“Die Heimreise” – Filmemacher Tim Boehme im Gespräch – Top News

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Tim Boehme: Also, das kam so, dass wir vor etwa fünf Jahren schon mal eine Reportage dort gedreht haben.

Da ging es aber um den Bauernhof und um das ganze Konzept, weil dort die behinderten Menschen in den Familien leben, fast so wie deren Kinder.

Nur ist das natürlich schon ein bisschen anders.

Und genau das sagte Bernd mir auch: ‚Klar, man wird super gepflegt und alles ist wunderbar.

Aber es ist doch etwas anderes, eine richtige Familie zu haben.

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‘ Und das war seine größte Sehnsucht.

Da gab es eine Aussage von Bernd, er sagte: ‚Manchmal denke ich, ich bin geklont, vielleicht komme ich aus einer Fabrik und bin gar kein echter Mensch.

‘ Das blieb hängen.

Die Reportage, die war schön und gut.

Aber ich dachte: Meine Güte, man könnte ja im Prinzip daraus was Größeres machen.

Also eine richtige Dokumentation.

Bernd und ich sind in Kontakt geblieben.

Bernd rief mich immer so zu Weihnachten an.

Immer war die Frage: Können wir nicht noch etwas machen? Und da hatte Johann, Bernds Freund und “Kollege”, die Idee: Wir könnten doch mal Bernies Familie suchen.

Das war auch immer so ein Hintergedanke von mir gewesen, und ich dachte: Dann lass uns das mal probieren.

So begann das alles.

Man soll nicht zu viel verraten, denn viele mögen sich doch bitte diesen Film anschauen.

Am Ende wird noch ein weiterer Onkel gefunden, Manfred, da wird es nahezu herzzerreißend.

Diese Emotionen, die da dann bei Bernd hochkommen, transportieren Ihre Bilder auf ganz eindringliche Art und Weise.

Für Sie war das sicherlich auch eine besondere Erfahrung.

Wie blicken Sie auf diese Reise mit Bernd und Johann zurück?

Knut Cordsen: Ihre Hauptfigur, Bernd Thiele, lebt und arbeitet auf dem Bauernhof Sophienlust in Schleswig-Holstein, in einer sozialtherapeutischen Einrichtung für geistig Behinderte – wie sind Sie auf ihn und seine im Dunkeln liegende Familiengeschichte gestoßen?

Also, ich muss sagen, ich mache ja viele Filme mit Menschen, und es gibt wenig ‚normale‘ Menschen, die sich so ausdrücken und die ihre Gefühle so transportieren können.

Natürlich, es ist immer ein bisschen anders als der ‚normale‘ Mensch das vielleicht sagen würde.

Aber es berührt uns, weil seine Themen auch unsere Themen sind: Es geht ihm um Anerkennung und das Gefühl der Zugehörigkeit.

All diese Sachen beschäftigen auch diese Männer und gerade natürlich Bernd, weil er ja nun überhaupt niemanden hatte.

Er kannte ja niemanden.

Er hat ja noch nicht mal ein Foto von irgendjemandem aus seiner Familie, hat nie mit seiner Mutter gesprochen, nie mit seinem Vater.

Von seiner Mutter besitzt er nur einen Brief.

Angeblich hat er ja eine Schwester.

Das hat ihn ja sehr bewegt.

Hat er wirklich eine Schwester? Das wurde ihm aber nur so gerüchteweise erzählt.

Es gab keine schriftlichen Belege dafür.

Für Bernd war das so unheimlich wichtig, wirklich diese Wurzeln zu finden.

Und das konnte er halt sehr gut mit Johann zusammen machen, weil Johann sich so ein bisschen mit Technik auskennt.

Auch wenn es da auf dem Hof mal ein Problem mit einem Handy gab, war Johann immer die erste Adresse.

Er hat es nicht immerhin gekriegt, aber immer probiert.

Ja, das hat natürlich mit den Charakteren Johann und Bernd zu tun.

Auch mit deren Chemie.

Die sind jetzt nicht unbedingt beste Freunde.

Das heißt es jetzt manchmal, nein, sie sind mehr wie so ein Brüderpaar.

Die haben da lange auf dem Hof zusammengelebt und -gearbeitet.

Einerseits stützen sie einander wirklich, andererseits ärgern sie sich auch gegenseitig immer so ein bisschen.

Und da kommt auch viel von dieser Komik her.

Johann muss immer das letzte Wort haben und kann jeden gegen die Wand reden.

Das sieht man auch zum Beispiel auf der Kiez-Führung mit “Schnecke”, unserem Kiez-Führer.

Johann interviewt den ja regelrecht, fragt, ob er auch schon mal mit “Zuhälterinnen” zusammen war.

Er macht das wirklich wunderbar.

Was den Alkoholismus angeht: Es ist ja so, dass Bernd das Pränatale Alkoholsyndrom hat, das ist ja sein Problem.

Lange Jahre wollte er das nicht zugeben, dass er diese Behinderung hat, er wollte immer normal sein.

In den letzten Jahren aber ist es ihm wirklich gelungen, das zu akzeptieren und damit ganz offen umzugehen.

Man sieht das ja auch in Berlin, wenn er die Leute anspricht.

Fast jeder wollte ihm helfen.

Wir hatten einmal eine schwierige Situation in einer Kneipe.

Wir sind mit der Kamera rein.

Man drohte uns, wenn wir hier drehen würden, würde man uns verklagen und wir müssten das Material löschen.

Aber als Bernd denen seine Geschichte erzählte, hat er diese bulligen Berliner total auf seine Seite gezogen.

Bernd und Johann haben eigentlich überall die Türen geöffnet, weil sie einfach so charmant sind.

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“Wo komme ich her?” ist eine wichtige Frage.

Der 38-Jährige Bernd ist wegen seiner Behinderung in einem Heim aufgewachsen, kennt seine Eltern nicht und will diese Frage nun klären.

Die Dokumentation “Die Heimreise” begleitet ihn auf seiner Suche.

Wenn wir von “Heimreise” sprechen, dann meinen wir die Fahrt zurück zum Wohnort oder auch dorthin, wo man geboren und aufgewachsen ist.

Mithin: die Reise in die Heimat.

Was aber, wenn man diese Heimat nicht hat, wenn man als Säugling von den Eltern weggeben wurde, in Kinderheimen und bei Pflegefamilien aufwuchs, wenn man also weder seine Eltern noch irgendein anderes Mitglied seiner Familie kennt? Dann wird so eine Heimreise zum Aufbruch in ein vollkommen unbekanntes Land.

Die Heimreise des 38-jährigen Bernd Thiele wird noch zusätzlich dadurch beschwert, dass er behindert ist und weder lesen noch schreiben kann.

Der Filmemacher Tim Boehme hat ihn und seinen ebenfalls behinderten Freund mit der Kamera begleitet auf seiner Suche nach seiner Familie.

Seine Doku “Die Heimreise” läuft auf dem Münchner Dok.

fest.

Knut Cordsen hat mit Tim Boehme gesprochen.

Ja, und zwar auf ganz wunderbare Art und Weise, wie man dann durch Ihren Film lernt.

Bernd kann zwar nicht lesen und schreiben, aber er kann sich erstaunlich gut artikulieren.

Man merkt: Der Mann ist zwar geistig behindert, aber er kann seine Situation sehr wohl reflektieren.

Und nun fahren also Bernd und sein Freund oder “Kollege” Johann, wie er ihn nennt, über Hamburg, wo sie noch eine nächtliche Kiez-Führung über die Reeperbahn bekommen, nach Berlin im Zug.

Allein diese Nacht auf St.

Pauli ist wunderbar.

Aber gehen wir gleich nach Berlin, wo noch Verwandte von Bernd leben sollen, wie die beiden wissen.

Dort treffen sie dann, nach einigen Irrungen und Wirrungen, einen Onkel von Bernd: Burkhard, den Bruder der verstorbenen Mutter und wie diese offenkundig ein schwerer Alkoholiker.

Bernd hat seine Behinderung ja, weil seine Mutter während ihrer Schwangerschaft getrunken hat.

Als Zuschauer denkt man sich: Das sind schon schlimme Verhältnisse, völlig zerrissen die Familie, keiner weiß so richtig vom anderen, was eigentlich Schwestern und Brüder machen.

Und dennoch hält Ihr Film immer die Balance, finde ich.

Er ist manchmal berührend, dann niederschmetternd und dann auch wieder hoch komisch.

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Nein, so heißt er wirklich, und er hat ja auch berühmte Künstler in der Familie.

Seine Tante ist, glaube ich, Schriftstellerin.

Johann selbst hat auch so eine ganz gewählte Ausdrucksform.

Das kommt natürlich auch daher, weil seine Eltern beide Lehrer sind und ihn immer sehr gefördert haben.

Man merkt natürlich schon, dass auch er eine Betreuung braucht, aber er kann halt lesen.

Und er kann vor allen Dingen auch mit der Bahn und mit dem Handy umgehen.

Deswegen war das eine gute Kombination.

Und so können sie sich gegenseitig ergänzen.

Tim Boehmes Film “Die Heimreise” ist online zu sehen auf dem DOK.

Fest München.

Am 13.

05.

um 21 Uhr gibt es dort live ein Q&A mit Tim Boehme.

Von Anfang an ist klar: Bernd kann diese Reise, die ihn nach Berlin führen wird, nicht ohne Hilfe antreten.

Deshalb begleitet ihn sein Freund Johann, der zwar ebenfalls geistig behindert ist, aber noch mehr als sein Kumpel den Schalk im Nacken sitzen hat.

Eine äußerst witzige Type mit einem ellenlangen Namen: Johann Nathanael Zeylmans von Emmichhoven – das ist kein Fantasiename, richtig?

Ich muss sagen, es ist wirklich ein Privileg gewesen, sowas miterleben zu dürfen.

Wir fahren ja alle wahrscheinlich oft nach Berlin oder München oder Hamburg.

Aber für Bernd war das die Reise seines Lebens – und ich durfte dabei sein.

Das hat man nur ganz, ganz selten als Filmemacher, dass man wirklich bei so etwas Wichtigem dabei sein darf.

Es war herrlich.

Und Bernd hat sich auch so unglaublich gut entwickelt.

Ich kenne ihn ja nun wirklich schon über sechs Jahre, und am Anfang – man sieht es, glaube ich, auch im Film – war Bernd unheimlich steif, stocksteif.

Er lief eigentlich wie so ein Waschbrett durch die Gegend.

Sein Rücken war wie versteift.

Am Ende aber hat er so ein Selbstbewusstsein gewonnen – durch diese Suche, durch diese Reise, und das ist für mich schon einmalig.

“Wo komme ich her?” ist eine wichtige Frage.

Der 38-Jährige Bernd ist wegen seiner Behinderung in einem Heim aufgewachsen, kennt seine Eltern nicht und will diese Frage nun klären.

Die Dokumentation “Die Heimreise” begleitet ihn auf seiner Suche.

“Die Heimreise” – Filmemacher Tim Boehme im Gespräch

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