Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead im Interview – Top News

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Colson Whitehead: Ich glaube, es war im Sommer 2014, als landesweit über die Schule berichtet wurde.

Die Dozier-Schule wurde ja schon 2011 geschlossen, der Grund sollte also verkauft werden, aber dann fand man 55 anonyme Gräber von ehemaligen Schülern.

Sie haben forensische Analysen durchgeführt und die zeigten, dass die Schüler keines natürlichen Todes gestorben waren: Einige hatten Schrotladungen in ihrem Brustkorb.

Andere ein Schädel-Hirn-Trauma.

Also haben sie mit ehemaligen Schülern gesprochen, mit Männern in ihren 50ern, 60ern.

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Und viele dieser Männer waren weiß – und das, obwohl die Mehrheit der Schüler afroamerikanisch war.

Ich habe also darüber nachgedacht, wie das Leben im nördlichen Teil des Campus, dem Ort für Schwarze, wohl ausgesehen hat.

Das war das eine: Diese Geschichte zu hören und sich zu fragen, welche anderen Plätze es wohl gab, Plätze wie diese Schule.

2014 war aber auch der Sommer der Proteste in Ferguson, Missouri, wo Michael Brown, ein schwarzer Teenager, von einem weißen Polizisten erschossen wurde.

Und ein paar Wochen später, in New York City, wurde Eric Garner von einem weißen Polizisten zu Tode gewürgt – auch er: ein Schwarzer, der Zigaretten auf der Straße verkauft hat.

Es schien also, als würden einige Menschen, gerade weiße Gesetzeshüter, immer davonkommen, als würden sie nie zur Rechenschaft gezogen – genauso wie es in der Dozier-Schule der Fall war.

Und so kam ein Gefühl der Empörung in mir auf – hätte ich sechs Monate früher, sechs Monate später von der Schule gehört, wäre mir der Stoff vielleicht nicht so in Erinnerung geblieben.

Aber so hatte ich das Gefühl, dass so viele Leute nie für das Böse bestraft werden, das sie begehen, dass mir die Geschichte im Kopf blieb und ich angefangen habe zu recherchieren.

Das stimmt wahrscheinlich – und es führt traurigerweise zu meiner nächsten Frage.

Denn viele Details verorten den Roman in den 60er-Jahren, die Reden von Martin Luther King sind ein Beispiel, die Aufhebung der Rassentrennung in Bussen ein anderes.

Und doch hat man das Gefühl, dass dieser Roman viel über die gegenwärtige Situation in den USA erzählt.

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Marie Schoeß: Natürlich sind die Figuren Ihres Romans erfunden, auch der Ort, die spezifischen Geschehnisse sind Ergebnis Ihrer Einbildungskraft.

Und doch diente Ihnen ein historischer Ort als Vorlage: nämlich die Dozier School for Boys in Marianna, Florida.

Wie sind Sie auf diese Schule aufmerksam geworden, und was haben Sie in Ihren Recherchen erfahren?

Klar freue ich mich, dass jetzt mehr Leute von diesem Ort wissen.

Und wenn ich, indem ich Elwood und Turner erfunden habe, auch nur zehn Prozent von dem beschreibe, was wirklich passiert ist, bin ich froh darüber.

Aber – das ist vielleicht schon deutlich geworden: Ich bin zynisch geworden, wenn es um die Frage geht, welche Gesetzgebung, welche Reformen aus Büchern wie diesen entstehen können.

Ich glaube nicht, dass Literatur eine so zentrale Stellung in unserer Kultur hat, dass sie das System auf institutioneller Ebene ändern könnte.

Ich glaube, ein Buch wie “Onkel Toms Hütte” hat in den 1850er-Jahren den Norden über den Horror der Sklaverei im Süden aufgeklärt.

Es hat die Anti-Sklaverei-Bewegung vorangetrieben.

“Der Dschungel” von Upton Sinclair hat in den 1920er-Jahren auf schlimme Praktiken in der Lebensmittelindustrie aufmerksam gemacht.

Es folgten Regulierungen.

Aber ich sehe heute keine Anhörungen im Senat zur Frage, wie wir mit Menschen umgehen, mit armen Menschen, weil die Leute, die die Macht dazu hätten, keine Romane lesen.

Leider.

Ich weiß, ich sollte sagen, dass Romane erhebend sind und Kunst überhaupt ganz wichtig.

Aber wenn wir über die institutionelle Ebene reden, glaube ich nicht, dass die Leute jetzt losstürmen, um die “Nickel Boys” zu lesen.

Das haben vor ihm nur drei andere Autoren geschafft: Colson Whitehead hat zum zweiten Mal den Pulitzer-Preis für den besten Roman erhalten.

Im Interview zeigt sich der US-Schriftsteller allerdings desillusioniert über die Macht von Büchern.

Colson Whitehead ist spätestens seit seinem letzten Roman “Underground Railroad” über die Flucht von Sklaven aus dem Süden in den Norden der USA in aller Munde.

2017 hat er dafür den Pulitzer-Preis erhalten.

Nun wurde auch sein aktueller Roman “Die Nickel Boys” mit dem renommierten Preis ausgezeichnet.

Darin erzählt der Schriftsteller von einer “Besserungsanstalt” im Süden der USA, einem Ort des Schreckens, in dem Kinder misshandelt und gebrochen werden.

Marie Schoeß hat Colson Whitehead 2019 zum Interview getroffen und mit ihm über fortdauernden Rassismus in der US-Gesellschaft gesprochen – und darüber, was Bücher heute noch bewirken können.

Und trotzdem: Ist die Tatsache, dass Sie so zumindest an die Jungen erinnern, dass ihr Schicksal nicht vergessen wird, für Sie ein Grund zu schreiben?

Gleich auf der ersten Seite beschreiben Sie den wahrscheinlich dunkelsten Flecken dieser Schule: den geheimen Friedhof, der gefunden wird, als an seiner Stelle eigentlich ein Büroviertel entstehen soll.

“Eine teure Komplikation” sei der Fund dieses Friedhofs, lässt uns der Erzähler wissen, und überhaupt ärgerlich, weil dieses schamvolle Kapitel der Geschichte abgehakt werden sollte.

Verstehe ich Ihr Schreiben richtig, wenn ich es auch als Einspruch dagegen lese, solche Kapitel der Geschichte abzuhaken?

Zum einen: Es war toll, darüber nachzudenken, welche Reden von Dr.

King für Elwood von Bedeutung sein könnten.

Es war schön, die Reden noch einmal anzuhören, jeder kann sie ja online hören, umsonst, jederzeit.

Elwood versucht wirklich, diesen Idealen von Martin Luther King gerecht zu werden.

Und es ist doch eigentlich unvorstellbar, welchen Mut es braucht, um zu protestieren, wenn man weiß, dass da weiße Menschen mit Waffen darauf warten, dich zu verprügeln.

Es trotzdem jeden Tag zu tun und wirklich einen Fortschritt zu bewirken: Ich glaube, diese Art des Glaubens, der Hoffnung, übersteigt meine Person – wahrscheinlich übersteigt das die meisten Menschen.

Deshalb denkt man so gern an Figuren wie Dr.

King und Elwood – daran, dass es Menschen gibt, die noch glauben, dass wir das System verändern können.

Das will ich natürlich auch und das ist Teil meines persönlichen Kampfes.

Die Frage ist, wohin wir uns entwickeln und welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen.

Man braucht Hoffnung, auch wenn es viele Beweise dafür gibt, dass es schlecht aussieht.

Das ist mein Dilemma und ich denke auch das vieler anderer.

Das stimmt.

Elwood ist 1963 16 Jahre alt, so habe ich die Geschichte angelegt.

Sie könnte auch 1985 spielen oder 1925, aber ich habe mich für 1963 entschieden, weil es der Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung war und zugleich der Höhepunkt der Jim-Crow-Ära, dem System der unterdrückenden Gesetze, die das Leben, die Freiheit der Schwarzen im Süden kontrollierten.

Es ist eine optimistische Zeit und zugleich eine Zeit ganz realer Einschränkungen.

Elwood ist inspiriert von Martin Luther King, davon, was die Bürgerrechtsbewegung geschafft hat, und er sieht sich als Vertreter einer Generation, die die Dinge ändern wird.

Dann trampt er und steigt auf seinem Weg ins College beim falschen Mann ein.

Das Auto ist gestohlen, und er landet in der Nickel Schule.

Er ist also ein gutes Kind, er hat es nicht verdient, da zu enden, und für mich ist er eine Art Stellvertreter für die schwarzen Jugendlichen, die von der Polizei angehalten werden – einfach nur wegen ihrer Hautfarbe.

Solche Begegnungen können alles ändern: Wenn du zu schnell nach deinem Portemonnaie greifst zum Beispiel, und sie denken, du hast eine Waffe, und dich erschießen.

Oder du wirst aufgegriffen, weil jemand anderes etwas getan hat, verbringst eine Nacht im Gefängnis und das ist dann erst der Anfang.

Von daher: Elwood ist ein Unschuldiger und ein Türöffner für den Leser, weil er neu in dieser schrecklichen Umgebung ist und der Leser durch ihn alles sieht.

Aber: So einen Ort wie die Dozier-Schule, wo so viel Missbrauch geschieht, verdient niemand.

Kein Straftäter, kein Unschuldiger verdient diese Behandlung.

Vielleicht können wir das Gespräch mit einer anderen politischen Erfahrung beenden: Sie zitieren in dem Buch aus vielen Reden Martin Luther Kings, und eine dieser Reden kreist um die drei altgriechischen Begriffe Eros, Philia und Agape.

Für King war Agape ein zentraler Begriff, weil sich darin nicht nur die romantische Liebe ausdrückt, nicht nur Freundschaft, sondern eine Art Wohlwollen unter den Menschen, die Möglichkeit zur Vergebung.

Mir ist völlig klar, dass Elwood und damit eine literarische Figur über diese Rede nachdenkt und sich an ihr orientiert.

Aber trotzdem habe ich mich gefragt, was Ihnen persönlich die Rede bedeutet und dieser unbedingte Wille, vielleicht ja sogar die Forderung zu lieben.

Sie haben angefangen zu recherchieren und dann den Roman “Die Nickel Boys” geschrieben – ausgehend vom historischen Stoff.

Im Zentrum steht Elwood.

Ein schwarzer Junge, freundlich, ambitioniert und eigentlich schon auf dem Weg zum College, als er in dieser so genannten Besserungsanstalt, dem Nickel, endet.

Das ist einer von vielen Momenten, in denen der Leser großes Mitleid mit dieser Figur entwickelt.

Denn wieder, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, macht Elwood nichts falsch und wird trotzdem zum Opfer der Geschichte.

Ich habe vor diesem Buch über die Sklaverei geschrieben, dann über die Jim-Crow-Gesetze, was eine Art Verlängerung der Sklaverei war.

Die Sklaverei war Geschichte, aber sie haben andere Wege gefunden, um das Leben und die Freiheit im Süden zu kontrollieren.

Von daher: Als Sklaven konnten wir nicht wählen.

In der Jim-Crow-Ära haben sie andere Hürden geschaffen – Lese- und Schreibtests für Wähler zum Beispiel.

Eine weiße Person kommt zur Wahl, und sie fragen: Wer ist der Präsident? Und die Person antwortet: John F.

Kennedy.

Dann darf sie wählen.

Eine schwarze Person taucht auf und sie sagen: Zitiere die Unabhängigkeitserklärung.

All diese willkürlichen Regeln eben, um Schwarze von der Wahl abzuhalten, haben funktioniert.

Und heute? Wissen wir von der Manipulation von Wahlkreisgrenzen, um den Einfluss von Minderheiten einzuschränken, es werden Wahllokale geschlossen in Gegenden, in denen Minderheiten leben, damit es schwieriger wird zu wählen – man kann ja nicht die Arbeit liegen lassen und 50 Meilen zum Wählen fahren.

Es gibt genug Leute, die sich Gedanken darüber machen, wie man Menschen entrechten kann – arme, schwarze Menschen.

Das galt vor 150 Jahren, das galt in den 60ern und heute ist es nicht anders.

Es wird viel Energie darauf verwendet, die Macht zu behalten.

Das haben vor ihm nur drei andere Autoren geschafft: Colson Whitehead hat zum zweiten Mal den Pulitzer-Preis für den besten Roman erhalten.

Im Interview zeigt sich der US-Schriftsteller allerdings desillusioniert über die Macht von Büchern.

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Wir haben über die Schule gesprochen und wie das da zugegangen ist: Und natürlich kommt dann die Frage: Können wir etwas ändern – das System beenden, die Misshandlungen? Und ich denke, die Antwort ist nein.

Wenn ich jetzt mit dem Buch reise, stoße ich natürlich Menschen auf ihre eigene Vergangenheit.

In Irland gab es ein Heim für unverheiratete Mütter, St.

Mary’s.

Jahrzehntelang gab es das, und als es geschlossen wurde, haben sie Leichen von Babys und kleinen Kindern gefunden.

In Kanada haben sie die Schule, von der ich schreibe, mit Internaten in Verbindung gebracht: Jahrzehntelang wurden indigenen Familien ihre Kinder weggenommen, um sie in die “Kultur der Weißen” einzuführen.

Auch da: Misshandlungen.

Und gerade jetzt haben wir in den USA, an der südlichen Grenze, Lager wie Gefängnisse für Flüchtlingskinder.

Die Leute kommen, um ein neues Leben zu beginnen, und werden in Gefangenenlagern gehalten.

Wir schließen das Kapitel des Missbrauchs also sicher nicht.

Die Machthaber werden immer die Machtlosen jagen.

Und während sich diese Dinge fortsetzen, schauen die Leute in die andere Richtung.

Jahrzehntelang wurde von Missbrauch in der Dozier-Schule berichtet, Reformen wurden versprochen, und nichts ist geschehen.

Man schließt also einen solchen Ort, aber wie viele andere gibt es?

“Die Nickel Boys” von Colson Whitehead ist im Hanser Verlag erschienen.

Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead im Interview

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