Wie Alexander Kluge Russland als fremden Kosmos erkundet – Top News

0

Der erste Fund im Kontainer: Russlands Rätselhaftigkeit, ein vielbeschworener Topos.

Ein Land als Wunderkammer im Osten, “geeignet dafür, dass wir den klassischen Satz zu buchstabieren lernen: ‘Ich weiß, dass ich nichts weiß.

‘” Alexander Kluge kommt Russland denn auch poetisch bei und legt dabei so etwas wie einen feinstofflichen Quellcode frei.

“Ungleichmäßigkeit aller Fortschritte in Russland” ist die Überschrift einer Episode, in der der Ökonom Leonid Andropow davon erzählt, dass Russland erst in den 1960er-Jahren einen Walfänger von der Größe eines Flugzeugträgers gebaut hat.

Tun Sie mir einen Gefallen: Bitte TEILEN Sie diesen Beitrag.

Durch das Viele und Unverbundene, das auf den Buchseiten nebeneinander existiert, gleichzeitig angeschlossen an früher, jetzt, oben und unten entstehen immer neue Vexierbilder Russlands, die sich am Ende vielleicht doch auf diese eine Lesart festlegen lassen: Alexander Kluges “Russland-Kontainer”, der sich nicht englisch mit “C”, sondern russisch mit “K” schreibt, elektrifiziert seine Leser*innen geradezu mit der Energie des extravaganten, kühnen russischen Ideenreichtums, dem visionären Denken der Avantgarde, einem schwärmerischen russischen Universalismus und dem Elan der Emanzipations- und Erneuerungsbewegung, den die Revolution freigesetzt hatte.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen.

Hier geht’s zur Anmeldung!

Spätestens mit dem sogenannten “Großen Terror” unter Stalin werden alle wissen, welches Wesen sich mit der Zentrale verbindet.

Die “Zentrale” ist ohnehin für das Verständnis russischer Verhältnisse von enormer Bedeutung.

Genauso wie der Kosmos und die Kosmologie – die Erkundung des Weltalls ist in Russland keineswegs vorrangig aus strategischen Gründen wichtig, sondern eine weltanschauliche Grundlage für die Kultur.

Weitere Ecksteine russischer Realität und somit von Kluges Buch sind der Zirkus, die Zeit, die Eisenbahn, Hitler, Napoleon – “Der Blick des Beutemachers auf die Landkarte/Prinzip Abstraktion” nennt sich ein Kapitel – oder Ikonen und Elektrizität.

Die wöchentliche Dosis Literatur – der Diwan als Podcast.

Hier abonnieren!

Eisenbahn, Napoleon, Ikonen, Elektrizität, Kosmologie: Alexander Kluge erforscht in seinem Buch “Russland-Kontainer” ein ganzes Universum an Realien und Bedeutungen.

Und kann auch von einem Walfangschiff erzählen, auf dem Schafe geschlachtet wurden.

Schon lange beschäftigt sich Alexander Kluge mit Russland: Nun ist sein Buch da, der Titel: “Russland-Kontainer”.

Poetische Fracht aus einem Land, dessen Weite und Vielfalt allein schon die Vorstellungskraft in Gang setzen.

Alexander Kluges Kunst der Auslassung wiederum, seine elliptische Denkart, die konsequent auf Zusammenhänge verzichtet und der Fantasie des Lesers viel Raum gibt, ist eine kongeniale Methode der Annäherung an Russland.

Alles abgesagt wegen Corona? Mehr Tipps und Angebote für Kultur auf der Couch gibt es auf unserer BR Kulturbühne.

Geschichten, die wie ein “Kontainer” geräumig sind und dank ihrer Spannweite viel Realität aufnehmen können.

An Russland fessele ihn, dass es ihm fremd sei, sagt Alexander Kluge: “Etwas, was man nicht kennt, ist für einen Autor genauso ein Anreiz wie etwas, wovon er innerlich überzeugt ist.

Und etwas zu beschreiben, was man nicht kennt und nach Kafkas Meinung so auch einfach nicht kennen kann.

Die Herausforderung für Kafka war, er wollte einen Zeitungsroman schreiben über den Russlandfeldzug Napoleons, das sollte so werden wie ‘Das Schloss’.

Das ist mein Impuls und dabei ist auch eben die russische Literatur und die russische Musik gewissermaßen die Orientierung in einem doch sehr fremden Land.

“Auf die Frage, warum ich keine Romane schreibe, erwidere ich: Was ich schreibe, sind Romane”, heißt es im Buch.

“Romane sind ihrem Prinzip nach Sammlungen.

[.

.

.

] Zu Sammlungen geworden, verlangen sie nach Fortsetzung.

Insofern hat das Poetische den Charakter einer Baustelle.

” Entsprechend anregend ist die Lektüre, sie überrascht, fordert heraus, spornt an und elektrifiziert uns mit einer ungemeinen Aufbruchsstimmung.

Das Freie und Ungebundene in der russischen Kultur hat vielen europäischen Ideen zu einem folgenreichen Durchbruch verholfen.

Faszinierend, hier poetisch die Spur aufzunehmen.

Ganz am Anfang des Buches fragt der Autor: “Gibt es in der zweiten Dekade des 21.

Jahrhunderts einen Utopie-Horizont?” Die Antwort flirrt zwischen den Fragmenten im Russland-Kontainer.

Kluge schreibt: “Jede Wirklichkeit auf Erden wird erst noch hergestellt werden aus der Fülle an Möglichkeiten.

Das ist in disruptiver Umwelt ein Trost.

” An diese Fülle von Möglichkeiten knüpft Kluge an.

Mit allen Mitteln der Kunst.

Texte wechseln ab mit Tagebucheinträgen, persönlichen Erinnerungen etwa an die ersten Russen in Halberstadt, die der Autor nach Ende des Zweiten Weltkriegs als 13-Jähriger erlebte, Abbildungen, russischen Begriffsklärungen, Fotos, Filmstills oder QR-Codes für die Filme des Autor und der russischen Avantgardisten.

Ein Walfangschiff als Schlachthof für Schafe

Fasziniert von einem fremden Land

Extravaganz des russischen Ideenreichtums

Die Sammlung als Roman

Das Problem: Die Walbestände waren zu dieser Zeit weltweit schon erheblich geschrumpft.

Eine Weile wurden die Fangquoten geschönt, dann flog alles auf und das Schiff diente als schwimmender Schlachthof für australische Schafe.

Die Versorgung der russischen Mannschaft verschlang jedoch den Gewinn.

“Die Statistik muss erneut gefälscht werden.

So bringen Erfolge, die ohne Zusammenhang sind, sagt Leonid Andropow, die Ökonomie des Landes zum Erliegen.

Eisenbahn, Napoleon, Ikonen, Elektrizität, Kosmologie: Alexander Kluge erforscht in seinem Buch “Russland-Kontainer” ein ganzes Universum an Realien und Bedeutungen.

Und kann auch von einem Walfangschiff erzählen, auf dem Schafe geschlachtet wurden.

Da ist zum Beispiel der Sprachforscher N.

K.

Karger, ein “Edelstein-Prüfer des Ausdrucks”, wie Kluge schreibt.

Karger erforschte die Sprache der Keten, einer Volksgruppe am Jenissej in Sibirien: “Sie bringen dem seltsamen Gast Vertrauen entgegen: Obwohl er mit Lederjacke, Pistole, Ledergürtel, Schaftstiefeln [.

.

.

] ihnen als Fremder gegenübertritt.

Als einer von der Zentrale.

Aber der Begriff Zentrale wäre ihnen fremd.

Noch weiß Karger nicht, welche Vorstellung sie mit einem Wesen namens ‘Zentrale’ verbinden würden.

“Russland-Kontainer” von Alexander Kluge ist im Suhrkamp Verlag erschienen.

Wie Alexander Kluge Russland als fremden Kosmos erkundet

Share.

Leave A Reply