Borussia Dortmunds 0:2 bei Tottenham Hotspur war mehr als eine weitere Niederlage in der Champions League. Der Auftritt in Nordlondon hat eine Entwicklung offengelegt, die intern schon länger Sorgen bereitet – und nun offen diskutiert wird. Sportdirektor Sebastian Kehl sprach nach dem Spiel ungewohnt deutlich von der Gefahr, „den Fokus zu verlieren“. Zwischen den Zeilen wurde klar: Beim BVB schrillen die Alarmglocken, und Trainer Niko Kovac rückt stärker denn je ins Zentrum der Kritik.
Die Niederlage traf Dortmund in einer Phase, in der der Klub eigentlich Stabilität ausstrahlen wollte. Stattdessen wirkte das Spiel gegen die Spurs wie ein Rückfall. Tottenham, selbst kriselnd und in der Premier League nur Tabellen-14., musste auf 13 Spieler verzichten, saß mit sechs Amateur- oder Jugendspielern auf der Bank – und dominierte dennoch einen BVB, dem in der ersten Halbzeit nahezu alles fehlte. Selbst grundlegende Tugenden wie Einsatz, Leidenschaft und Widerstandsfähigkeit waren kaum zu erkennen.
Mehr Ergebnis Als Leistung
Rein statistisch steht Dortmund in der Champions League noch ordentlich da. Drei Siege aus sieben Spielen – gegen Athletic Bilbao (Tabellenplatz 32), den FC Kopenhagen (Rang 24) und den punktlosen Vorletzten FC Villarreal – lassen sich auf dem Papier vorzeigen. Doch der Schein trügt. Gegen stärkere Gegner und gegen Bodø/Glimt gab es Niederlagen oder Remis, zuletzt auch das ernüchternde Spiel gegen Inter Mailand. In der Tabelle ist der BVB mittlerweile auf Rang zwölf abgerutscht, die Aussicht auf einen Platz unter den besten Acht und den direkten Einzug ins Achtelfinale ist stark geschrumpft.

Auffällig ist die Annäherung der Champions-League-Leistungen an das Bild aus der Bundesliga. Dort steht Dortmund zwar noch auf Platz zwei, profitiert aber davon, dass die Gegner ein niedrigeres Niveau haben. Enge Spiele – wie das jüngste 3:2 gegen Kellerkind St. Pauli nach zwischenzeitlicher 2:0-Führung – werden oft noch irgendwie gewonnen. Die spielerischen Probleme bestehen jedoch auch national seit Monaten.
Kovacs Ansatz Unter Beobachtung
Trainer Niko Kovac genießt intern weiterhin Anerkennung dafür, den Klub in die Champions League geführt zu haben – ein sportlich wie wirtschaftlich wichtiger Erfolg. Doch die erhoffte Weiterentwicklung der Mannschaft bleibt aus. Viele strukturelle Probleme erinnern an die Phase vor rund einem Jahr, als Nuri Şahin trotz ähnlicher Baustellen und einer Ergebniskrise seinen Posten verlor.
Kovac setzt auf Pragmatismus und defensive Stabilität, ein Ansatz, der im Kontrast zu den Erwartungen vieler Fans steht. Dortmunds Selbstbild ist geprägt von mutigem, offensivem und spektakulärem Fußball – einem Stil, mit dem sich der Klub einst in der europäischen Spitze etablierte. Der Vergleich mit dem FC Bayern fällt derzeit schmerzhaft aus: Während die Münchner auch mit Führung weiter angreifen und Kantersiege suchen, gerät der BVB selbst bei Vorsprüngen ins Wanken.
In der Champions League stößt dieser Ansatz besonders schnell an Grenzen. Gegner bestrafen die fehlenden Lösungen im Spielaufbau und im Übergangsdrittel konsequent. In London wurde deutlich, dass es nicht allein an individueller Klasse oder Spielglück fehlt, sondern an klaren inhaltlichen Antworten.
Die Kritik kommt inzwischen auch von außen. Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann sprach in seiner Sky-Kolumne von einer Niederlage als Folge „fehlender Einstellung“ und bemängelte, dass Dortmund einen verunsicherten Gegner stark gemacht habe. Besonders die erste Halbzeit habe ein Gesicht gezeigt, „das ich so von ihnen unter Kovac noch nicht gesehen hatte“. Hamann sieht zudem qualitative Defizite in der Offensive: Serhou Guirassy treffe derzeit nicht, Karim Adeyemi sei außer Form, und auch Beier enttäusche in seinem zweiten Jahr.
Auch Oliver Kahn meldete sich zu Wort. Der frühere Bayern-Boss forderte in einer Sky-Talksendung mehr interne Ehrlichkeit. Klare Worte untereinander könnten helfen, Probleme offen anzusprechen, statt sie zu verdrängen.
Für Kovac wird die Situation damit heikel. Während er vor einem Jahr in der Krise kaum etwas zu verlieren hatte, steht nun sein Konzept auf dem Prüfstand. Kehl machte deutlich, dass man nicht in ein paar Wochen zurückblicken wolle und sich fragen müsse, warum man einen entscheidenden Moment hat verstreichen lassen. Die kommenden Wochen könnten damit richtungsweisend werden – für den BVB und für seinen Trainer.
