“Die gegenwärtige Situation ist eine Krise, keine Chance” – Top News

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Und plötzlich tauchte eine Frage wieder auf, die uns erstmals 2014 bei unserer Nominierung als Intendanten der Diagonale begegnete: Findet das Festival nun online statt? Warum sollte es?, möchten wir damals wie heute zurückweisend erwidern.

Wie so viele Veranstaltungen dieser Tage musste die Grazer Diagonale, das Festival des österreichischen Films, kurz vor der Eröffnung abgesagt werden.

So wurden die letzten Tage und Wochen nicht von einem Festival-Spielplan und Filmen, sondern von Notfall-Telefonkonferenzen und Mailschleifen getaktet.

Ein isoliertes Leben in Abhängigkeit von mehr oder weniger starker Internetanbindung.

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Filmfestivals leben vom Diskurs mit dem Publikum, von Neugier, Widerspruch und Euphorie.

Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, die Intendanten der Grazer Diagonale, wollten kein Online-Ersatzfestival.

Warum, das erklären sie im Corona-Tagebuch.

Vom 24.

bis 29.

März 2020 sollte in Graz die Diagonale, das Festival des österreichischen Films stattfinden – es war eins der ersten Festivals, die in diesem Jahr wegen der Pandemie abgesagt wurden.

“Bis zuletzt haben wir an Programm und Umsetzung gearbeitet und uns auf eine weitere Festivaledition in Graz gefreut.

Die Absage schmerzt persönlich, vor allem aber bedauern wir diese nicht leichtfertig getroffene Entscheidung für alle Filmschaffenden, alle Kinogänger/innen, Partner/innen und Wegbegleiter/innen”, schreiben die beiden Festspielleiter Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger in ihrer Presseerklärung zur Absage.

In ihrem Corona-Tagebuch reflektieren die Diagonale-Intendanten die Bedeutung des Festivals und die prekäre Lage der Kunstschaffenden, die in der Krise ans Licht kommt.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen.

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Filmfestivals sind – wie alle Kulturveranstaltungen mit Anspruch – Vermittlungsorte von Kunst.

Sie leben vom Diskurs, der Gegenrede, von Fan-Tum und “Umarmungen”, die in Zeiten von Covid-19 nicht mehr zeitgemäß scheinen.

Ja, auch die Diagonale hat Inhalte punktuell online verfügbar gemacht.

Dabei erschien es uns jedoch wichtig, erst gar nicht zu versuchen, das Festival digital zu ersetzen.

Vielmehr suchten wir nach Schnittstellen zwischen analogem Festival und digitaler Welt: Filme, die das Publikum auch privat nachsehen kann, Literaturlisten, Texte und Musikstücke, die besagtes Programm begleiten oder erweitern.

Filmfestivals bieten nicht nur Filme an, sie erzeugen Resonanzen! Zwischen Publikum und Filmschaffenden, aber auch zwischen den Filmen selbst.

Die Euphorie und Neugierde, die Festivals auslösen können, entstehen durch Erzählungen von und über Filme und deren soziales, kulturelles wie gesellschaftliches Umfeld – oder durch deren historische Einbettung.

Von der Leinwand ausgehend stellen sie Fragen: Was zeigen uns die laufenden Bilder und wie sind ihre Rückseiten beschaffen?

Festivals und Kinovorstellungen sind soziale Ereignisse, die Diagonale ein Kinofestival.

Die Vereinzelung der Filme vor behördlich-veranlasstem “vereinzelten” Streamingpublikum kann das Format Festival bestenfalls ergänzen, nicht aber ersetzen.

Filmfestivals leben vom Diskurs mit dem Publikum, von Neugier, Widerspruch und Euphorie.

Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, die Intendanten der Grazer Diagonale, wollten kein Online-Ersatzfestival.

Warum, das erklären sie im Corona-Tagebuch.

So bleibt die Feststellung, dass die gegenwärtige Situation zuvorderst das ist, was sie ist: eine Krise und keine Chance! Entwicklungen, die schon lange in Latenz lagen, zeigen sich plötzlich in aller Deutlichkeit.

Weil die Welt von gestern eben keine andere ist und jede gegenwärtige Reaktion auf Covid-19 dieser Welt entstammt.

In Österreich machten deren Absagen in den letzten Wochen auf schmerzliche Weise augenscheinlich, auf welch prekären Strukturen die selbsternannte Kulturnation steht.

Ihr Notstand mündet dieser Tage in der Notwendigkeit massiver finanzieller Zuwendungen.

Etwa um die desaströse soziale Lage vieler Kunst- und Kulturschaffender abzufangen, von denen stets erwartet wird, möglichst kosteneffizient auf höchstem Niveau abzuliefern.

Er fordert dabei auch ein selbstkritisches Umdenken aufseiten unserer eigenen, mitunter sehr egobezogenen Branche: Solidarität vor Sendebewusstsein!

Die informellen, zwischenmenschlichen Nischen, die den Charme und Charakter eines Festivals ausmachen, müssen dabei notgedrungen ausgespart bleiben.

Eine Lücke, die möglicherweise Platz zur Reflexion über die Funktion all der haptischen, realen, analogen, unmittelbaren und somit auch flüchtigen Kultur- und Sportveranstaltungen lässt.

Das Programm der abgesagten Diagonale’20 ist vielleicht sogar weniger flüchtig als eines im Regel-Festivalbetrieb.

Fixfertig geplant, publiziert, jedoch größtenteils unaufgeführt, wirft es grundlegende Fragen auf: an Filmfestivals per se, ans Kino, an die Gesellschaft.

“Die gegenwärtige Situation ist eine Krise, keine Chance”

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