“Ich spüre einen Wind, der viel Unwichtiges fortweht” – Top News

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Man sieht, dass in extremen Situationen der Teil eines Menschen nach außen gespült wird, der so etwas wie sein Wesenskern ist.

Schöne Negativ-Beispiele gibt es haufenweise, aber die interessieren gerade nicht.

Nach einigen Wochen Ausgangs-Beschränkung und einem nie dagewesenen Wasserfall an traurigen, lustigen, verzweifelten, Mut machenden Nachrichten sickert nun langsam das Gefühl ins Innere, dass die Pandemie mit dem Bier-Namen zwar hierzulande womöglich unter Kontrolle kommt, sie aber ganz bestimmt unsere Gesellschaft, unser Land und die ganze Welt langfristig verändern wird.

Dass Kinder in ein paar Generationen im Geschichts-Unterricht so darüber lesen werden wie wir beispielsweise über den New Yorker Börsen-Crash 1929.

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Mit den wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Folgen werden wir jedenfalls viel zu tun haben.

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Krisenzeiten sind Ausnahme-Zeiten.

Nur: Was richten sie in unserem Inneren an? Die Frage stellt der Komponist Gerd Baumann in seinem Corona-Tagebuch.

Sicher ist für ihn, dass die Seuche unseren Wesenskern sichtbar macht, den guten oder negativen.

Gerd Baumann, 1967 in Forchheim geboren, verpackt Szenen und Eindrücke in musikalische Klänge: Als Filmkomponist hat er schon viele Soundtracks geschaffen, vor allem in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Marcus H.

Rosenmüller, beispielsweise für den “Räuber Kneißl” oder für ” Wer früher stirbt ist länger tot”, wofür er 2007 den Deutschen Filmpreis bekam.

Außerdem arbeitet er als Produzent für Konstantin Wecker und spielt in der Band “Dreiviertelblut”.

In unserem Corona-Tagebuch heute bringt er seine Stimmung nicht in Tönen zum Ausdruck, sondern in Worten.

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Der nach außen gespülte negative Kern wird aber erst recht bei Staatenlenkern sichtbar, die nicht einmal angesichts eines Massensterbens ihre eigene Eitelkeit und Machtbesessenheit verlieren, sondern sich – je globaler die Herausforderung wird – noch mehr auf niederster Ebene mit wirren Schuldzuweisungen und politischen Spielchen beschäftigen.

Man leidet in diesen Zeiten besonders mit den Menschen in den USA, die schon seit 3 Jahren unter ihrem Präsidenten ächzen und verzweifeln.

Aber auch hier gibt es zum Glück die positiven Beispiele und man lernt Politiker zu schätzen, denen man mitfühlendes Handeln gar nicht so zugetraut hätte.

All das sind Realitäten, die jeden einzelnen Menschen treffen und betreffen.

Es sind aber vor allem Äußerlichkeiten, also Ereignisse, mit denen wir oft ohne eigenes Zutun konfrontiert werden.

Natürlich auch positiv: Die vielen unbekannten und bekannten Komiker, die uns mit Lager-Koller-Alkoholiker-Videos Unterhaltung spenden.

Schöne Positiv-Beispiele sind meine Studenten, die sich zurzeit mit Online-Unterricht zufriedengeben müssen und letzte Woche gemeinsam ein Streichquartett komponiert haben.

Einer nach dem anderen, jeder, jede nur 8 Takte.

Inclusive Ego fallenlassen… Das Ergebnis ist beeindruckend!

Krisenzeiten sind Ausnahme-Zeiten.

Nur: Was richten sie in unserem Inneren an? Die Frage stellt der Komponist Gerd Baumann in seinem Corona-Tagebuch.

Sicher ist für ihn, dass die Seuche unseren Wesenskern sichtbar macht, den guten oder negativen.

Zum Beispiel? Zum Beispiel spüre ich einen Wind, der viel Unwichtiges vom Wichtigen wegfegt, habe ich viel an Selbstverständlichkeiten der Vergangenheit gedacht, die auf einmal in die Ferne gerückt sind: Eine Theater-Premiere, ein Schafkopf-Abend, ein ganz normaler Einkauf… Und bin plötzlich dankbar, dankbarer noch als sonst für so viel schon erlebtes Glück.

All das nimmt mich in eine Art Zwangs-Meditation in dem Wissen, dass es nur möglich ist, die jetzige Zeit gut zu meistern, wenn ich in der Lage bin, dem Ganzen etwas Wertvolles für die Zukunft abzugewinnen.

Was mich momentan am meisten beschäftigt, ist, was es in unserem Inneren anrichtet.

Für mich ganz persönlich: Die Zurückgeworfenheit auf mich selbst, der alltägliche Boden, der mir unter den Füssen weggezogen wurde, die Aussicht, in den nächsten Wochen oder Monaten keine Konzerte mehr spielen zu können, keine Lesungen, keine Band – Proben oder Studio-Sessions (es ist sehr wahrscheinlich, dass es erst im Herbst wieder normalen Betrieb in Konzerthäusern, Theatern und Clubs geben wird).

Keinen persönlichen Kontakt mit meinen Studenten, keinen Handschlag mit irgendwem und nachts: die vollständig leeren Straßenbahnen, die durch das stille München geistern.

Ja, muss man denn immer an allem etwas Positives finden, hör ich mich fragen… Kann man etwas denn nicht einfach mal nur beschissen finden? Ja, vielleicht.

Aber der Haken ist ja ein allgemeiner, fast schon erdrückend-normaler: Die Zeit! Die Zeit geht einfach weiter.

Ob sie auch weitergeht, wenn ich und wir alle nicht mehr auf der Erde weilen, weiß ich nicht.

Aber – wen interessiert´s? Wir sind ja noch da und – gehen weiter.

Und zuletzt: habe ich mich selten so eins gefühlt mit wildfremden Menschen, mit denen man in 2-Meter-Abstand vor einer Bäckerei wartet.

Doch: Wie kann man als Gesellschaft enger zusammenrücken, wenn man dabei Abstand halten soll? Es sind eben die kleinen Gesten, Blicke, Zeichen, die uns manchmal ungefragt näherbringen.

Ein nationaler Achtsamkeits-Kurs!

Zum Beispiel frage ich mich, ob die Menschheit mit der Begeisterung für künstliche Intelligenz auf einem sinnvollen Weg ist.

Ist es nicht vielmehr eine soziale Intelligenz, die uns wirklich weiterbringt?

“Ich spüre einen Wind, der viel Unwichtiges fortweht”

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