“Weiträumiges Ausweichen, Wegschauen, Schnellmachen” – Top Meldungen

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Kein Geplauder mehr an der Käsetheke, allein das lange Spazierengehen beruhigt. “Spätestens seit die Kanzlerin zu uns allen spricht, wissen wir, es ist ernst”, konstatiert Schriftsteller und Jurist Georg Oswald in unserer Corona-Tagebuch-Reihe.

Welche Auswirkungen haben Karriere, Politik und Probleme in der Familie auf die Einzelnen und die Gesellschaft? Diesen Fragen widmet sich der Schriftsteller, Kolumnist und Ex-Verleger Georg M. Oswald in seinen Romanen. “Vorleben” heißt sein neuester, im Februar erschienener Roman, in dem die Beziehung einer Journalistin zu einem Cello-Spieler auf eine harte Probe gestellt wird. Gerade erscheint auch ein erfolgreiches Sachbuch von ihm als Taschenbuch: “Unsere Grundrechte. Welche wir haben, was sie bedeuten”. Denn Georg M. Oswald ist auch Rechtsanwalt. Für uns hat der Autor das Corona-Tagebuch der Schriftstelller*innen fortgeschrieben.

Freitagnachmittag: Im Radio hören wir den Ministerpräsidenten die Ausgangsbeschränkungen verkünden, die ab Mitternacht gelten sollen. Die Stimmung am Arbeitsplatz wandelt sich in den letzten Tagen oft. Die Lockerung der Ordnung erinnert an das Gefühl zu Schulzeiten, wenn unverhofft im großen Stil Unterricht ausfiel, etwa wegen einer überraschenden Katastrophenschutzübung.

Zuerst empfanden wir das allgemeine Herunterfahren ja eher als Wohltat. Die Chance, endlich einmal die Dinge vom Schreibtisch zu kriegen, die schon zu lange da liegen. Aber dann wird schnell klar, dies hier ist keine Übung. Spätestens, seit die Kanzlerin zu uns allen spricht, wissen wir, es ist ernst. Ich fahre mit dem Fahrrad nachhause und mir fallen zwei Graffitis auf, beide ganz neu. Das eine am Hohenzollernplatz, das andere in der Ganghoferstraße: weit auseinander also, und doch ähnelt sich die Schrift, so dass ich mich frage, ob vielleicht eine Art Sprayerkommando in der ganzen Stadt unterwegs ist. Das vom Hohenzollernplatz lautet: “Selber denken. Zwangsanordnungen hinterfragen!” Das andere in der Ganghoferstraße: “Der schlimmste Virus ist blinder Gehorsam.”

Samstag: Meine Frau und ich entschließen uns, morgens Einkaufen zu fahren, wir vermuten, da wäre weniger los. Ist auch so. Trotzdem ist die Stimmung verändert. Kein entspanntes Shopping zum Beginn des Wochenendes, kein Geplauder an der Käsetheke oder mit Bekannten, die man zufällig trifft. Stattdessen weiträumiges Ausweichen, Wegschauen, Schnellmachen. Ein Typ im Kampfanzug und mit Mundschutz, in jeder Hand eine Weinflasche, marschiert an mir vorbei zu seinem randvoll gefüllten Einkaufswagen. Eindeutig zu viel Internet, denke ich. Die weitaus meisten Leute ruhig, aber ernster als sonst.

An der Kasse dann folgende Szene: Eine Kundin stellt eine Kiste Orangen aufs Band. Die Kassiererin möchte die Orangen einzeln herausnehmen und abwiegen. Das will die Kundin nicht. Die Kassiererin fragt, wie sie die Orangen dann registrieren soll. Die Kundin sagt, das wisse sie nicht, die Orangen dürften aber keinesfalls von der Kassiererin berührt werden. Ein Kunde an der Kasse daneben mischt sich ein : “Wir haben ja nicht die Pest. Waschen Sie die Orangen daheim mit heißem Wasser ab, dann kann nichts passieren.” Die Orangenkäuferin ist empört. Sie antwortet ihm: “Hey! Ja? Jetzt hey mal! Ja?” Die Verkäuferin ruft ihre Chefin. Die Chefin schlägt vor, die Kundin könne die Orangen selbst aus der Kiste nehmen und einzeln abwiegen. Die Kundin akzeptiert. Der Mann von der Nebenkasse mischt sich wieder ein: “Sie müssen dabei aber einen Meter fünfzig Abstand von der Kassiererin halten.” Die Kundin fährt ihn nochmal an: “Hey, ja! Jetzt aber hey wirklich mal!” Sie wiegt ihre Orangen ab. Der Mann geht. Plötzlich sehe ich düsterer in die Zukunft.

Am Sonntag stundenlange Spaziergänge, die ja nach wie vor erlaubt sind, trotz Ausgehbeschränkungen. Bei allen Beobachtungen ständig die Frage, ob das jetzt noch normal ist oder anders als sonst. Es ist banal und wohlbekannt und trotzdem wahr: Gehen beruhigt.

Montag. Um unserer Gesundheit willen sind wir bereit, massive Einschränkungen unserer Freiheitsrechte in Kauf zu nehmen. Erstaunlich ist, wie schnell und geräuschlos das vor sich geht. Es ist ein enormer Vertrauensvorschuss der Bürger gegenüber den politischen Machthabern und keineswegs blinder Gehorsam. Ob es jedoch überhaupt möglich ist, das erforderliche oder geforderte Maß an gesellschaftlicher Solidarität aufzubringen, das in den nächsten Monaten nötig sein wird, ist eine vollkommen offene Frage.

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“Weiträumiges Ausweichen, Wegschauen, Schnellmachen”

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