Sauberer Fake: Warum die Sehnsuchtsbilder täuschen – Top News

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Sehnsuchtsbilder verschieben und verstecken denn auch die eigentlichen Herausforderungen.

“Die Natur hat sich gerade auf Neustart gestellt”, heißt es in einem Tweet, der sich über die Delfine in den venezianischen Kanälen freut.

Der Anblick der Delfine in den Kanälen von Venedig, deren Wasser schon wenige Tage nach Ausbleiben der Kreuzfahrtschiffe wieder absolut tierfreundlich geworden war, löste eine Welle des Trostes aus.

Wenn wir schon zuhause sitzen müssen, dann kommen wenigstens Tiere wieder zu ihrem Recht.

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In Venedigs Lagune tummeln sich neuerdings wieder Delfine, in China betrinken sich völlig unbeschwert Elefanten und Indien hat endlich wieder freie Sicht auf das Himalaya-Gebirge: Dank Corona atmet die Umwelt scheinbar auf.

Doch das ist Fantasie.

Ewiges Geheimnis der Dialektik: Während unser Leben durch das Coronavirus nahezu lahmgelegt wird, nimmt das Leben der Wildtiere Fahrt auf.

Aus einem Dorf in der chinesischen Provinz Yunnan erreichen die digitale Netzgemeinde Fotos von Elefanten, die seelenruhig durch ein Dorf spazierten, Kornwein tranken und ihren Rausch in einer Teeplantage ausschliefen.

Hunderttausendfach wurden die schlafenden Dickhäuter auf Twitter, Instagram und Tik Tok geteilt – ein entzückender Lichtblick voller Analogiezauber zu üblicherweise menschlichem Verhalten.

Es sind Fake-Bilder oder Fake-Kontexte, die den Blick scharf stellen auf Formen der Pessimismus-Abwehr und Beruhigung.

Ihre Ästhetik ist allerdings höchst beunruhigend.

So niedlich und rührend diese Imaginationen sind, sie sind ein Requiem auf die Fantasie.

Sie verdeutlichen die Vereinheitlichung, die Gleichheit der Wünsche, die den uniformen Bildwelten der Reisekataloge und der Katzenbilder-Emotionsmaschinerie unterstehen.

Nur, dass die Sinne dabei auf den Hund kommen.

Die Kunst des Möglichen ist dabei zu einem banalem Hokuspokus zusammengeschrumpft: Das Heil liegt in der Regression.

Prominent dabei ignoriert: die Realität.

In Afrika bedroht die Corona-Pandemie beispielsweise massiv den Naturschutz, weil er vielerorts vom Ökotourismus abhängt.

Aus der kenianischen Mara-Serengeti ist zu hören, dass ausgerechnet das Überleben von Elefanten auf dem Spiel steht.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen.

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Mitten in den Bergen

Delfine in Kiew

Gute Sicht auch in Kathmandu, und in Indien lässt sich der Himalaya wieder blicken.

Aus Städten natürlich, die gewöhnlich im Smog versinken.

Unerheblich, dass ein und dasselbe Bild für verschiedene Orte herhalten muss.

Bemerkenswert ist auch ein Gute-Himalaya-Sicht-Foto einer Frau vor dem Hintergrund schneeverwehter Berge.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme befindet sich die Frau aber nunmal mitten in den Bergen, also nicht etwa so weit entfernt, dass der Panoramablick irgendwie bemerkenswert wäre.

Sie trägt Handschuhe, Mütze und eine wattierte Jacke, ihr Weg ist steil und es ist ein nebelfreier Tag.

Soweit der Horizont der Wünsche.

Eine gesteigerte Realität, die Ironiebegabte wiederum zum Anlass nehmen, Krokodile in den venezianischen Kanälen lauern zu lassen.

Die Berliner Spree indes knallt auf einem Foto mit karibischen Türkis, aus dem fröhlich ein Delfin springt.

In Kiew schließlich machen sich Delfine einen Spaß daraus, über Häuserzeilen zu springen.

Das ist ein wirkliches Bild der Hoffnung.

In Venedigs Lagune tummeln sich neuerdings wieder Delfine, in China betrinken sich völlig unbeschwert Elefanten und Indien hat endlich wieder freie Sicht auf das Himalaya-Gebirge: Dank Corona atmet die Umwelt scheinbar auf.

Doch das ist Fantasie.

Sauberer Fake: Warum die Sehnsuchtsbilder täuschen

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