Männer dominieren Bayerns Kommunalpolitik – Warum? – Top Meldungen

0

In Bayern sind deutschlandweit mit am wenigsten Frauen in kommunalpolitischen Ämtern aktiv. Warum ist das so?

Freising in Oberbayern. Der Stadtrat hier hat 40 Sitze. 29 davon gingen bei der Kommunalwahl an Männer, 11 an Frauen. Fest mit einem Stadtratsmandat gerechnet hatte Melanie Tropp. Die 38-Jährige kandidierte auf der Liste der CSU – auf dem aussichtsreichen Platz Nummer zwei. “Das war so ein zäher Nachmittag, wo ich immer gedacht hatte, es tut sich noch was”, sagt Tropp. “Als es dann wirklich amtlich war, dass die Herren an mir vorbei gezogen sind, war ich natürlich im ersten Moment enttäuscht.”

Das Freisinger CSU-Ergebnis zeigt: Melanie Tropp erreichte innerhalb ihrer Liste nur Platz 9. 7 Männer, die hinter ihr gelistet waren, erhielten mehr Stimmen und zogen an ihr vorbei. Am Ende erhielt Melanie Tropp kein Stadtratsmandat.

Tun Sie mir einen Gefallen: Bitte TEILEN Sie diesen Beitrag.

Typisch für Kommunalwahlen sagt Soziologin Mina Mittertrainer von der Hochschule Landshut. Sie untersucht in einer Studie, warum gerade in Bayern wenige Frauen in kommunalpolitischen Ämtern sind. “Wahlen funktionieren viel über Bekanntheit. Die Leute die man kennt, die einen Wiedererkennungswert haben, die wählt man auch gerne. Und das passiert auch gerade in der Kommunalwahl – gerade auch in ländlichen Räumen, wo man sich vielleicht sowieso persönlich kennt”, sagt Mittertrainer. Dann sei es bei der Listenbesetzung so, dass oft nicht an Frauen gedacht werde, weil sie einfach nicht so bekannt seien. “Das ist dann gar nicht böse gemeint, so ist es leider, das ist ein Muster.”

Der Ortsverband der CSU Freising hatte Melanie Tropp extra gebeten, auf Platz zwei zu kandidieren. Sie selbst hatte sich zunächst eher einen hinteren Listenplatz zugetraut. Doch dann entschieden, wenn sie schon die Chance bekommt, dann kandidiert sie auch vorne.

Was Melanie Tropp trotz Ehrenämtern in Freising dennoch fehlte, war die Bekanntheit. Die 38-Jährige kandidierte zum ersten Mal. Die Männer, die auf der Liste an ihr vorbei zogen, waren größtenteils bekannte Stadträte.

Aber wann kommen Frauen in herausragende politische Ämter? Regensburg ist die einzige von 28 Städten, in der die Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt rein weiblich war. Als Grund sieht Soziologin Mina Mittertrainer die politische Krise rund um den Korruptionsskandal des früheren Oberbürgermeisters: “Es ist eine unangenehme Aufgabe und Frauen sehen das oft als einzige Chance mal an die Spitze zu kommen. Der Weg ist plötzlich frei. Aber es ist natürlich auch eine sehr undankbare Aufgabe, weil extrem viel schief gehen kann. Es ist eine Krisensituation und die ganze Aufmerksamkeit ist auf einen gerichtet.”

Ob Männer oder Frauen in Ämter gewählt werden, hänge auch immer noch stark von den herrschenden Geschlechterbildern ab, sagt die Soziologin. Gerade in Bayern gelte: Je ländlicher die Gemeinde, desto weniger Frauen sind in der Politik.

Außerdem lässt ein organisatorisches Problem gerade junge Frauen zögern, sich aufstellen zu lassen: Kommunalpolitik ist schwer vereinbar mit Familie und Beruf. Das sagt auch Melanie Tropp aus Freising: “Vielleicht neigt man als Frau da auch ein Stück weit dazu, darüber mehr nachzudenken als ein Mann, der vielleicht aus dem ersten Impuls raus sagt: ‘Ja klar, mach ich!’ Ich habe da schon sehr, sehr stark überlegt, ob die Verpflichtung, die ich da eingehe, mit der Familie und meinem Beruf in Einklang bringen kann.”

Mit dem Stadtratsmandat in Freising hat es für Melanie Tropp dieses Mal nicht geklappt. Trotzdem will sie weiter Politik machen. Auch ohne Mandat könne man Dinge voranbringen, sagt sie.

Aber vielleicht sind Frauen generell politisch weniger interessiert und deshalb nicht so präsent in der Kommunalpolitik? Mit dieser Behauptung sieht sich Mina Mittertrainer immer wieder konfrontiert. Ihre Studie allerdings widerspricht dieser These.

Seit eineinhalb Jahren führt sie Interviews mit Kommunalpolitikerinnen, mit Frauen aus der Jugend- und Familienarbeit und mit jungen Frauen, die sich bislang noch nicht kommunalpolitisch engagieren.

Dabei zeigt sich, junge Frauen – beispielsweise Aktivistinnen von Fridays for Future – bewerten ihr Engagement selbst gar nicht als politisch. Obwohl es das sei, sagt Mittertrainer. Hier könnten Frauen also selbstverständlicher in ihrem Engagement auftreten.

Allerdings: Frauen stünden in der Kommunalpolitik unter einem höheren Leistungsdruck. Von ihnen werde in politischen Ämtern mehr Leistung verlangt als von Männern. Außerdem leiden Frauen zunehmend unter sexualisierten Hass-Kommentaren in den Sozialen Medien. Und auch der Umgangston in kommunalpolitischen Gremien sei in den letzten Jahren rauer geworden, was Frauen zögern lasse, sich zu engagieren.

Damit sich mehr Frauen in der bayerischen Kommunalpolitik engagieren, müsste es Veränderungen in drei Bereichen geben, sagt Mina Mittertrainer.

Politische Strukturen: Wie werden Wahl-Listen besetzt? Wann wird dabei an Frauen gedacht? In Thüringen und Brandenburg gebe es bereits quotierte Listen und auch in Frankreich.

Kulturelle Geschlechterbilder: Welche Rollen schreiben wir Männern und Frauen zu? Und warum scheinen wir Frauen gerade in ländlichen Gegenden in der Politik weniger zuzutrauen?

Vereinbarkeit: Der Terminplan in der Kommunalpolitik ist schwer vereinbar mit Beruf und Familie. Ausufernde Sitzungen bis spät in den Abend sind wenig familienfreundlich. Eine Veränderung in diesem Bereich würde allen zugute kommen. Sowohl einer Mutter als auch einem Vater, die sich politisch engagieren möchten. Genauso wie denjenigen, die zu Hause Angehörige pflegen.

Die Studie der Hochschule Landshut dauert an. In den Landkreisen Garmisch-Partenkirchen, Landshut, Kelheim und Neumarkt wurden Beiräte aus jungen Frauen gebildet. Sie arbeiten nun mit den dortigen Gleichstellungsbeauftragen zusammen. Ihre Erfahrungen fließen in die Studie der Hochschule Landshut ein.

!

Landshuter Soziologinnen untersuchen bayerische Kommunalpolitik

Regensburg sticht in Sachen Frauen heraus

Kommunalpolitik ist bislang nicht Familienfreundlich

Mehr Frauen in die Kommunalpolitik – so könnte es klappen

Quotierte Listen und veränderte Geschlechterbilder

Männer dominieren Bayerns Kommunalpolitik – Warum?

Share.

Leave A Reply