Es ist nicht nur ein weiterer Extremsport-Stream, sondern ein neuer Prüfstein für die Rolle von Plattformen im Live-Geschäft: Netflix überträgt in der Nacht auf Samstag um 2.00 Uhr deutscher Zeit ein Ereignis, bei dem ein einziger Fehltritt tödlich enden kann. Der US-Kletterer Alex Honnold (40) will den Taipei 101 in der taiwanischen Hauptstadt ohne Seil, ohne Netz und ohne jede Absicherung erklimmen – 508 Meter hoch, 101 Stockwerke, eine pagodenartig gestufte Glasfassade. Der Abstieg ist unspektakulär geplant: mit dem Aufzug.
Das Projekt trägt den Titel „Skyscraper Live“ und markiert den nächsten Vorstoß von Netflix in den Live-Bereich, nachdem der Streamingdienst bereits Wrestling, Boxen und American Football übertragen hat. Auch ein Einstieg in die Formel 1 war im Gespräch, die US-Rechte gingen jedoch in diesem Jahr an Apple TV. Nun setzt Netflix auf ein Spektakel, das nicht nur wegen seiner Bilder, sondern wegen seiner Risiken eine Debatte auslöst.

Honnold macht keinen Hehl aus der Gefahr. Er spricht von einem Versuch ohne Spielraum für Fehler und davon, dass ihn die Angst stets begleite. In einem CNN-Interview stellte er klar, dass es kein Sicherheitsnetz gebe: keine Seile, keine zusätzliche Ausrüstung, nur er und das Gebäude. Der Mann, der seit rund 30 Jahren klettert, ist in der Szene eine Ausnahmefigur. Internationale Berühmtheit erlangte er mit dem Film „Free Solo“, der 2019 den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewann und zeigt, wie er die 915 Meter hohe Wand des El Capitan im Yosemite-Nationalpark ohne Sicherung bezwingt. „National Geographic“ bezeichnete diese Leistung einmal als möglicherweise größte in der Geschichte des Felskletterns.
Zwischen Spektakel und moralischer Grenze
Schon die Ankündigung des Projekts hat Kritik ausgelöst – und Honnold zeigt dafür Verständnis. Er berichtet, viele hätten gesagt, das sei dumm und habe mit Klettern nichts mehr zu tun. Gleichzeitig hält er dagegen, dass viele es selbst versuchen würden, wenn sie die Gelegenheit hätten. Für ihn unterscheidet sich der Aufstieg am Wolkenkratzer nicht grundlegend von dem, was er sonst tut – auch wenn er einräumt, dass es dramatischer wirkt, weil die Konsequenzen so viel größer sind. In dem Trailer fällt der Satz, der die Debatte verdichtet: Wenn du fällst, bist du tot.
Genau hier setzt die ethische Kritik an. Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) fragte bereits, ob Netflix hier „mit dem Tod spielt“. Der deutsche Medien- und Sportwissenschaftler Thomas Horky sagt, Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich bewusst in eine potenziell tödliche Situation begeben, halte er persönlich für nicht vertretbar – auch wenn er betont, dass sich seine Kritik nicht primär gegen Honnold richte, da andere ebenfalls hohe Risiken eingehen, etwa auf Autobahnen. Die österreichische Philosophin und Theologin Claudia Paganini, die sich mit Medienethik beschäftigt, geht weiter: Gegenüber der Deutschen Welle sagte sie, das Konzept selbst fördere voyeuristische Dynamiken. Eine Live-Übertragung eines möglicherweise tödlichen Risiko-Events sei problematisch, weil Medien damit nicht mehr nur dokumentierten, sondern das Ereignis als Spektakel aktiv mitproduzierten.
Honnold selbst bereitete sich zweieinhalb Monate gezielt auf den Taipei 101 vor. Er ist verheiratet und Vater von zwei kleinen Kindern und sagt dennoch, das Projekt sei für ihn nicht wesentlich anders als viele andere, die er unternimmt. In der Nacht auf Samstag wird sich zeigen, ob Netflix’ Wette auf das Extreme aufgeht – und ob das Publikum eher den Athleten oder die eigene Faszination für das Risiko beobachtet.
