Ein Smartphone aus dem Jahr 2011 gehört plötzlich wieder zu den meistverkauften Geräten auf chinesischen E-Commerce-Plattformen. Das iPhone 4S, einst Symbol des frühen Smartphone-Booms und eng mit der Ära von Steve Jobs verbunden, erzielt derzeit über 100.000 Bestellungen innerhalb von 30 Tagen – zu einem Stückpreis von rund 55 Yuan, umgerechnet nur wenige Euro.
Was auf den ersten Blick wie ein statistischer Ausreißer wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Teil eines breiteren Konsumtrends, der Nostalgie, Minimalismus und extrem niedrige Einstiegskosten miteinander verbindet.
In einem Markt, der sonst von Hochleistungsgeräten mit immer größeren Displays, Akkus und KI-Funktionen dominiert wird, schlägt ausgerechnet ein technisch überholtes Modell ein, das nur iOS 6 unterstützt und nicht einmal WeChat flüssig ausführen kann.
Retro statt Rechenleistung
Nach Angaben mehrerer chinesischer Verkaufsplattformen verzeichnen einzelne Händler monatliche Verkaufszahlen im fünfstelligen Bereich. In Kommentarspalten und Kurzvideo-Apps berichten Käufer, dass sie das Gerät bewusst nicht als Haupttelefon nutzen. Stattdessen dient das iPhone 4S als Musikplayer, Digitale Bilderrahmen, Auto-Multimedia-Einheit oder als Plattform für Klassiker wie Fruit Ninja und Angry Birds.
In sozialen Netzwerken kursieren Anleitungen zur „Wiederbelebung“ des Geräts – inklusive Tipps für Akkutausch, Offline-Nutzung und kreative Umbauten. Der Hype wird so zusätzlich durch algorithmische Empfehlungsmechanismen verstärkt.
Straßenumfragen, die von chinesischen Lokalmedien veröffentlicht wurden, zeigen ein klares Motiv: Das Gerät wird bewusst nicht mit modernen Smartphones verglichen, sondern eher mit einfachen Seniorenhandys. Nutzer heben den Touchscreen, das Design und die Robustheit hervor – weniger die Kamera oder Software.
Ein Befragter bringt es auf den Punkt: Es gehe nicht um Leistung, sondern um ein anderes Nutzungserlebnis.
Ein Produkt wird zum Erinnerungsobjekt
Marktbeobachter sehen hinter dem Phänomen eine doppelte Triebkraft. Zum einen erlebt Retro-Ästhetik weltweit eine Renaissance – von Mode bis Unterhaltungselektronik. Das iPhone 4S gilt als eines der letzten ikonischen Designs aus der frühen Smartphone-Phase von Apple und trägt für viele Käufer einen hohen emotionalen Wert.
Zum anderen senkt der extrem niedrige Preis die Hemmschwelle nahezu auf Null. Für umgerechnet wenige Euro lässt sich ein Stück persönlicher Vergangenheit erwerben, ohne dass Fragen nach Aktualität, Sicherheit oder Alltagstauglichkeit eine Rolle spielen müssen.
Experten sprechen in diesem Zusammenhang von einer Verschiebung der Konsumlogik: Neben Funktionalität und Innovation gewinnen emotionale Bindung und Individualität zunehmend an Bedeutung. Produkte, die eine Generation geprägt haben, können auch Jahre später wieder Nachfrage erzeugen – sofern Preis und Erwartungshaltung zusammenpassen.
Das iPhone 4S erfüllt genau diese Bedingungen. Es ist technisch obsolet, wirtschaftlich irrelevant für den Hersteller – und dennoch ein Bestseller. Nicht trotz, sondern wegen seiner Begrenzungen.
Für die Branche ist das mehr als eine Kuriosität. Es ist ein Hinweis darauf, dass selbst in hochentwickelten Technologiemärkten nicht jede Nachfrage zukunftsorientiert ist. Manchmal reicht ein vertrautes Design, ein niedriger Preis und ein kollektives Gefühl von Erinnerung, um ein Produkt über ein Jahrzehnt später erneut in den Mittelpunkt zu rücken.
