“Im Glasberg” – Nadja Küchenmeister und ihre neuen Gedichte – Top News

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Niels Beintker: Der Titel des Gedichtbandes und das gleichnamige Gedicht “im glasberg” spielen an auf das Märchen “Die sieben Raben”, zu finden in der großen Sammlung von Jakob und Wilhelm Grimm.

Es erzählt von einem Mädchen, das seine sieben Brüder – allesamt nach einem Fluch des Vaters in Raben verwandelt – erlösen will und schließlich auch kann, nach einem Besuch in eben jenem Glasberg.

Wer Ihre Gedichte und das Märchen aufmerksam liest, kann entdecken, dass es viele Bezüge gibt.

Was fasziniert Sie gerade an diesem Märchen?

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Viele Ihrer Gedichte haben Strophen mit drei Zeilen.

In der Mitte des Bandes gibt es sogar eine große Sammlung, “im mittelfellraum”, eigentlich eine Art Lebensreise.

Auch da kommt der Glasberg vor: “eile zum glasberg hinauf / und man eilt hinauf, man gleitet aus / schreibt briefe in die luft”.

Auch der Brief ist ein Motiv, dem wir immer wieder begegnen können.

Eine Liebeserklärung an die Schrift?

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Niels Beintker hat mit Nadja Küchenmeister gesprochen.

Trödeln ist ja ein Wort, das wir aus der Kindheit kennen: “Trödel nicht so rum!” Das wird uns heute eher selten begegnen.

Und tatsächlich ist es so, dass die Langsamkeit des Trödelns sich gut verbindet mit dem Innehalten beim Schreiben, aber auch beim Lesen von Gedichten.

Das Trödeln dehnt die Zeit – etwas, was wir schreibend ja auch versuchen.

Wir dehnen die Zeit.

Wir lassen den Augenblick länger werden, als er wahrscheinlich abgelaufen ist.

Wir kehren auch immer wieder zurück zu diesem Augenblick, wenn es ein guter Augenblick war.

Leider auch oft, wenn es ein weniger guter Augenblick war.

Und das Trödeln, Innehalten, Zeitdehnen ist tatsächlich ganz verwandt mit dem Gedicht.

Das stimmt.

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Ein Märchen der Gebrüder Grimm – “Die sieben Raben” – berichtet von einem Mädchen, das seine Brüder sucht und sie in einem Glasberg findet.

Die Lyrikerin Nadja Küchenmeister hat sich von diesem Text für ihren neuen Gedichtband inspirieren lassen.

Wie das Mädchen im Märchen der Gebrüder Grimm hat sich auch Nadja Küchenmeister – geboren 1981 in Berlin – auf eine Suche begeben.

Ihre neuen Gedichte erzählen davon, nehmen etwa die Geschichte der eigenen Familie in den Blick, ebenso Begegnungen mit Menschen, Landschaften, Städte, Lektüren und geschriebene Briefe.

Eine intensive und gleichzeitig beeindruckende Suche.

Das Großartige am Gedicht: es hält die Zeit an, für einen Augenblick und ist so verdichtete Zeit.

Eines Ihrer Gedichte führt nach Bukarest und erzählt schließlich, wie auch sein Titel “vom trödeln am rand kleiner straßen”.

Ist das nicht eine wunderbare Beschreibung für die Poesie: eine Einladung zum Trödeln, das vermeintlich Nebensächliche im Blick?

Nadja Küchenmeisters Gedichtband “im glasberg” ist im Schöffling-Verlag erschienen.

Ihre Gedichte eröffnen immer wieder den Blick zurück, in die Vergangenheit, in die Geschichte einer Familie, in die Tiefe der Zeit.

Ebenso erzählen sie von der Welt, etwa von der Galatabrücke, und von fernen Himmelskörpern – Sonne, Mond und Sterne kommen ja auch im Märchen von den sieben Brüdern vor.

Erinnerung ist bei all dem ein wichtiges Thema.

Inwiefern wird das Gedicht immer wieder zu einer physischen Erkundung, zum imaginären Gang in die Erinnerung, in die Topographie?

Die Zeilen aus “im mittelfellraum” gehen weiter: “man atmet die hälfte seines lebens / zu wenig, man holt, was man verloren hat / nie wieder auf…” Man kann Traurigkeit in diesen Worten finden, ebenso aber auch die Ermunterung, etwas gegen das Vergessen zu unternehmen.

Und man begegnet Hölderlin.

Ist das Schreiben für Sie immer auch ein Einschreiben in die Geschichte der Poesie, in imaginärer Dialog?

Was aber am Ende wirklich gefunden wird – ob es einfach nur um die Brüder des Mädchens geht oder vielleicht auch noch um einen anderen Kern -, das war faszinierend, einerseits.

Und andererseits ist in meinem Gedicht aus der Suche nach den Geschwistern auch die Suche nach dem eigenen Ich geworden – und die Suche nach dem geliebten Menschen.

Und so habe ich versucht, zumindest etwas aus dem Märchen zu überführen, in mein Gedicht, aber dann doch eine andere Suche zu knüpfen.

Mir scheint manchmal, dass man, wenn man Briefe schreibt, allein schon durch das Schreiben eines Briefes zum Ausdruck bringt: Diese Nachricht möchte ich dir, diese Nachricht möchte ich Ihnen auf diesem Wege mitteilen.

Und das erhöht nochmal die Besonderheit der Nachricht.

Und da ja Gedichte auch Nachrichten sind, die wir senden, ohne gefühlig werden zu wollen – aber Gedichte sind eben Nachrichten, die manchmal in kürzerer, manchmal längerer Form in die Welt hinaus geschickt werden –, glaube ich, dass der Brief im Gedicht ganz gut aufgehoben ist.

Nadja Küchenmeister: “Die sieben Raben” ist eines der Märchen der Gebrüder Grimm, das sich erst relativ spät kennengelernt habe.

Zwar eignet allen Märchen etwas Gleichnishaftes.

Aber in diesem Fall hat mich die Suche des Mädchens ganz besonders angerührt: das Mädchen auf der Suche nach den Brüdern, das Mädchen, das Sonne und Mond befragt, die Sterne befragt, dann am Ende auch fündig wird.

Vielleicht – der Brief als Liebeserklärung an die Schrift.

Aber auch der Brief als ein Überbleibsel einer Zeit, die auch ich jetzt langsam, mit fast 40, meine ein wenig verabschieden zu sehen oder auch verabschieden zu müssen.

Es werden immer weniger Briefe geschrieben.

Und dabei vergisst man oft, dass allein schon die Verheißung in dem verschlossenen Kuvert liegt.

Die Verheißung liegt auch in der Schrift des Absenders.

Das ist etwas enorm Persönliches, was keine SMS, keine E-Mail leisten kann.

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Ein Märchen der Gebrüder Grimm – “Die sieben Raben” – berichtet von einem Mädchen, das seine Brüder sucht und sie in einem Glasberg findet.

Die Lyrikerin Nadja Küchenmeister hat sich von diesem Text für ihren neuen Gedichtband inspirieren lassen.

Und diese Erinnerungen, diese sinnlichen Erfahrungen, werden bei mir häufig zu einem Gedicht.

Weil sich das dann mit Melodien mischt, weil sich das mit Gerüchen, mit Tönen verbindet.

Und mir scheint, dass das Gedicht am ehesten Erinnerungen abbilden kann, weil Erinnerung eigentlich nicht konstant abläuft, sondern aufploppt, wie eine ganz kurze Melodie, und dann wieder absinkt.

Und deshalb kommt, glaube ich, einem Gedicht da eine Besonderheit zu.

Man weiß, dass nichts bleibt von einem.

Man weiß, dass die eigenen Kinder sterben werden.

Und die Kinder der Kinder werden auch sterben.

Trotzdem versucht man, etwas – ich will nicht sagen – festzuhalten, allein nur gegen das Vernichtetwerden, das aber auch.

Man versucht, überhaupt Zeit abzubilden.

Man versucht zu zeigen: Ich war hier, aber nicht einfach ich als Privatperson Nadja Küchenmeister.

Sondern auch ich als Schriftstellerin habe die Welt wahrgenommen, und in meiner kurzen Zeit, die ich hier war, habe ich auch versucht, etwas in diese Welt zurück zu geben.

Im Gedicht kann man konkret erinnern.

Indem man sich darauf verlässt, ganz kleine Details mitunter nur anzuschauen, indem man etwas zum Schwingen bringt, ohne es auserzählen zu müssen.

Das Interessante an der Erinnerung ist ja, dass sie zweifach funktioniert.

Einerseits können wir Erinnerungen nahezu bestellen.

Wir haben abgelegte Erinnerungen, auf die wir immer wieder zurückgreifen.

Und andererseits stellt sich Erinnerung auch ein, häufig im Halbschlaf, in somnambulen Zuständen.

Schreiben ist immer in Austausch treten mit anderen Autorinnen und Autoren, mit verstorbenen, mit noch lebenden.

Man knüpft da ja gemeinsam an einem Teppich, den niemand ganz überblicken kann.

Aber man schreibt sich ein, man webt sich hinein in diesen Teppich.

Und es ist etwas Seltsames, was ich auch immer noch nicht für mich selbst herausfinden konnte: Warum man eigentlich immer wieder hoffnungsvoll aufsteht, in den Tag geht, obwohl man weiß, dass man sterben wird?

“Im Glasberg” – Nadja Küchenmeister und ihre neuen Gedichte

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