Erinnerungen an Begegnungen und Gespräche mit Paul Celan – Top News

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Niels Beintker: Zunächst ein Blick auf Ihre erste Begegnung im April 1958, lange vor Ihrer Zeit im Verlag.

Sie waren angehender Student, ein dem Dichter völlig unbekannter Mann, wie Sie ihm zuvor in einem langen Brief geschrieben hatten.

Sie wollten Paul Celan in Paris besuchen und mit ihm auch über eigene Texte sprechen.

Was hat Sie an Celans Poesie fasziniert, gefesselt?

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Ich habe mich dafür natürlich geschämt, dass ich die Gedichte nicht verstehe.

Aber: Einer der besten Celan-Kenner war Peter Szondi, der auch mein Lehrer war.

Was ich von ihm gehört habe: ‘Für mich ist ‘Die Niemandsrose’ Celans letzter Gedichtband.

‘ Und danach kamen ja eben ‘Atemwende’ und ‘Fadensonnen’ und die Gedichte aus dem Nachlass.

Das heißt, Szondi selber, dieser unglaublich genaue Leser und Celan-Exeget, hat diese Gedichte ab ‘Atemwende’ auch nicht verstanden.

Das war für mich dann sozusagen die Beruhigung, dass nicht ich alleine das war.

Das sind Dinge, die konnte ich mir nicht zu eigen machen, jedenfalls in meiner damaligen Auffassung vom Übersetzen.

Mir kam es eher darauf an, die Struktur eines fremden Textes, die Struktur der Sprache herüberzuholen ins Deutsche.

Dabei bin ich den Ideen oder auch der Praxis von Übersetzern und Dichtern wie Johann Heinrich Voß, dem Homer-Übersetzer, oder Hölderlin, dem Sophokles- und Pindar-Übersetzer gefolgt – im Versuch nachzuahmen, was in der Struktur der anderen Sprache eventuell die Grenzen der deutschen Sprache erweitern könnte.

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Niels Beintker hat mit Klaus Reichert über Paul Celan gesprochen.

Ich hatte das Gefühl, hinter diesen Gedichten steht etwas, was ich nicht wissen kann, etwas ganz Privates.

Ich wusste damals noch nicht, dass er mehrfach in der Psychiatrie war.

Das heißt, er bezog sich damit auf biografische Zusammenhänge, von denen ich keine Ahnung hatte.

Er sagte ja: ‘Sie müssen lesen, lesen, lesen.

Dann kommt das Verstehen von selbst.

‘ In den früheren Gedichten kam es dann auch.

Ich merkte, es spielt auf dieses oder jenes an, was ich wissen hätte können – ob das jetzt aus der anarchistischen Literatur eines Kropotkin oder Landauer war oder ob es biblische Zusammenhänge waren.

Das ließ sich finden.

Aber bei “Atemwende” hatte ich den Eindruck, da fehlt mir eine bestimmte Kenntnis und deswegen verstehe ich sie nicht.

Lernen konnte man eigentlich von ihm nichts.

Sein Übersetzen ist sehr eigen gewesen.

In den Rezensionen wurde das ja auch oft bemängelt: ‘Das hat er falsch übersetzt, das hat er nicht verstanden.

‘ Er hat die Texte verwandelt in eigene Texte hinein.

Er hat diese Gedichte – etwa das große Gedicht von Paul Valéry, ‘Junge Parze’ – praktisch neu geschrieben, auf seine Weise ein Celan-Gedicht daraus gemacht.

Insofern ist es tatsächlich ein integraler Bestandteil des Werkes.

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Am 20.

April war Paul Celans 50.

Todestag.

Der Anglist und Publizist Klaus Reichert war in den 60er Jahren sein Lektor bei Suhrkamp.

In seinem gerade erschienenen Buch mit Erinnerungen und Briefen erzählt er von einem ganz besonderen Dichter.

Der Literaturwissenschaftler Klaus Reichert war in der zweiten Hälfte der 60 Jahre Lektor im Insel- und im Suhrkamp-Verlag.

Dort hat er – neben der Vorbereitung der großen James-Joyce-Ausgabe – auch die Bücher Paul Celans betreut.

In seinen Erinnerungen erzählt er von den Begegnungen mit dem Dichter, von intensiver Arbeit wie auch von heiteren und von schwierigen Gesprächen.

Klaus Reichert, von 2002 bis 2012 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, ist einer der letzten, die unmittelbar von Paul Celan berichten können.

Mit dem Besuch begann eine engere Beziehung, bis zum Jahr 1968 – das zeigen Ihre Erinnerungen und auch Ihre Briefe.

Sie haben sich wiederholt mit Paul Celan getroffen, er hat Sie und Ihre Frau daheim besucht, unter anderem zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse 1967.

Lange hat er da erzählt von dem, was ihn so sehr beschäftigt.

Ebenso schrieb Celan einen rührenden Brief zur Geburt Ihrer ersten Tochter.

Es gab eine Nähe, eine Verbundenheit.

Und es gab die Arbeit an den Texten, beginnend mit dem Gedichtband “Atemwende“, 1967 erschienen.

Sie blicken so ehrlich zurück und erzählen: ‘Ich verstand die Gedichte nicht.

‘ Warum waren sie so fremd?

Mit Ihrem Ausscheiden aus dem Suhrkamp-Verlag Ende 1968 endete die engere Beziehung zu Paul Celan, das zeigen Ihre Erinnerungen und die Briefe.

Sie sahen sich zwar noch, dennoch schreiben Sie: “Er war weit weg.

” Ein großes Thema in Ihrem persönlichen Rückblick ist das Übersetzen und Übertragen – für Paul Celan war das ein integraler Bestandteil seines Werkes.

Sie haben unter anderem die Übertragung der 21 Shakespeare-Sonette in der Insel-Bücherei betreut, es gibt in den Briefen etwa einen Austausch über die richtige Übersetzung einer Verszeile.

Ebenso gibt es einen Austausch über eine Passage in einem Brief von James Joyce: “I want to get rid of my Jewish bowels“.

Celan empfahl: “Schreiben Sie ‘mein jüdisches Geherz‘.

” Wie viel haben Sie von Paul Celan lernen können mit Blick auf das Übersetzen und Nachdichten?

Klaus Reicherts Buch “Paul Celan.

Erinnerungen und Briefe” ist im Suhrkamp-Verlag erschienen, zunächst – aufgrund der Folgen der Corona-Pandemie – als E-book.

Das richtige Buch soll im Mai in die Buchhandlungen kommen, voraussichtlich am 18.

5.

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Nun, ich muss schildern, wie ich ihn zunächst in Paris erlebt hatte: ein ganz schlanker, wunderschöner, jüngerer Herr, mit dunklen Haaren, dunklen Augen.

Und auf einmal traf ich jetzt einen dicklich gewordenen, etwas aufgeschwemmten Mann mit falschen Zähnen.

Mir war da noch nicht klar, wie viel Zeit er in Psychiatrien zugebracht hatte und mit entsprechenden Medikamenten vollgestopft wurde.

Das war ein etwas erschreckender Anblick, zunächst.

Ja, über bestimmte Dinge konnte man einfach nicht sprechen.

Oder ich wollte das auch nicht ansprechen, aus Diskretion heraus.

Das weiß ich nicht.

Ich weiß nur, dass wir heute geradezu von einer Celan-Industrie sprechen können.

Und zwar nicht nur im deutschen Sprachraum.

Auch im französischen, im englischen, im italienischen, in slawischen Sprachen.

Über keinen anderen Dichter gibt es inzwischen so viel Literatur.

Insofern ist er in den Händen der Philologen der am meisten ausgelegte Dichter des 20.

Jahrhunderts, vielleicht nur vergleichbar mit Rainer Maria Rilke oder Stefan George.

Vielmehr ist über Paul Celan geschrieben worden als über den großen Gottfried Benn.

Bei dem Besuch in Paris blieb Ihre Uhr stehen.

Dennoch schildern Sie dieses Treffen mit gemischten Gefühlen: Hier die Offenheit, das Gespräch über Poesie und auch eine Einladung zum Abendessen.

Da aber auch eine Taktlosigkeit, ein Affront aus Unwissenheit: Sie erzählen begeistert von Gottfried Benn, von einem Bewunderer des Faschismus.

Sie blieben dennoch lose in Verbindung, durch Ihr Studium hindurch.

An einem frühen Septemberabend 1965 – Sie waren bereits Lektor bei Insel und Suhrkamp – hat Sie Paul Celan abends in Frankfurt besucht, in der kleinen Wohnung, die Sie damals zusammen mit Ihrer Schwester bewohnten.

Er wollte mit Ihnen über ein Angebot Siegfried Unselds sprechen.

Wie haben Sie Paul Celan damals erlebt?

Bei aller Nähe: Es gab immer auch eine Distanz.

Viele Fragen blieben ungestellt.

Deutlich wird das vor allem mit Blick auf das schwierige Verhältnis Paul Celans zu Martin Heidegger, zum “Schwarzwalddenker“.

Ein Abend im Frühsommer 1968 bei Ihnen daheim in Frankfurt – Celan hatte zuvor Heidegger besucht – endete bedrückt.

Das Gespräch, das es hätte geben können, gab es nicht.

Inwiefern gehört dieses Schweigen auch zu Ihren Begegnungen, zu Ihrer Beziehung?

Paul Celan ist der bedeutendste deutschsprachige Dichter in der zweiten Hälfte des 20.

Jahrhundert – wenn nicht sogar des Jahrhunderts überhaupt.

Ist uns das heute – 50 Jahre nach seinem Tod – in der Weise bekannt, in der es uns bekannt sein sollte?

Klaus Reichert: Sie hatte einen ganz bestimmten Ton – um nicht zu sagen Sound – , der mich sofort in seinen Bann gezogen hat.

Ich habe vieles nicht verstanden, von den Gedichten.

Aber ich wusste, da ist eine große dichterische Potenz, die ich in der vergleichbaren Gedicht-Produktion in Deutschland so noch nicht gehört hatte.

Es kam aus einer ganz fremden Welt.

Mir war noch nicht klar, dass das eventuell auch eine wirklich fremde, chassidische, eine jüdische Welt war – obwohl einige Gedichte darauf hindeuteten.

Und es gab für mich eben diese deutsche Schuld.

Die habe ich sehr früh empfunden, als Kind.

Und dann las ich dieses ungeheuerliche Gedicht “Todesfuge”.

Das Problem bei diesen späten Gedichten ist eben, dass es viele, sagen wir einmal philosophisch geschulte, Menschen gibt, die sich über diese Gedichte hundertseitige Interpretationen einfallen lassen.

Weil die Gedichte sich dazu herzugeben scheinen.

Wenn alles voller Lücken ist, voller Fragen für einen, dann kann sich etwas anschließen, was so wie im Poststrukturalismus á la Derrida alle Zügel sozusagen gelockert hat: eine Art beliebiges hermeneutisches Herumspielen mit diesen häufig vereinzelten Wörtern wie auch Zeilen.

Insofern hatten wir zwei total verschiedene Auffassungen vom Übersetzen.

Und gleichwohl habe ich bei den Sonetten gemerkt: Wie weit sie sich auch von Shakespeare entfernt haben, sind sie doch erstaunlich in der Vielstelligkeit des Ausdrucks, den er gefunden hat.

So dass vieles von der Komplexität eines Shakespeareschen Sonetts eben bei ihm, wenn auch auf eine völlig andere Weise, erhalten geblieben ist.

Das war das Faszinierende.

Am 20.

April war Paul Celans 50.

Todestag.

Der Anglist und Publizist Klaus Reichert war in den 60er Jahren sein Lektor bei Suhrkamp.

In seinem gerade erschienenen Buch mit Erinnerungen und Briefen erzählt er von einem ganz besonderen Dichter.

Und dann überfiel er mich mit einem Anruf aus Freiburg: ‘Ich war gestern mit Heidegger zusammen.

Ich möchte heute nach Frankfurt kommen, um Ihnen davon zu erzählen.

‘ Ich dachte: ‘Das wird sicher furchtbar.

‘ Deswegen haben meine Frau und ich Marie Luise Kaschnitz, die auch meine Autorin war, eingeladen.

Und dazu den Lektor für deutsche Literatur im Suhrkamp Verlag Urs Widmer mit seiner Frau.

Und dieser Abend wurde eben ein Desaster.

Ich habe ihn dann beruhigt und gesagt: ‘Schauen Sie, das ist doch der Verlag von Walter Benjamin und Theodor W.

Adorno, von Peter Szondi – seinem Freund.

In dieser Gesellschaft werden Sie sich wohlfühlen.

‘ Das Gespräch endete schließlich damit, dass er sagte: ‘Gut, ich komme zu Unseld, unter der Bedingung, dass sie mein Lektor werden.

Auch aus Respekt, aus Hochachtung, natürlich.

Aber es gibt Menschen oder Autoren, die in unseren Gesprächen ausgeklammert waren.

Und dazu gehörte der Name Heidegger.

Ich wusste natürlich von der engen Beziehung zu Heideggers Denken, seit dem Besuch in Paris in der Wohnung.

Ich sah und erkannte die Heidegger-Bände, die da in einem Bücherregal standen.

Und das hat mich doch sehr irritiert, weil ich die Geschichte Heideggers kannte.

Aber im Gespräch löste sich das.

Dann habe ich auch eigentlich vergessen, wie ich ihn 1958 erlebt hatte.

Und wir sprachen sehr lebendig, sehr angeregt miteinander über die Dinge, die wir gerade geplant haben, im Verlag Suhrkamp, auch im Verlag Insel.

Er hatte eine gewisse Furcht, das Angebot von Siegfried Unseld anzunehmen, zu Suhrkamp als Autor zu kommen und auch als Übersetzer.

Er befürchtete, die Lektoren, diese Linksintellektuellen, wären ihm gegenüber skeptisch, würden diese Art von Lyrik in der gegenwärtigen politischen Situation – Mitte der sechziger Jahre – nicht akzeptieren können.

Sicherlich auch aus Respekt.

Inwieweit er noch gelesen wird, auf einer Ebene wie etwa Rilke, auch noch in den Schulen – das kann ich nicht beurteilen.

Im Übrigen: Ein Volksdichter kann er nie werden.

Er ist viel zu schwierig dafür.

Das gipfelte eben in der Bemerkung: ‘Und die Frau ist so reizend.

‘ Da sagte Marie Luise Kaschnitz: ‘Wir haben die damals schon nur die Martinsgans genannt.

‘ Celan war empört, warf das Besteck hin.

Er war wütend.

Und in dem Moment begann unsere kleine Tochter im Nebenzimmer zu brüllen.

Und von seiner Frau.

Das war aber vielleicht auch leider von mir falsch eingefädelt.

Ich begrüßte ihn mit den Worten: ‘Wie konnten Sie das machen, zu Heidegger zu gehen? Nach allem, was er gesagt hat und wozu er sich nicht geäußert hat nach dem Krieg.

‘ Und Celan sagte: ‘Ja, ich habe ihn gefragt, was er mir sagen könnte über das, was er damals geschrieben und gedacht hat.

Er wiederum sagte: Ich werde mir überlegen, was ich Ihnen sagen kann.

‘ Das allerdings, sagte Celan, hat er dann nicht getan.

Damit war das Thema aber für ihn erledigt, und er begann zu schwärmen von Heidegger.

Erinnerungen an Begegnungen und Gespräche mit Paul Celan

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