“Corona hat mich dazu gebracht, meine Geduld zu überdenken” – Top News

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Ein Jahr später kompletter Stillstand.

Samt Ausgangsbeschränkungen.

So viel Stille kann verdammt laut sein.

Völlig überflüssig zu erwähnen, dass ich für solch einen Zustand absolut nicht gemacht bin.

Und nur dank der schier grenzenlosen Geduld meines Mannes und meiner fantastischen Kinder nicht durchdrehe.

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Bereits als die Schulen geschlossen wurden und meine zwei Töchter das Homeschooling antraten, antizipierte ich den bevorstehenden künstlerischen Stillstand.

Eine geradezu beängstigende Vorstellung.

Wenn ich auf mein Leben als Regisseurin vor genau einem Jahr zurückblicke, muss ich mich arg zusammenreißen, nicht allzu sehr Trübsal zu blasen.

Kurz nach Ostern 2019 waren wir in der letzten heißen Phase, die Netflixserie WIR SIND DIE WELLE rechtzeitig zu beenden.

16- bis 18-Stunden-Arbeitstage waren meine Normalität.

Essen und schlafen dagegen wurden immer überflüssiger.

Manchmal koordinierte ich bis zu vier Units, also vier verschiedene Drehorte, an denen ich mit Drohnen, Kränen, Steadicams, etlichen Kameras, einem Riesenteam, Stuntkoordinatoren und manchmal an die hundert Komparsen drehen durfte.

Von 16-Stunden Arbeitstagen zu völligem Stillstand: So ging es der Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu.

In unserem Corona-Tagebuch schreibt sie, warum man in Zeiten wie diesen nicht nur den Körper, sondern auch die Kreativität fit halten muss .

Anca Miruna Lăzărescu, geboren 1979 im rumänischen Temeswar und nach dem Sturz Ceaușescus 1990 mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, arbeitet viel und gern.

Als Regisseurin braucht sie dazu eigentlich ein Team, Drehorte, Bewegung.

All das gibt es nun, in Zeiten des Corona-Lockdowns, nicht mehr.

Also hat sich Lăzărescu, die an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film studiert hat, bereits mit ihrem Abschlussfilm “Stille Wasser” zahlreiche Preise gewann und 2019 den Grimmepreis für die HBO-Serie “Hackerville” bekam, eine spezielle kreative Herausforderung gesucht.

Zusammen mit zwei Kollegen – der eine in Rumänien, der andere in der Schweiz.

Ost versus West kann man man auch in fünf Sekunden erzählen – in Rumänien sind die Ausgangsbeschränkungen viel härter, es pa­t­rouil­lie­ren regelmäßig Armeejeeps.

Im schweizerischen Basel hingegen sind bei gutem Wetter Massen an Menschen draußen und machen Sport – herrlich zu sehen, wie Boxen mit 5 Meter Abstand aussieht.

Man boxt nämlich mit der Luft.

Einmal die Woche im Skypecall hinterfragen wir unsere Vorgehensweise: Driften wir in Banalität ab, beginnen wir uns in unseren Einstellungen zu wiederholen, sollten wir etwa neue Regeln aufstellen? Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, aber es tut uns allen ungemein gut, sich kreativ auszutauschen.

Und die Videos haben inzwischen festen Bestandteil in unseren Leben.

Am Anfang waren wir alle noch recht brav.

Ich filmte meine Kinder bei den Hausaufgaben, der Regisseur in Rumänien war völlig überwältigt von den nahezu leer gefegten, sonst immer völlig verstopften 8-spurigen Straßen Bukarests.

Und drehte sie bei Tag und bei Nacht.

Und der Kollege aus der Schweiz war ganz fasziniert von der Poesie im leeren Basel.

Dann wurden wir immer präziser, dokumentierten die täglichen Einschränkungen: Einkaufen mit Maske, die deprimierende Kontaktsperre, die manchmal schmerzhafte Absurdität des Nichtstuns.

Plötzlich blickten wir auf unseren Alltag viel genauer, überprüften jede noch so alltägliche Situation auf das filmische Potenzial hin, die Einstellung des Tages zu werden.

Also forderte ich zwei befreundete Filmemacher auf, die beide im Ausland wohnen, mit mir in eine Corona-Challenge zu treten.

Getreu dem Motto: die Kreativität ist ein Muskel, den man permanent trainieren muss, stellten wir einige wenige simple Regeln auf: An jedem Tag der kommenden Wochen schicken wir uns jeweils eine – mit dem Handy gefilmte Einstellung – zwischen fünf und 25 Sekunden lang, in der wir uns mit dem Lockdown und der Pandemie filmisch beschäftigen.

Die Einstellungen können rein beobachtend oder inszeniert sein, lustig oder tragisch, sie müssen aber eine Haltung wiedergeben zur aktuellen Lage.

Ein kreativer Dialog also mit dem obersten Ziel: die Ausnahmesituation zu verarbeiten.

Von 16-Stunden Arbeitstagen zu völligem Stillstand: So ging es der Regisseurin Anca Miruna Lăzărescu.

In unserem Corona-Tagebuch schreibt sie, warum man in Zeiten wie diesen nicht nur den Körper, sondern auch die Kreativität fit halten muss .

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Meine Lieblingseinstellungen bisher: Der rumänische Kollege versucht, einen Drachen steigen zu lassen auf dem Dach seines neunstöckigen Betonblocks mitten in Bukarest.

Den Drachen hatte ich ihm zu Weihnachten geschenkt.

Der Regisseur in Basel dagegen, singt völlig verzweifelt “Isolation is not good for me!” aus “Lemon Tree” von Fools Garden über den geradezu unaushaltbar malerischen Dächern der Altstadt.

Seine Einzelquarantäne macht ihm regelmäßig zu schaffen.

Und meine Lieblingseinstellung bisher: Im Wald vor einem Spielplatz sitze ich einsam auf meinem Regiestuhl und inszeniere vor lauter Verzweifelung das rot-weiße Absperrband.

Inzwischen gibt es eine ganze Serie von mir, wo ich mich an verschiedene leere Orte in Dachau mit meinem Regiestuhl begebe und in völliger Einsamkeit darauf warte, dass etwas passiert.

Eines ist sicher: Die Corona-Krise hat mich dazu gebracht, mein Verständnis von Geduld komplett neu zu überdenken.

“Corona hat mich dazu gebracht, meine Geduld zu überdenken”

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