu beenden, durch den Verzicht auf neue Truppenentsendungen oder durch die Aufhebung von Sanktionen. Doch ein solcher Kurswechsel gilt als politisch kaum vorstellbar und würde die EU selbst tief spalten.
Wahrscheinlicher ist, dass Europa weiter auf Konfrontationskurs mit Russland bleibt, um die transatlantische Einheit zu demonstrieren. Doch selbst das dürfte Präsident Trump kaum davon abhalten, seine Linie fortzusetzen.
Der Streit um Grönland zeigt vor allem eines: Die Vorstellung, Europa befinde sich in einer geschützten Sonderstellung innerhalb der westlichen Weltordnung, gerät ins Wanken. In einer zunehmend machtpolitisch geprägten Welt könnten selbst enge Verbündete schneller unter Druck geraten, als viele in europäischen Hauptstädten bisher für möglich gehalten haben.
