Schmerzhaft sinnlich: Ocean Vuong überzeugt auch als Lyriker – Top News

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“I just don’t know / how to love a man / gently.

Wer Ironie und andere Strategien der Distanzierung braucht, der wird sich nicht einrichten können in diesem Buch.

Denn Vuong hat weder Angst vor Sinnlichkeit noch schreckt er zurück vor Pathos in seiner alten, umfassenden Bedeutung: vor Leid, Leidenschaften und dem leidenschaftlichen Sprechen über beides.

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Es ist gerade die Zärtlichkeit, die dem Ich nicht gelingen will – das spürt der Leser des Originals noch deutlicher.

Er habe „a bellyful of English“, einen Bauch voll Englisch – das wird dem Ich in Vuongs autobiographischem Roman bescheinigt.

Dieser Gedichtband beweist es einmal mehr: Ocean Vuong hat einen Bauch und einen Kopf voll Sprache.

Er weiß genau, welches Geschenk und welcher Abgrund darin steckt.

Und er scheut sich nicht, solche großen Wörter – Geschenk, Gabe, Gnade – auch zu benutzen.

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Sein Romandebüt war das literarische Ereignis des letzten Jahres.

Nun erscheint Ocean Vuongs preisgekrönter erster Lyrikband “Nachthimmel mit Austrittswunden”.

Darin zeigt der Amerikaner erneut, dass er keine Angst vor Pathos und Sinnlichkeit hat.

“Es ist ganz einfach”, erklärt das lyrische Ich dieses Bandes einmal: “Ich weiß nicht, wie man einen Mann zart liebt.

“Nachthimmel mit Austrittswunden” von Ocean Vuong ist in einer zweisprachiger Ausgabe im Hanser Verlag erschienen.

Die Übersetzung stammt – wie schon im Fall von Vuongs Romandebüt – von Anne-Kristin Mittag.

Wie so oft in Vuongs nun endlich ins Deutsche übertragenem Lyrikerstling “Nachthimmel mit Austrittswunden” steckt die Traurigkeit des Ichs gar nicht unbedingt in den Worten, sondern in den Räumen zwischen ihnen: Wenn ein Gedanke in zwei Verse geschnitten wird und sich im Schnitt der Schmerz vollzieht.

Ein Schnitt zwischen den Ohren des Vaters und der Hand des Sohnes, die sie berührt.

Ein Schnitt zwischen der Mutter, die dem Hammer in der Hand des Vaters bloß “eine Nagellänge” voraus ist.

Noch ein Schnitt: zwischen den dunklen Haaren auf der begehrten Männerbrust und dem, woran sie auch denken lassen: Beinchen ausgestorbener Insekten.

Der Schmerz im Zwischenraum

Wie der Romancier, so der Lyriker

Nichts für Ironiker

Ein Zeilensprung ist nötig, um vom Lieben zum zarten Lieben zu gelangen.

So weit ist das einfache “Lieben” von seiner möglichen Ausprägung, dem “Zart”-Sein, entfernt, dass Vuong beides trennen muss: Er bringt Weißraum dazwischen, rückt den Vers, der das Zarte kennt, zusätzlich ein, so als müsse der Abstand zum Lieben noch größer werden, so als könne das Zarte nur in der Distanz zum Lieben bestehen.

Sein Romandebüt war das literarische Ereignis des letzten Jahres.

Nun erscheint Ocean Vuongs preisgekrönter erster Lyrikband “Nachthimmel mit Austrittswunden”.

Darin zeigt der Amerikaner erneut, dass er keine Angst vor Pathos und Sinnlichkeit hat.

wie man einen Mann zart

Es ist ganz einfach: Ich weiß nicht

Ich halte im Feld & mache den Motor aus.

wird.

Glühwürmchen gefädelt

etwas, zu dem man geprügelt

liebt.

Zärtlichkeit

durch Saphirluft.

Schmerzhaft sinnlich: Ocean Vuong überzeugt auch als Lyriker

Milchblütenblätter auf der Straße

So zum Beispiel in dem Gedicht “Morgenmusik mit brennender Stadt”, das an einen Apriltag im Jahr 1975 erinnert.

An jenen Frühlingsmorgen in Saigon, an dem die amerikanischen Radiostationen plötzlich Irving Berlins Weihnachtsklassiker “White Christmas” spielten.

Eine versteckte Botschaft an das amerikanische Personal: die Stadt zu evakuieren.

Ocean Voung verwebt in seiner lyrischen Reminiszenz den scheinbar arglosen Liedtext kunstvoll mit der Realität in den Straßen von Saigon.

Wer Ocean Vuongs Debütroman “Auf Erden sind wir kurz grandios” gelesen hat, der wird in den Gedichten einiges wiedererkennen: die unheimliche Verbindung aus Fragilität und Gewalt, in Gedanken, aber auch im sprachlichen Ausdruck; die Körperlichkeit, die das Ich erkundet und die nicht zu trennen ist von der Sinnlichkeit des Textkörpers; das Staunen über die eigene queere Sexualität, über sprachliche Bilder, aus der Natur, aus der Kunst, die immer schon zu wissen scheinen, dass das Süße und das Schmerzhafte einen eigentümlichen Pakt geschlossen haben; und das Kreisen um die Orte, die Vuongs Biografie bestimmen: Saigon und New York.

Er schenkt eine Teetasse voll Champagner, hebt sie an ihre Lippen.

Und ein einziger Wunsch stellt sich ein…

wie Fetzen vom Kleid eines Mädchens.

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