Sklavenhändler vom Sockel: Müssen wir Denkmäler neu betrachten? – Top News

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Hedwig Richter: Ich habe zunächst als Bürgerin drauf geschaut, und als Demokratin finde ich illegale Gewalt tatsächlich erst einmal problematisch.

Demokratie braucht zum Schutz der Minderheiten wirklich den friedlichen Umgang miteinander, und es kann sich nicht einfach eine Gruppe zusammenraufen und mit Gewalt irgendwas durchsetzen.

Es gab für mich aber auch dieses absolut faszinierende Moment.

Diese Bilderstürmer haben eine unglaublich archaische Kraft.

Ich habe mir das Video davon ganz oft angeschaut, ich war absolut fasziniert und habe mich gefragt, was mich da so fasziniert.

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Ich denke, es ist die Tatsache, dass das tatsächlich sehr ambivalent ist – und das würde ich auch als Historikerin sagen.

Denkmäler zu stürzen kann ja ganz unterschiedliche Funktionen haben.

Dass nach der friedlichen Revolution die Lenin-Denkmäler entfernt wurden, fand ich sehr schön.

Ähnlich ging es mir, als das Saddam Hussein-Denkmal geschleift wurde.

Vor diesem Hintergrund noch einmal der Blick zurück nach Bristol: Was bedeutet das für den Fall Edward Colston? Eine prominent aufgestellte Statue eines britischen Sklavenhändlers und Politikers aus dem 17.

Jahrhundert, der immerhin im Dienste der Royal African Company 84.

000 Menschen aus Afrika nach Amerika verschleppt hat.

Joana Ortmann: Wie haben Sie als Historikerin auf diesen Akt geschaut?

Ja, ich finde wichtig, dass wir sorgfältig sind, wenn es um Umbenennungen oder den Abbau von Statuen geht.

Purismus scheint mir da weniger angemessen, also, dass, sobald wir zum Beispiel irgendwo Antisemitismus oder Rassismus entdecken, eine Figur sofort entfernt werden muss.

Geschichte ist ambivalent.

Jeder Einzelfall muss in seiner Geschichte gesehen und abgewogen werden.

Und doch gibt es auch einige klare Fälle: Selbstverständlich wurden die großen Verbrecher wie Hitler, Stalin oder eben auch Saddam Hussein gestürzt.

Im Fall Ernst Moritz Arndt, der auch für seine Zeit ein außerordentlicher Antisemit und Rassist gewesen ist, habe ich die Diskussion an der Universität Greifswald miterlebt.

Zu seinen Lebzeiten war Rassismus und ein militanter Nationalismus natürlich viel üblicher als heute.

Aber selbst für die damalige Zeit war das ein Extremfall.

Und dann, finde ich, muss man sich schon überlegen: Ist es gerechtfertigt, dass eine Universität nach diesem Mann benannt wird?

In Bristol haben Demonstranten die Statue eines Sklavenhändlers vom Sockel geholt und ins Hafenbecken geworfen: Legitimer Widerstand gegen falsche Vorbilder oder illegitime Gewalt? Historikerin Hedwig Richter zur komplizierten Politik des Denkmals.

Der Sockel wackelte, weil um die Füße der Statue ein Seil geschlungen war, an dem die Demonstranten zerrten.

Dann fällt der Bronze-Körper auf die Straße, eine Gruppe stürzt sich darauf, ein paar knien einige Minuten auf dem Hals der Figur.

Dann rollen sie sie scheppernd ins Hafenbecken.

Edward Colston, der britische Sklavenhändler aus dem 17.

Jahrhundert sinkt auf den Grund des Hafenbeckens von Bristol.

In den sozialen Medien wurde dieser Denkmalsturz gefeiert, die Politiker dagegen reagierten überwiegend scharf.

Das sei “Verrat an der Sache”, sagte etwa Boris Johnson.

Joana Ortmann hat mit Hedwig Richter, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München, über Denkmalstürze und historische Vorbilder gesprochen.

Heißt das, im Umgang von Denkmälern hilft nur eine Entscheidung von Fall zu Fall?

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Ich denke, die Antwort liegt zunächst auf der Hand, dass man mit diesem Sklavenhändler schon sehr lange gelebt hat, es gab ja auch große Diskussion darüber, während der Saddam Hussein-Sturz in so ein archaisches Zwischenstadium fiel, bevor eine neue Herrschaft etabliert wurde.

Und natürlich war das auch der Feind, gegen den westliche Armeen gekämpft haben.

Es zeigt eben auch, dass diese Fälle überhaupt nicht eindeutig zu beurteilen sind und wie wichtig es ist, dass wir uns mit Geschichte auseinandersetzen, dass Geschichte nichts ist, was eindeutig ist, sondern ein hoch ambivalentes Feld.

Mit Geschichte begründen wir unsere Identitäten, mit Geschichte wird tatsächlich oft auch die Politik selbst begründet.

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Ein interessanter Unterschied, den Sie machen: Warum ist es für Sie in dem Fall ok, bei dem Sklavenhändler aus dem 17.

Jahrhundert nicht?

Ich kann das hier auf keinen Fall entscheiden.

Er war ja auch ein großer Philanthrop, das muss man auch sehen.

Aber ich denke, wir müssen uns noch viel stärker unserer kolonialen Vergangenheit bewusst werden.

Dieser Prozess kommt ja erst jetzt so richtig in Fahrt.

Es gibt ja übrigens immer auch die Möglichkeit, Statuen stehen zu lassen oder problematische Denkmäler zu ergänzen, zum Beispiel mit Informationstafeln, die an die Opfer erinnern.

In Bristol haben Demonstranten die Statue eines Sklavenhändlers vom Sockel geholt und ins Hafenbecken geworfen: Legitimer Widerstand gegen falsche Vorbilder oder illegitime Gewalt? Historikerin Hedwig Richter zur komplizierten Politik des Denkmals.

Sklavenhändler vom Sockel: Müssen wir Denkmäler neu betrachten?

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