“Die beste Krise aller Zeiten” – Top News

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Wer ist an was Schuld und wer hätte schneller reagieren können? Welche Maßnahmen sind sinnvoll und welche hätte man sich besser erspart? All diese Fragen werden momentan auf dem medialen Schlachtfeld ausgefochten.

Denn eines ist klar: Gerade der Ausnahmezustand braucht Sinnstiftung auf höchstem Niveau, um das murrende Volk auf Linie zu bringen, von allgemeiner Meuterei abzuhalten, den sozialen und ökonomischen Frieden zu wahren und die passenden Emotionen in die Haushalte zu transportieren.

Wie werden wir das Jahr 2020 nennen, wenn wir zurückblicken in ein oder zwei Jahrzehnten? Das verlorene Jahr? Das Jahr, in dem unsere Eltern starben? Das Jahr, in dem wir so viel TV geschaut haben wie nie zuvor? Die Presseteams und Social-Media-Beauftragten in den Bundesministerien und Staatskanzleien haben schon längst die Antennen ausgerichtet, um der Krise den passenden (also eigenen) Spin zu geben.

Krise, das bedeutet immer auch Narration und die Deutungshoheit über die im Moment schwindelerregend galoppierende Geschichte zu wahren, um dem eigenen Handeln die nötige Legitimität zu verpassen.

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Die gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Corona-Krise lassen sich noch gar nicht absehen.

Dass die Epidemie das Genre Katastrophenfilm mit viel Stoff befeuert, ist für Schriftsteller Michel Decar klar.

Einige Ideen dazu in seinem Corona-Tagebuch.

Heute schreibt der 1987 in Augsburg geborene Schriftsteller, Theaterautor und Hörspiel-Regisseur Michel Decar unser Corona-Tagebuch fort.

Bekannt wurde er als Dramatiker, für Aufsehen sorgte 2017 sein Stück “Philipp Lahm” am Münchner Residenztheater.

Und mit seinem Romandebüt “Tausend deutsche Diskotheken” gewann Michel Decar 2019 den Bayern2-Wortspiele-Preis für junge Literatur.

Welche Inspiration die Film-Industrie aus der Corona-Epidemie ziehen könnte, um uns beim Verarbeiten der Krise zu helfen, beschreibt er in seinem Tagebuch-Eintrag.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen.

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1.

Der aufwändig produzierte, aber leider biedere ZDF-Zweiteiler.

Die Story: Drei Schwestern müssen den elterlichen Öko-Betrieb durch existenzielle Liquiditätsengpässe navigieren.

Gut, dass der alleinerziehende Baron von Schöneck nicht weit ist und beim Soforthilfe-Antrag assistieren kann.

Vermutlich wird auch schon jetzt in den Hinterhöfen von Hollywood, Bollywood und Babelsberg an der Verfilmung der Krise gewerkelt, um die gesellschaftlichen Nebenwirkungen cineastisch zu begleiten und nach monatelanger Dürre die Kassen mal wieder richtig klingeln zu lassen.

Und so werden in zahlreichen Zoom-Konferenzen zu vorgerückter Stunde bereits erste Ideen für die Katastrophenfilme der Zukunft hin- und hergepitcht und es ist nur eine Frage der Zeit, wer zuerst rauskommt:

Letzte Woche wurde erst bekannt, dass die PR-Agentur Storymachine (mitgegründet von Ex-Bild-Chef Diekmann) die sogenannte “Heinsberg-Studie” kommunikativ aufgedonnert hatte, um – ja, was eigentlich? Cui Bono ist hier natürlich die naheliegende Frage und inwiefern Möchtegern-Kanzler Laschet in der Sache mit drinhängt.

Denn es würde ja sicher niemanden stören, endlich als hemdsärmliger Macher à la Gummistiefel-Gerd ins Rampenlicht zu treten.

Die gesellschaftlichen Nebenwirkungen der Corona-Krise lassen sich noch gar nicht absehen.

Dass die Epidemie das Genre Katastrophenfilm mit viel Stoff befeuert, ist für Schriftsteller Michel Decar klar.

Einige Ideen dazu in seinem Corona-Tagebuch.

Oder aber:

3.

Das postdramatisch-sperrige Zombie-Apokalypse-Format, das vom Staatstheater Nürnberg ins Internet gestreamt wird.

Erkenntnis der 97 Zuschauer: Eigentlich ist der Kapitalismus das Problem.

2.

Der vielversprechende, aber am Ende doch hölzerne Sci-Fi-Thriller auf Netflix.

Adam und Jen in vorhersehbarer Mission in Beijing, Milano und New York.

Und nur für den Fall, dass Sie bereits eine bessere Idee und Ihre eigene Katastrophen-Dramaturgie in der Tasche haben: Schicken Sie doch bitte – am besten noch heute – eine Mail mit dem Betreff DIE BESTE KRISE ALLER ZEITEN an die Agentur Storymachine, den Writers’ Room der Disney Studios oder die Kulturredaktion des Bayerischen Rundfunks.

Denn: Eine Krise ist weder gut noch schlecht, sie ist nur das, was wir aus ihr machen.

4.

Und es geschieht endlich ein Wunder.

Ein echtes Wunder! Und wo sollten Wunder geschehen, wenn nicht im Kino? Also, wie wäre es damit: Wes Anderson hat einen Geistesblitz, holt sofort Paul Thomas Anderson an die Strippe.

Der findet’s auch genial und klingelt Roy Anderson aus dem Bett.

Zu dritt quatschen sie den Studiobossen in Windeseile die Millionen aus der Tasche, denn Drehbeginn für den Triple-Anderson-Blockbuster ist bereits Ende Juni unter ausgetüftelten Quarantäne-Bedingungen.

Vangelis schmeißt zum letzten Mal die Hammondorgel an, Emmanuel Lubezki gibt sich an der Alexa gewohnt luftig.

Und auch der Cast kann sich sehen lassen: Werner Herzog mimt den abgründigen Professor von der John Hopkins University, Seann William Scott und Sarah Michelle Gellar brillieren als TV-Virologen, und Margot Robbie rettet als – na klar – abgebrannte Reptilienzoo-Managerin die Welt.

“Die beste Krise aller Zeiten”

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