Der erste Auftritt des Ferrari SF-26 ist weniger eine gewöhnliche Präsentation als ein Lackmustest für die Zukunft der Scuderia. Mitten in einem umfassenden Regelumbruch der Formel 1 versucht Ferrari, sportliche Stagnation, internen Druck und hohe Erwartungen in einen Neuanfang zu verwandeln. Der neue Wagen steht damit nicht nur für eine Saison, sondern für die Frage, ob das traditionsreichste Team der Königsklasse den Sprung in eine neue Ära wirklich meistern kann.
Am 23. Januar 2026 um 11:30 Uhr MEZ stellte Ferrari den SF-26 auf der hauseigenen Teststrecke in Fiorano vor – zunächst in einem kurzen Video, anschließend mit ersten Rollouts auf der Strecke. Wie schon in den vergangenen Jahren blieb die Scuderia ihrem festen Ablauf treu und kombinierte die Enthüllung mit einem Shakedown am selben Tag. Charles Leclerc, Lewis Hamilton und Teamchef Fred Vasseur waren vor Ort, um den Startschuss für das neue Projekt zu geben.
Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Die Saison 2026 markiert einen der größten technischen Einschnitte in der Geschichte der Formel 1: bewegliche Flügel ersetzen das klassische DRS, die Hybridantriebe liefern mehr elektrische Leistung, und erstmals fahren alle Autos mit 100 Prozent nachhaltigem Kraftstoff. Ferrari sieht darin eine seltene Gelegenheit, die Kräfteverhältnisse neu zu ordnen – nach einem Jahr, das als Rückschritt gewertet wurde.
Technik, Druck und offene Rechnungen
Der SF-26 wurde vollständig nach dem neuen Regelwerk entwickelt. Loic Serra, Technischer Direktor Chassis, sprach von einem Projekt, das eine völlig neue Denkweise erfordert habe. Ein Großteil der Entwicklungszeit sei in die Konzeptphase geflossen, um das technische Umfeld der neuen Regeln auszunutzen und zugleich genügend Spielraum für Weiterentwicklungen während der Saison zu lassen. Effizienz, aktive Aerodynamik und die Integration neuer Systeme seien dabei zentral gewesen. Unterstützt wird das Projekt von Enrico Gualtieri, der die Antriebseinheit verantwortet.
Sportlich kommt Ferrari aus einer schwierigen Phase. In der Saison 2025 rutschte das Team auf Platz vier der Konstrukteurswertung ab und blieb ohne Grand-Prix-Sieg – erstmals seit 2021. Charles Leclerc beendete die Saison mit sieben Podestplätzen und einem überraschenden Pole-Position-Erfolg in Ungarn, wurde aber nur Fünfter in der Fahrerwertung. Lewis Hamilton, der 2025 sein erstes Jahr in Rot absolvierte, blieb erstmals in seiner Karriere ohne Podium und landete einen Platz hinter Leclerc. Insgesamt blieb Ferrari damit weit hinter den eigenen Ansprüchen zurück.
Die Entscheidung, frühzeitig Ressourcen auf das 2026er-Reglement zu lenken, habe die Saison 2025 zusätzlich erschwert, räumte Vasseur später ein. Psychologisch sei das schwer zu managen gewesen, dennoch habe er an der strategischen Weichenstellung festgehalten. Die Hoffnung: ein klarer Neustart statt kurzfristiger Schadensbegrenzung.
Kontinuität auf dem Papier, Wandel im Hintergrund
Trotz der Enttäuschungen hält Ferrari am Fahrerduo fest. Leclerc, der 2026 in seine achte Saison mit der Scuderia geht, bringt acht Grand-Prix-Siege, 50 Podestplätze und 1.672 Punkte aus 171 Starts mit. Hamilton bleibt das Zugpferd mit seiner außergewöhnlichen Bilanz von sieben Weltmeistertiteln, 105 Siegen, 202 Podestplätzen und über 5.000 Karrierepunkten. Sein Vertrag läuft bis Ende 2026 und enthält eine Option für ein weiteres Jahr.
Im Hintergrund gab es jedoch personelle Anpassungen. Riccardo Adami, Hamiltons Renningenieur 2025, wechselte in eine neue Rolle und verantwortet nun die Testarbeit im Nachwuchsprogramm. Die Maßnahme folgt auf eine Saison mit wiederholten Funkmissverständnissen, unter anderem in Monaco, wo Hamilton die Kommunikation offen kritisierte. Ferrari betonte zwar stets, es habe keine grundlegenden Probleme gegeben, doch für 2026 soll die Zusammenarbeit neu aufgestellt werden.
Die Erwartungen bleiben hoch – intern wie extern. Ferrari ist das einzige Team, das seit 1950 an jeder Formel-1-Saison teilgenommen hat, und zugleich das erfolgreichste der Geschichte mit 16 Konstrukteurs- und 15 Fahrer-Titeln. Der letzte große Erfolg liegt jedoch lange zurück: 2008 gewann Ferrari zuletzt die Team-WM, 2007 holte Kimi Räikkönen den letzten Fahrertitel. Seitdem folgten verpasste Chancen – von Fernando Alonsos knappem Scheitern 2012 bis zu Sebastian Vettels verlorener Titelchance 2018.
Der SF-26 steht nun für den Versuch, diese Geschichte umzuschreiben. Nach dem Shakedown in Fiorano folgt der nächste Härtetest bei den anstehenden Einsätzen vor der Saison. Ob der technische Neustart reicht, um gegen Mercedes, Red Bull und ambitionierte Herausforderer wie Audi oder Racing Bulls zu bestehen, bleibt offen. Sicher ist nur: Für Ferrari geht es 2026 nicht um ein weiteres Übergangsjahr, sondern um die Glaubwürdigkeit eines Teams, das seinen Platz an der Spitze zurückerobern will.
