“Was, wenn das die letzte Nachricht meiner Eltern gewesen wäre?” – Top Meldungen

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In Zeiten von Corona schalten Gesellschaften auf Beinahe-Stillstand, um besonders verletzliche Menschen vor dem Virus zu schützen. Doch was passiert, wenn die sich gerade auf Weltreise befinden? Nora Gomringer schreibt unser Corona-Tagebuch fort.

Nora Gomringer ist Lyrikerin, Prosaistin und Performerin, außerdem leitet sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. Ihre Texte wie ihre Auftritte sind subversiv sprachspielerisch, konzentriert und abschweifend weltzugewandt, melancholisch und voller Witz. In ihrem Beitrag zu unserem Corona-Tagebuch erzählt Gomringer von denen, die das Virus am meisten bedroht: von alten Menschen. In diesem Falle sind es ihre betagten Eltern, Vater Eugen Gomringer, der bekannte Lyriker, und Mutter Nortrud, Literaturwissenschaftlerin. Ein Paar, das das Unterwegssein liebt – und nun in Quarantäne gezwungen ist.

Meine Eltern sind erfahrene Reisende. Als Autor war mein Vater auf jedem Kontinent zu Gast und meine Mutter an seiner Seite. Diese Geschäftsreisen kenne ich mittlerweile selbst ganz gut. Sie sind anstrengend und fordern viel. Sie managt und packt, er bereitet sich auf den Reisen vor, auf die anstehenden Lesungen, Vorlesungen, Gespräche. In dieser globalen Bewegungsart sind sie symbiotisch und originell. Beide sprechen die für europäische Bildungsbürger üblichen Sprachen: Latein und Englisch und dadurch sehr schön fließendes Französisch, Spanisch, Italienisch und dazu noch Niederländisch gehobenen Stils, also meine Mutter. Die beiden lösen Probleme, navigieren sich via Smartphone, also meine Mutter, durch die Weg- und Unwägbarkeiten der Welt.

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So meinten sie wohl auch, dass eine Kreuzfahrt eine schöne Idee, wenn nicht sogar eine lehrreiche und bereichernde sei. Das mag auch alles sein, nur in Zeiten einer Pandemie ist eine Schiffsreise eine sehr beunruhigende Idee und hat nichts von Wind von Abenteuer und Freiheit, schon gar nicht um die Nasen zweier Senioren. Während der spärlichen SMS-Wechsel mit meiner Mutter – spärlich, weil dieser Planet noch längst nicht bis in alle Ecken ausgefunkt ist! Was der bayerische Ministerpräsident im Rahmen seiner KI-Initiative ja durchaus als Motivationsgrund für ebendiese aufgeführt hat, Bayern als der große Rand um ein großes Funkloch herum, quasi – während dieser spärlichen SMS-Wechsel also haben sie mir ein grausiges Bild vom Leben an Bord vermittelt: Mutter in ständiger Kälte und Desinformation, da auf der MS Sonstwas nicht ganz 4.000 Menschen lieber Fischstäbchen sein möchten als in Butter ausgelassene Schollen. Was meinst Du mit diesem Bild?

Manchmal gelangten Nachrichtenfetzen an Bord, die dann im Stille-Post-Modus an alle verteilt wurden und sich von “Sicherheitsmaßnahmen” zu “SOS, die Welt, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr-Dramen” wandelten. Meine Eltern blieben meistens in der Kabine, vermissten die tägliche Zeitung und fanden in der Bord-Bibliothek wohl nur die Bertelsmann-Kamellen Konsalik, Kisch und eine schön gebundene Ausgabe von “Moby Dick”, die aber auch nichts half in puncto Weltkrise, Corona – COVID 19, Rückholung aller Urlauber durch Heiko “no one left behind” Maas.

So komponierte ich meine Nachrichten geradezu, wollte Information, Dringlichkeit, aber auch keine Panik vermitteln. Vorbei die Zeiten, in denen man Spiel, Spaß und Schokolade die Trias der Zivilisation nennen konnte. Als letzte Nachricht vor ihrer abenteuerlichen Rückholung vor ein paar Tagen per Bus von Marseille nach München und dann im Taxi zweieinhalb Stunden nach Hause, schrieb mir meine Mutter: “Laut Bordprogramm könnten wir jetzt noch Mambo lernen, aber wir begnügen uns mit einem letzten Cappuccino an Bord.”

So manches Mal habe ich seither gedacht: Was, wenn das die letzte Nachricht meiner Eltern an mich gewesen wäre? Die allerletzte. Weil er, 95, und sie mit einschlägiger Krankheitsvorgeschichte ja grausam prädestiniert sind für eine unschöne Infizierung mit der Krone aller derzeitigen Kronen. Ich bin fast sicher, dass so mancher von der Titanic Ähnliches nach Hause gefunkt hätte. Zumindest berichteten ja einige Überlebende von der tragischen, aber eleganten Gelassenheit einzelner Gäste oder Paare. Meine Eltern sind tragische, elegante und erfahrene Reisende. Im Moment sind die beiden Ausschweifenden in ihrem Haus unter Quarantäne gefangen. Hoffentlich planen sie ihre nächste Exploration.

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“Was, wenn das die letzte Nachricht meiner Eltern gewesen wäre?”

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