Lehrt Not beten? Sinnsuche in Zeiten von Corona – Top Meldungen

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Not lehrt beten, sagt der Volksmund. Und in Zeiten von Corona entdeckt so mancher tatsächlich spirituelle Angebote für sich, um nicht in oder nach der Coronakrise auch noch in eine Sinnkrise zu fallen.

Um 8:15 Uhr morgens sitzt Annette Söhnlein im Schneidersitz, in Leggins und bequemem Pulli auf dem Teppich, die Handykamera auf sich gerichtet. Nur einen Klick später geht die 46-Jährige live ins Netz. “Stell dir vor, dass Du mit deiner nächsten Ausatmung den gesamten Inhalt deines Geistes ins Herz hinunterlädst. Das Herz ist der Ort, der alles etwas leichter verdauen kann.”

Die Nürnbergerin Annette Söhnlein arbeitet als Yoga- und Meditationslehrerin bei “For Lovers”, einem Netzwerk von Life-Coaches mit Sitz in Berlin. Seit Kurzem bietet das Netzwerk digitale Meditationen an, als Alternative zu den realen Sitzungen, die wegen Corona vorerst nicht mehr möglich sind. Dabei steige gerade jetzt, in Zeiten von Corona, die Nachfrage, sagt Annette Söhnlein. Vor allem selbstständige und alleinerziehende Frauen treffe es besonders stark, weil die jetzt mit kleinen Kinder nicht nur Home Office, sondern auch noch Home Schooling machen müssten und einen Rhythmus bräuchten. “Was mir auffällt, ist die komplette Überforderung und auch eine Form von Leere: die Frage nach Sinn. Was macht Sinn im Leben, im Jetzt und im Hier?”

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Not lehrt meditieren, scheint es – oder doch etwa beten, wie der Volksmund sagt? Ja und nein, sagt die Augsburger Theologin Katharina Ceming, die Bücher wie “Der spirituelle Notfallkoffer” oder “Sorge dich nicht um morgen” geschrieben hat. In Krisen würden sich die Menschen wieder dem Religiösen zuwenden. Sie sei sich aber nicht sicher, ob die aktuelle Krise in Deutschland schon so eine Notlage sei, die das Beten lehre. “Ich glaube auch, in einer säkularisierten Gesellschaft wird das nicht der Zugang der ersten Wahl sein. Aber ich finde trotzdem, dass es eine Zeit ist, in der wir durchaus darüber nachdenken können, was sind eigentlich die Grundlagen meines Lebens? Worauf vertraue ich?”

Auch die Kirchen wollen trotz eingeschränkter Möglichkeiten Sinn vermitteln. Pfarrer übertragen ihre Gottesdienste ins Netz, senden Videobotschaften. Und wer mit den digitalen Angeboten nicht zurechtkommt, bekommt eine Postkarte von Adelheid Widmann. Sie leitet die Seniorenpastoral im Erzbistum München und Freising. Gerade um ältere Menschen müsse man sich jetzt besonders kümmern, sagt sie. Denn es verunsichere, wenn man plötzlich zu einer Risikogruppe gehört und das auch immer wieder bestätigt bekommt. “Nichtsdestotrotz ist meine Wahrnehmung, dass Senioren in der Regel durch diese Veränderungen nicht in Panik geraten, also dass die eine Gelassenheit haben, wissen, wo sie sich innerlich verankert haben, was sie auch spirituell trägt.”

Für viele ältere Christen gerade besonders schmerzlich: Gottesdienste und andere Gemeindeangebote finden zur Zeit nicht statt. In manch einem Pflegeheim müssen die Bewohner derzeit sogar ohne Seelsorger auskommen, weil externe Mitarbeiter aus Sicherheitsgründen derzeit nicht hineindürfen. Trotzdem ist Adelheid Widmann vorsichtig optimistisch. “Ich hatte gerade mit einer Dame telefoniert, die erzählt, dass sie jetzt den Rosenkranz betet, weil sie das einfach beruhigt. Das ist für sie meditativ, das ist ein Strukturelement ihres Tages.” Nach Meinung von Adelheid Widmann hängt der Erfolg davon ab, ob die Menschen solche Traditionen auch vorher schon gepflegt haben. Allerdings könnten sich jetzt die Generationen austauschen, “weil Senioren aufgrund ihrer Lebenserfahrung und Frömmigkeit eine große innere Stärke haben, um zu vertrauen und zu sagen: Ich weiß nicht, was kommen mag, aber ich weiß, es geht weiter”.

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