Der Winter-Transfermarkt wird für Klubs oft dann hektisch, wenn ein Saisonplan auf die Realität prallt: Verletzungen, Vertragsfragen, fehlende Kaderbreite – und ein Countdown, der keine Gnade kennt. Genau in dieser Lage steckt Liverpool nun. Nach einer 4:1-Gala gegen Newcastle United am 31. Januar 2026 sprach Trainer Arne Slot offen über den Druck, noch vor dem Ende des Fensters nachzulegen. „Wir versuchen, den Kader zu verstärken, nicht ihn zu schwächen“, sagte er – und verwies auf die Uhr: „Schauen wir, wenn das Fenster schließt.“ Die Frist endet am Montag, 2. Februar, um 19 Uhr.
Im Zentrum der Gespräche steht Lutsharel Geertruida, 25, ein niederländischer Defensivspieler, den Liverpool am 1. Februar 2026 als Leihoption prüft. Der Plan: schnelle Soforthilfe für eine Abwehr, die Slot wegen einer ungewöhnlich schweren Verletzungswelle kaum noch zusammenstellen kann – ohne dabei langfristig irreparable Verpflichtungen einzugehen. Doch die Verhandlungen gelten intern als kompliziert und zeitkritisch: Es braucht eine dreiseitige Einigung zwischen Liverpool, RB Leipzig und Sunderland.
Geertruida ist derzeit von Leipzig für die gesamte Saison an Sunderland verliehen. Die „Black Cats“ hatten ihn im September 2025 für eine Gebühr von 2,1 Millionen Pfund geholt – inklusive Kaufoption über 21 Millionen Pfund im Sommer. Der Haken: In der Leihvereinbarung gibt es keine Break-Klausel. Ein Wechsel nach Anfield wäre deshalb nur möglich, wenn Sunderland einer vorzeitigen Auflösung zustimmt, der Spieler formell nach Leipzig zurückkehrt und anschließend Liverpool ihn übernimmt.
Liverpool arbeitet nach Angaben aus dem Klubumfeld „mit Hochdruck“, gleichzeitig wird der Deal angesichts der engen Zeitleiste als „langer Schuss“ beschrieben. Sunderland müsste nicht nur zustimmen, sondern auch selbst reagieren: Trainer Régis Le Bris würde erst grünes Licht geben, wenn ein Ersatz gefunden ist. Sollte die Einigung rasch näher rücken, gilt es als wahrscheinlich, dass Geertruida im anstehenden Spiel gegen Burnley nicht mehr eingesetzt wird.
Drei Vereine, ein Spieler – und Liverpools Notstand
Die Dringlichkeit in Liverpool ist nicht nur taktisch, sondern existenziell für die nächsten Wochen. Conor Bradley fällt mit einer Knieverletzung bis Saisonende aus. Jeremie Frimpong ist wegen Leistenproblemen mehrere Wochen nicht verfügbar. Zudem fehlen Joe Gomez und Giovanni Leoni; Leoni befindet sich weiterhin in der Rehabilitation. Die Folge: Liverpool hat zuletzt nur drei einsatzfähige, erfahrene Innenverteidiger zur Verfügung.
Slot musste improvisieren – und dabei deutlich über die Grenzen eines normalen Rotationsplans hinausgehen. Defensivmittelfeldspieler Wataru Endo wurde in jüngsten Partien in die Abwehrkette gezogen, ebenso kam Mittelfeldmann Dominik Szoboszlai in Defensivrollen zum Einsatz. Die Diskussion unter Fans und Beobachtern dreht sich längst um eine Kernfrage: Kann Liverpool so den Schwung bis in die entscheidende Saisonphase tragen – und das Ziel Top vier verteidigen?
Geertruida wird intern als Lösung mit Mehrwert gesehen, weil er mehrere Problemzonen gleichzeitig abdecken kann: Er kann als Rechtsverteidiger spielen, als Innenverteidiger – und notfalls als absichernder Sechser im Mittelfeld. Genau diese Vielseitigkeit macht ihn in einer Verletzungskrise attraktiv, in der nicht nur ein Spieler, sondern mehrere Positionen „brennen“.
Hinzu kommt eine weitere Unwägbarkeit im Hintergrund: Ibrahima Konaté steht vor einem Vertragsende im Sommer, was Liverpools Defensivplanung über die laufende Saison hinaus zusätzlich verkompliziert.
Warum Slot auf seinen Ex-Kapitän setzt
Der Personalname ist für Slot alles andere als zufällig. Geertruida und Slot kennen sich aus der gemeinsamen Zeit bei Feyenoord. Unter Slot absolvierte der Verteidiger 127 Spiele, trug häufig die Kapitänsbinde und sammelte für einen Defensivspieler auffällige Offensivwerte: 16 Tore und neun Assists. Liverpool sieht darin nicht nur einen „Feuerlöscher“, sondern einen Spieler, der Slots Spielidee bereits verinnerlicht.
Geertruida selbst hatte 2024 über Slot gesagt, er habe das Beste aus ihm herausgeholt und ihm auch unangenehme Wahrheiten gesagt – die sich später als richtig erwiesen. Slot sei ein „Game Changer“ für Feyenoord gewesen, ein intelligenter Trainer mit klarer Vorstellung von dominantem Fußball; außerhalb des Platzes offen, gesprächsbereit und ansprechbar. Diese Verbindung könnte in den finalen Stunden einer Deadline den Ausschlag geben – gerade wenn mehrere Klubs in kurzer Zeit Entscheidungen treffen müssen.
Sportlich hat sich Geertruida bei Sunderland zudem sichtbar gemacht. In dieser Saison kommt er auf 17 Premier-League-Einsätze, sieben davon in der Startelf, und gilt als wichtiger Baustein im Jahr des Aufsteigers. Insofern wäre ein Abgang auch für Sunderland ein Einschnitt – was erklärt, warum die Bereitschaft zur Freigabe an Bedingungen geknüpft ist. Gleichzeitig heißt es, der Klub werde dem Spieler nicht im Weg stehen, sofern ein tragfähiger Ersatz organisiert werden kann.
Dass Geertruida überhaupt kurzfristig wechselbar ist, erleichtert eine Regelkonstellation: Nach FIFA- und Premier-League-Regularien darf er für zwei Klubs in einer Saison auflaufen, weil er vor seinem Wechsel nach Sunderland keinen Einsatz für Leipzig absolviert hat. Damit fällt ein potenzielles formales Hindernis weg – die Logistik zwischen drei Vereinen bleibt allerdings das Nadelöhr.
Liverpool hatte den Niederländer bereits im Mai auf dem Radar, entschied sich dann aber für Frimpong und setzte parallel auf den Aufstieg Bradleys. Geertruida wiederum stand am Deadline Day des vergangenen Sommers kurz vor einem Wechsel zu Marseille, ehe Sunderland in letzter Minute zugriff. Nun schließt sich der Kreis – unter ganz anderen Vorzeichen.
Alternativen hat Liverpool geprüft, doch nicht jede Spur führt weiter. Ein Tauschansatz mit Inter Mailand, bei dem Denzel Dumfries kommen und Curtis Jones gehen sollte, gilt inzwischen als unwahrscheinlich. Damit bleibt Geertruida die bevorzugte Option: Premier-League-erprobt in dieser Saison, positionsflexibel – und als Leihe im Idealfall ein Geschäft mit überschaubarem Risiko. Sollte er überzeugen, könnte Liverpool im Sommer über einen dauerhaften Transfer nachdenken.
Vorerst läuft alles auf ein Rennen gegen die Uhr hinaus: Drei Vereine müssen sich einigen, Sunderland muss Ersatz finden, und Liverpool muss in den nächsten 48 Stunden die Details fixieren – bevor am Montag um 19 Uhr das Fenster zuschlägt.
